Die Woche in Solingen

Stimmt die Mischung, stimmt auch die Kasse wieder

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Solingen ist zwar arm, aber nicht sexy, erklärt Chefredakteur Stefan M. Kob im Wochenkommentar. Deshalb muss sich die Klingenstadt in allen Bereichen weiterentwickeln, um für alle attraktiv zu bleiben.

Solingen. Berlin sei “arm, aber sexy”, lautet ein bekanntes Bonmot des früheren Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Arm ist Solingen auch, vor allem, wenn man die Zahlen des neuen Haushalts sieht, der am Donnerstag dem Stadtrat vorgelegt wurde. Aber sexy? Wohl kaum, wenn auch – laut städtischer Eigenwerbung – immerhin “echt scharf”. 

Das Zitat von “Wowi” wird allerdings auch durch tausendfache Wiederholung nicht richtiger. Ansprechend, anziehend, attraktiv, begehrenswert – die Bedeutung von sexy passt zu arm so wenig wie der Dom zu Düsseldorf. Denn wenn schon jetzt absehbar ist, dass das hochverschuldete Solingen nicht um eine Erhöhung der Grundsteuern drumherum kommt, falls Bund und Land nicht helfen, ist das alles andere als anziehend. Eher abstoßend, denn das Leben in Solingen würde für alle noch teurer, nicht zuletzt für die Mieter mit schmalem Geldbeutel. 

Von wachsender Armut ist unsere Stadt besonders betroffen. Sie grassiert nicht unbedingt nur, weil immer mehr Bürger unverschuldet in Not geraten. Sondern auch, weil mehr Menschen aus prekären Verhältnissen zu uns ziehen. Einfache Erklärung: Hier gibt es noch billigen Wohnraum, insbesondere in der Innenstadt. Mit Mietwohnungen, für die ein Normalverdiener wohl nicht mal einen Besichtigungstermin vereinbaren würde. 

Die Zahlen sprechen leider eine besorgniserregende Sprache: Fast jeder siebte Solinger lebt von der Sozialhilfe, der Anteil der überschuldeten Familien liegt deutlich über dem Landes- und Bundesdurchschnitt.

Politik und Stadt stellt dieser Trend vor gewaltige Herausforderungen. Denn eine schwierige Sozialstruktur bedeutet auch eine enorme Belastung für den Etat, der in hohem Maße für soziale Aufgaben aufkommen muss, ohne dass dies durch Bundes- und Landeszuschüsse kompensiert würde. Über die Hälfte aller Ausgaben sind Sozialleistungen, ein weiteres Viertel Personalkosten. Geld, das an anderer Stelle für wichtige Investitionen fehlt.  

Auch die steigenden Personalkosten entstehen zum Teil indirekt im Sozialbereich, weil sich die Stadt für die Versorgung der notleidenden Menschen organisatorisch breiter aufstellen muss. So werden zum Beispiel allein in der Wohngeldstelle fünf neue Mitarbeiter benötigt, um solche katastrophalen Engpässe bei der Bearbeitung von Anträgen zu vermeiden, die zuletzt für viel Ärger gesorgt hatten.  

Entsprechend alarmiert sind Politiker und Wohlfahrtsverbände. Bei einer gemeinsamen Sitzung mit den zuständigen Fachausschüssen sollen nächste Woche Wege aus der Misere gesucht werden.  

Bei den Rezepten, die auf dem Tisch liegen, gibt es richtige Ideen – die allerdings auch erst einmal Geld kosten, wie die Schaffung einer einheitlichen Anlaufstelle für alle Bürger, die im Rathaus Leistungsanträge stellen wollen. 

Es darf aber nicht nur um das bessere Management des Zuschusswesens gehen. Es muss vor allem darum gehen, wie es sich möglichst vermeiden lässt, dass immer mehr Menschen in Armut fallen. Bildung ist sicher ein Schlüssel, aber auch der ist nicht umsonst zu haben. 

Daher lässt sich dem Problem nicht nur mit den Mitteln der Sozialpolitik beikommen. Für die Entwicklung der Stadt ist es geradezu existenziell, dass Solingen auch attraktiv für höhere Einkommensschichten wird und bleibt. Denn nur durch eine bessere Sozialstruktur kann das Prinzip “starke Schultern tragen mehr als schwache” funktionieren.

Mit den aktuellen Bauprojekten, insbesondere in Ohligs und Wald mit hochwertigen Wohnungen, sind dazu die richtigen Weichen schon gestellt. Und mit dem Neubau der Sparkassen-Zentrale am Neumarkt, für die jetzt der Grundstein gelegt wurde, entsteht am derzeitigen Standort der Hauptstelle ebenfalls ein Bauplatz in zentraler Innenstadtlage, wo moderne Wohnungen entstehen sollen.  

Arm ist nicht sexy. Aber eine gute Mischung ist es: Wenn es gelingt, die wachsende Großstadt Solingen entsprechend zu entwickeln, dann kann das durchaus eine Spirale nach oben ergeben, die das gesamte Niveau entsprechend hebt.  

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