Ein Jahr Corona in Solingen

Die Zahlen steigen rasant, der „Solinger Weg“ wird gestoppt

Drei Tage hat die Alexander-Coppel-Gesamtschule den Hybridunterricht getestet. Nicht alles klappte, sagt Leiter Andreas Tempel. Foto: Christian Beier
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Andreas Tempel, Schulleiter der Alexander-Coppel-Gesamtschule, testete drei Tage lang den „Solinger Weg“ und machte damit bundesweit Schlagzeilen.

Anfang November sorgt die Schulpolitik des Landes für Unverständnis.

Solingen. Im Oktober steigen die Corona-Zahlen rasant an. In den Monat startet Solingen mit 78 Infizierten (4 Neuinfektionen) und einem Inzidenzwert von 22,1. Doch schon am Wochenende 3./4. Oktober und am Montag darauf kommen 40 weitere Fälle hinzu. Es gelten erste Einschränkungen, der BHC muss ohne Zuschauer spielen, da die Vorwarnstufe von 35 bei der Inzidenz überschritten wird (46,6). Auf einen Hotspot lässt sich der Anstieg nicht zurückführen, viele Einzelfälle besorgen Ärzte und Krisenstab.

Am 9. Oktober steigt der Inzidenzwert auf mehr als 50, die Klingenstadt ist „Risikogebiet“: Solinger müssen in vielen Bundesländern einen negativen Corona-Test vorlegen, wenn sie dort übernachten wollen. Bethanien testet allein am folgenden Wochenende 550 Menschen. Binnen zwei Tagen steigt die Inzidenz auf 81. Die Stadt stockt den Ordnungsdienst auf, kontrolliert die Quarantäne und Veranstaltungen. Neue Infektionen werden in Altenheimen entdeckt.

Mitte Oktober sind 168 Menschen infiziert und mehr als 1200 Solingen in Quarantäne. Das Gesundheitsamt rechnet mit weiter steigenden Zahlen. Ab 17. Oktober muss die Stadt analog zu Landesrecht die Regeln verschärfen. Es gelten eine Sperrstunde für die Gastronomie und Beschränkungen für Treffen im öffentlichen Raum. Die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nase-Maske gilt nun auf Plätzen und in Fußgängerzonen.

Das Gesundheitsamt der Stadt werde mit weiterem Personal verstärkt, um das Geschehen tagesaktuell aufarbeiten zu können, kündigt OB Kurzbach an. „Auch wenn die Gefahr steigt – wir haben die Lage in Solingen nach wie vor im Griff und sind auf diese Entwicklung vorbereitet.“

Am ersten Geltungstag der neuen Regeln sind 204 Solinger infiziert, das ST meldet eine Inzidenz von 102,45 – bis Mitte Januar wird die Zahl nicht mehr unter 100 sinken. Die Testlabore stoßen an ihre Grenzen, zwischenzeitlich dauert die Übermittlung des Ergebnisses bis zu fünf Tage. Und es wird wieder gehamstert, Toilettenpapier ist knapp.

Den Schulen ist freigestellt, ob die beiden Gruppen wochen- oder tageweise wechseln.

Dagmar Becker, Schuldezernentin

Binnen weniger als einer Woche steigt die Zahl auf 345 – das ST meldet am 22. Oktober eine Inzidenz von 149,7, erneut nur zwei Tage später liegt sie bei nahezu 200. Langsam steigt die Zahl der Covid-Patienten in den Solinger Kliniken. Dennoch starten die Schulen nach den Herbstferien am 26. Oktober mit Präsenzunterricht.

Angesichts der Vielzahl der Fälle hat das Gesundheitsamt zunehmend Probleme mit der Verfolgung von Infektionsketten. Hilfe der Bundeswehr sei aber „noch nicht notwendig“, so die Stadt. Am 28. Oktober fordern Lehrer im Tageblatt einen Notfallplan für den Unterricht – die Inzidenz liegt bei 230. Die Kliniken untersagen Besuche, Bethanien baut sein Testzentrum deutlich aus. Ende Oktober gibt die Stadt bekannt, ab 4. November in kleinen Gruppen unterrichten zu wollen. Die Zahl der Präsenz-Schüler soll halbiert, Klassen- oder Kursgruppen abwechselnd in der Schule unterrichtet werden oder eigenständig von zu Hause arbeiten.

„Den Schulen ist freigestellt, ob die beiden Gruppen wochen- oder tageweise wechseln“, so Schuldezernentin Dagmar Becker. Dafür erlässt die Stadt eine eigene Allgemeinverfügung. Dieses Wechselmodell, bald „Solinger Weg“ genannt und bundesweit diskutiert, wird einen Tag vor dem Start von der Landesregierung untersagt. Die Stadt kritisiert das Land scharf und bekommt viel Unterstützung.

Die Mitarbeiterzahl im Gesundheitsamt wird Anfang November von rund 100 in einem ersten Schritt auf mehr als 150 und dann auf 200 steigen, die Bundeswehr hilft nun bei der Kontaktverfolgung. Die Gastronomie muss Anfang November schließen, der Einzelhandel bleibt vorerst offen.

Am 6. November sind 205 Lehrer sowie 1514 Schüler in Quarantäne. Kliniken ziehen ihre Pflegekräfte zusammen.

Am 11. November fällt der Beginn der fünften Jahreszeit komplett aus – Solingen meldet eine Inzidenz von rund 220 und den 21. Todesfall in Zusammenhang mit Corona. In den kommenden Wochen wird diese Zahl stark ansteigen.

Die drei bergischen Oberbürgermeister schreiben einen Brandbrief: „Bei Inzidenzwerten von weiterhin über 200 und der bereits hohen Auslastung der Intensivbetten mit Beatmung müssen wir davon ausgehen, dass insbesondere die intensivmedizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger in unseren Städten nicht mehr lange ausreichen wird, um Menschenleben zu retten“, heißt es in dem Schreiben an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und seinen NRW-Kollegen Karl-Josef Laumann (beide CDU). Die Kliniken sollen nicht notwendige Eingriffe verschieben, so Kapazitäten für Corona-Patienten frei halten und dafür finanziell entschädigt werden. Am 14. November werden erstmals mehr als 50 Menschen wegen Covid-19 stationär behandelt, bis Mitte Dezember steigt die Zahl auf mehr als 80.

Am 16. November bricht Corona in zwei Altenheimen aus. Im Haus Ahorn sind zwei Bewohner gestorben, 28 weitere infiziert – im St. Lukas Pflegeheim sind 17 erkrankt. Die Inzidenzzahl liegt bei 276,1.

Wegen der Vielzahl der Fälle nimmt das Gesundheitsamt nicht mehr Kontakt zu einzelnen Schülern auf, die Schulen informieren stattdessen über Quarantäne. Weil es auch viele Lehrer erwischt, testet unter anderem die Alexander-Coppel-Gesamtschule den Hybridunterricht. Das Fazit ist gemischt. Noch fehlt es an geeigneter Soft- und Hardware.

Am 20. November ist klar: Solingen erhält ein Impfzentrum, es muss am 15. Dezember einsatzbereit sein. Das gelingt. Weil der Impfstoff knapp ist und die Impfkampagne in den Heimen startet, findet die erste Impfung im Zentrum im ehemaligen Kaufhof-Gebäude aber erst am 8. Februar statt.

Weitere Schlagzeilen: 26. November: Corona begünstigt häusliche Gewalt, 30. November: Gastronomen warten auf Hilfsgelder.

Hier finden Sie alle Artikel unseres Rückblicks „Ein Jahr Corona in Solingen“:

März 2020: Das Coronavirus erreicht Solingen

April 2020: Schon gibt es wieder Lockerungen

Sommer: Solingen hat die meisten Neuinfektionen in NRW – mit einer Inzidenz von 26,88

November 2020: Die Zahlen steigen rasant, der „Solinger Weg“ wird gestoppt

Dezember 2020: Inzidenzwert nähert sich 300

ab Januar 2021: Fälle gehen zurück, Mutationen nehmen zu

Unser Live-Blog ist seit Beginn der Pandemie aktuell. Hier finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen

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