Die Woche in Solingen

Ein Meister muss so viel wert sein wie ein Master

sven.schlickowey@rga.de
+
sven.schlickowey@rga.de

Das Ausbildungsjahr hat begonnen. Viele Bewerber suchen noch, ebenso zahlreiche Unternehmen. Was passiert, wenn es immer weniger Fachkräfte in Solingen gibt, beleuchtet ST-Redakteur Sven Schlickowey im Wochenkommentar.

Solingen. Zwar hat Anfang des Monats das neue Ausbildungsjahr bereits angefangen. Und damit für viele junge Menschen, die gerade erst die Schule verlassen haben, der nächste Ernst des Lebens: in einer dualen Ausbildung, dieser Kombination aus praktischer Lehre und Berufsschule, um die uns die halbe Welt beneidet. Doch immer noch gibt es in Solingen rund 200 unversorgte Bewerber und fast 280 unbesetzte Lehrstellen, die in einer konzertierten Aktion in der nächsten Woche auf dem Graf-Wilhelm-Platz noch an die Frau und den Mann gebracht werden sollen.

In vielen Bereichen wird es immer schwieriger, passende Azubis zu finden. Das hat zahlreiche Gründe, im Corona-Jahr gehört dazu auch, dass sich viele Schulabgänger angesichts der diversen Horrormeldungen aus der Wirtschaft unsicher zu sein scheinen, ob es sich überhaupt noch lohnt, eine Bewerbung loszuschicken. Doch der Hauptgrund ist in vielen Fällen vermutlich eine Mischung aus Unwissen und Vorurteilen.

Gerade bei handwerklichen oder gewerblich-technischen Berufen hält sich hartnäckig das Bild, dass sie einem nur Schmutz, schwere körperliche Arbeit und ein überschaubares Gehalt bescheren. Obwohl das oftmals nachweislich falsch ist, hält es ganze Generationen von Schülern davon ab, sich mit solchen Berufen auch nur einmal auseinanderzusetzen.

Das Ergebnis ist ein veritabler Fachkräftemangel in einigen Branchen, der von den Wirtschaftsverbänden oft besungen, von vielen Menschen aber eher als abstrakte Gefahr wahrgenommen wird. Obwohl er gerade eine Industriestadt wie Solingen hart trifft und das hiesige Wirtschaftswachstum bremst.

Doch nach dem Hochwasser wird dieser Mangel für viele Betroffene deutlich greifbarer, wenn sie zum Beispiel einen Handwerker suchen, um einen Wasserschaden am Haus beseitigen zu lassen. Viele Betriebe aus dem Bauhandwerk hatten vor dem Hochwasser schon genug zu tun, entsprechend lang werden manche Flutopfer warten müssen.

An dieser Situation etwas zu ändern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und eine wichtige dazu. Eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Mechatroniker muss die gleiche gesellschaftliche Anerkennung finden wie ein BWL-Studium von sechs Semestern. Und ein Meister muss so viel wert sein wie ein Master. Wie übrigens auch der Besuch einer Meisterschule nicht mehr kosten darf als ein Studium.

Aber auch die Unternehmen selbst dürfen sich nicht selbstgefällig zurücklehnen. Der Kampf um die klügsten Köpfe ist längst entbrannt. Das fängt damit an, dass viele Firmen sich immer noch nicht durchringen können, einen Azubi einzustellen. Und wenn sie es tun, kein zeitgemäßes Bewerbermanagement am Start zu haben, um den Interessenten wenigstens eine klare Rückmeldung auf ihre Bewerbung zu geben.

Natürlich brauchen wir Ingenieure, Ärzte und Sozialpädagogen. Wir brauchen aber auch Schreiner, Industriemechaniker und Köche. Und wichtiger als das Image sollte bei der Berufswahl junger Leute ohnehin sein, dass sie in ihrem Job glücklich werden. Dass es dazu gerade in Solingen und im Bergischen zahllose Möglichkeiten gibt, zeigt erneut unsere jährliche Wirtschaftsbeilage, die am nächsten Mittwoch erscheint. Hier entdeckt womöglich der eine oder andere noch unschlüssige junge Mensch, was es hier vor Ort alles für spannende Berufe und interessante Aufgaben gibt.

TOP in dieser Woche: Nach dem Hochwasser erhält Unterburg internationale Hilfe

FLOP in dieser Woche: Luftfilter für Schulen: wegen Bürokraten-Hickhack startet Ausschreibung erst jetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Bergische Messer aus 100 Prozent Abfall
Bergische Messer aus 100 Prozent Abfall
Bergische Messer aus 100 Prozent Abfall
Bahnstraße in Ohligs nach schwerem Unfall wieder frei
Bahnstraße in Ohligs nach schwerem Unfall wieder frei
Bahnstraße in Ohligs nach schwerem Unfall wieder frei
Solinger bei Unfall mit Falschfahrer verletzt
Solinger bei Unfall mit Falschfahrer verletzt
Solinger bei Unfall mit Falschfahrer verletzt
Doppelspitze kostet die Technischen Betriebe 120.000 Euro
Doppelspitze kostet die Technischen Betriebe 120.000 Euro
Doppelspitze kostet die Technischen Betriebe 120.000 Euro

Kommentare