Die Woche in Solingen

Clan-Kriminalität: Die Taktik der drei Affen ist vorbei

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Die zentrale Lage ist für Solingen Segen und Fluch zugleich - auch Clans nutzen die kurzen Wege für ihre dunklen Geschäfte. Was es aktuell zum Thema Clan-Kriminalität in Solingen zu sagen gibt, was das mit dem Einzelhandel an der Kölner Straße und Solingen als „City 2030“ zu tun hat, beleuchtet ST-Chefredakteur Stefan M. Kob im Wochenkommentar.

Solingen. Jeder, der mit offenen Augen durch die Innenstadt geht, kann es nicht übersehen. Außer den Problemen, die typisch für jede City sind und schlicht auch mit der Ballung von Menschen auf engem Raum zu tun haben, ist ganz offensichtlich, dass da noch ein anderes Klientel mehr oder weniger ungeniert offen dunklen Geschäften nachgeht.

Da wird am helllichten Tag mit Drogen gedealt, gestylte Besucher in teuren Nobelkarossen steuern Läden an, in denen sie sicherlich nichts kaufen wollen, in den Abendstunden malen Autoposer in ihren aufgemotzten Karossen mit quietschenden Reifen Kreise auf den Asphalt der Kölner Straße. Und keine Obrigkeit schien sich dafür zu interessieren, die Politik verleugnete die Probleme - die Bürger blieben mit ihren Sorgen allein. Die Redaktion kennt mindestens zwei Fälle, in denen Geschäftsinhaber von der Kölner Straße die Segel gestrichen haben, weil sie sich bedroht fühlen - offen darüber sprechen wollten sie aber nicht.

Doch die Taktik der drei Affen - nichts hören, nichts sehen, nichts sagen - ist offenkundig vorbei. Im Tageblatt-Interview benannte Kripo-Chef Dietmar Kneib Solingen klar als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans.

Über die Gründe, warum nun ausgerechnet die beschauliche Klingenstadt, könnte man fast schon ein bisschen schmunzeln, wenn es nicht so ernst wäre: Auch die Verbrecher haben erkannt, dass die Lage Solingens nahezu ideal ist. Hier lässt es sich ruhig und ungestört leben, aber die Rheinland-Metropolen sind gut erreichbar und bieten ein lukratives Betätigungsfeld - skurrilerweise genau die Argumente, mit denen Solingen als Stadt punkten möchte, um für Interessenten aus dem Umland attraktiver dazustehen. Die Clans haben das schon längst erkannt.

Da ist es auch kein Trost, dass Vögel meist ihr eigenes Nest sauber halten, also die Kriminellen ihren Rückzugsort in Ruhe lassen, während sie die Straftaten woanders begehen. Denn das Sicherheitsgefühl der Bürger leidet dennoch massiv. Vielleicht ist dies auch eine Erklärung für die seltsame Diskrepanz zwischen subjektiv gefühlter Bedrohung und den objektiven nackten Zahlen der Kriminalstatistik, die eine rückläufige Tendenz bei schweren Straftaten zeigen.

Doch seit einiger Zeit ist es mit der Ruhe vorbei. In NRW werden die Clan-Strukturen massiv bekämpft - in einem 360-Grad-Ansatz mit der Vernetzung aller wesentlichen Behörden, vom Zoll über die Ordnungs- und Sozialämter bis zum Landeskriminalamt und Wuppertaler Kripo.

Die Wende ist mit dem Namen Herbert Reul verbunden. „Den Sheriff unter den Innenministern” nannte ihn jüngst die Neue Zürcher Zeitung. Denn anders als seine Vorgänger, die dem jahrzehntelangen Treiben tatenlos zusahen, legt der Law-and-Order-Leichlinger Herbert Reul kompromisslose Härte an den Tag - auch in Solingen wurden die Ermittler aktiv gegen Clankriminalität.

Was ihm postwendend den Vorwurf einbrachte, er schüre Rassismus und Ängste. Doch das verstörende Lagebild mit über 100 kriminellen Großfamilien, tausenden von Straftaten wie Raub, Betrug, Erpressung oder Organisierte Kriminalität zeigt, wie richtig und wichtig das entschlossene Einschreiten des Staates ist.

Das Solinger Rathaus, sonst gern geübt in dem Absenden harter Kritik gen Düsseldorf, könnte hier mal eine Dankadresse an den Innenminister loswerden. Denn das Gelingen der ambitionierten Pläne der „City 2030” hängt nicht unwesentlich davon ab, dass sich das Sicherheitsgefühl in der Innenstadt deutlich verbessert.

Mit dem Start der Bauarbeiten für die neue Stadt-Sparkasse, den Plänen für die Erneuerung der Clemens-Galerien oder dem - leider wiederum verzögerten - Leuchtturmprojekt „Gläserne Werkstatt” im ehemaligen Appelrath-Cüpper-Haus fügt sich langsam ein Stein zum anderen, wie unsere ST-Stadtteilserie zur „Mitte” eindrucksvoll beleuchtet.

Top in dieser Woche: Bergisches Wissensforum geht in die dritte Runde.

Flop der Woche: Solingen ist wieder Spitze in NRW bei den Inzidenzwerten.

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