Mein Blick auf die Woche in Solingen

Wo sind sie geblieben? Über die Gründe von Personalmangel in der Krise

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Viele Betriebe finden keine Arbeitskräfte. Die Schuld daran kann nicht nur auf die Generation Z geschoben werden, auch die Unternehmen müssen handeln, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

“Sag mir, wo die Blumen sind‘‚, fragte einst Marlene Dietrich in ihrem bewegenden Anti-Kriegs-Lied. Wo die jungen Menschen sind, davon können fast alle Firmenchefs ein Liedchen singen. Denn es gibt eigentlich keine Branche, die nicht darunter ächzt, dass Aushilfen, Studentenjobs, Zeitungsboten, Sicherheitskräfte oder Bedienungen fehlen. Nach den Pandemie-Lockdowns scheinen die irgendwie und irgendwo hin spurlos verschwunden zu sein. Das treibt zum Teil kuriose Blüten. In Bonn können zwei von fünf Freibädern nicht öffnen, in Leverkusen bleibt das beliebte Freibad Calevornia in den kommenden Sommerferien zu.

Grund: Mangel an Fach- und Saisonkräften. Da können wir in Solingen fast glücklich sein, dass wir nur zwei Freibäder haben, die beide pünktlich zum Saisonstart ihre Becken parat haben. Was im Fall des schwer von der Flut beschädigten Freibads Ittertal eine ganz besonders bemerkenswerte Leistung ist. Allerdings muss das Heidebad an diesem Wochenende auch passen: Personalmangel.

Geschlossene Freibäder bedeuten aber nicht nur, dass es dann eben mal weniger Badespaß im Sommer gibt. In Verbindung mit dem eklatanten Mangel an Schwimmkursen mit Wartezeiten bis zum einem Jahr wird auf nicht überwachte Badeseen und Teiche ausgewichen, was zwangsläufig mehr tödliche Schwimmunfälle nach sich ziehen wird. 

Nicht tödlich, aber ebenso spürbar der Personalmangel in der Gastronomie. Restaurants und Kneipen stecken gleich doppelt in der Klemme: Die drastisch verteuerten Preise vergraulen die Gäste, gleichzeitig müssen viele ihre Öffnungszeiten einschränken, weil Bedienung oder Küchenhilfe fehlen.

Wer ist schuld am Personalmangel?

Die Frage, „Wo sind sie geblieben?”, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Eigentlich sollte unser extrem teuer gewordenes Leben mit astronomischen Kosten für Mieten, Benzin und Gas Anreize genug bieten, sich in der Freizeit noch etwas hinzuverdienen zu wollen. Zumal der bald auf 12 Euro steigende Mindestlohn auch für Aushilfstätigkeiten schnell ein paar hundert Euro im Monat in die Kasse spült.

Aber anscheinend hat insbesondere die Generation Z nicht wirklich Lust darauf, spätabends zu kellnern oder frühmorgens die Zeitung auszutragen, solange das Auto auch ohne eigenen Einsatz vollgetankt vor der elterlichen Haustür steht. Alles nur ein Vorurteil? Jeder kennt die entsprechenden Fälle aus eigenem Erleben - natürlich ebenso die Gegenbeispiele, die aber insbesondere nach der Corona-Zwangspause scheinbar in die Minderheit geraten. 

Doch die Schuld an der allgemeinen Personalmisere nur auf eine unlustige junge Generation zu schieben, ist zu billig. Verantwortlich sind die Unternehmen oft selbst: Gebetsmühlenhaft wirbt die Industrie- und Handelskammer bei ihren Firmen darum, nicht an der Ausbildung zu sparen. Das galt demografiebedingt schon immer. Jetzt wird es durch die Verschärfung der wirtschaftlichen Situation zu einem existenziellen Problem.

Dazu kommt, dass vielerorts die Personaldecke so weit ausgedünnt wurde, dass sie bei der kleinsten Belastungsprobe reißt. Bestes, oder besser gesagt, schlimmstes Beispiel: Weil ein einziger Mitarbeiter im Stellwerk der Deutschen Bahn kurzfristig ausfiel, konnte die S-Bahn-Linie 7 von Mittag bis abends nicht fahren, hunderte Pendler standen zwar nicht im Regen, aber in der Hitze frustriert rum. Wie so die Verkehrswende gelingen soll, bleibt das gut gehütete Geheimnis der Politiker und Bahn-Chefs. 

Warum es aber bei den Fahrschulen ebenfalls zu extremen Wartezeiten kommt, hat wiederum andere Ursachen. Und die liegen in unserer deutschen Unbeweglichkeit im Denken und Handeln. Wir können einfach keine Krise, und im Gegensatz zu unseren europäischen Nachbarn ist das Wort Pragmatismus unbekannt.

Der Tüv hat zu wenig Prüfer, um die Fahrprüfungen abzunehmen. Da diese Prüfer in Deutschland ausnahmslos ausgebildete Ingenieure sein müssen, lässt sich der Engpass nicht mal eben beheben. Doch dass entsprechend qualifizierte Fahrlehrer einspringen und die Lücke schließen, das ist im Amtsschimmel-Paradies Deutschland undenkbar. „‘Wann wird man je verstehen?‘‚ endet der Song der Dietrich. Hier gibt es allerdings eine eindeutige Antwort: Nie.  

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