Die Woche in Solingen

Das Gemeinsame sollte auch bleiben, wenn die Flutschäden beseitigt sind

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Die Flutkatastrophe hat uns auf dramatische Weise vor Augen geführt, wie verletzlich wir sind, und dass wir dringend unser Verhalten in Bezug auf unser Klima ändern müssen. Sie hat uns aber auch gezeigt, dass man sich in dunklen Stunden auf seinen Nächsten verlassen kann, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Solingen. Über 100 Tage sind seit der Flutnacht zum 15. Juli vergangen - und die Folgen in jeder Hinsicht noch allgegenwärtig. Das gilt für die noch lange nicht behobenen Schäden in Unterburg, die beschädigten Brücken im bergischen Wandergebiet oder in den beiden Museumskotten an der Wupper.

Das gilt auch für die nach wie vor ungeklärten Fragen der Verantwortung: Es ist verständlich, dass die Betroffenen den Wupperverband an den Pranger gestellt sehen möchten und auf Antworten auf ihre drängenden Fragen warten. Doch die bisherigen Ergebnisse der Aufarbeitung wie auch die noch andauernden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zeigen, dass die Rechts- und Schuldfragen extrem komplex sind. 

Doch nicht nur Leid und Verzweiflung hat das Hochwasser gebracht. Es hat in den Stunden der höchsten Not ebenso ein neues Gemeinschaftsgefühl zwischen Nachbarn entstehen lassen, die sich vorher fremd waren und sich gegenseitig beistanden - und es immer noch tun. Das gilt sogar für Nachbar-Städte: Solingen und Leichlingen hat das Hochwasser auf verschiedenen Ebenen ebenfalls näher zueinander gebracht. ST-Reporter Philipp Müller hat sich einen tiefen Eindruck in der Blütenstadt verschafft, die von der Flut weit heftiger betroffen war: Unsere Nachbarn jenseits der Wupper sind von einem Normalzustand noch sehr weit entfernt.

Die Brücken über die Wupper haben durchaus auch eine symbolische Bedeutung

Das Hochwasser hat eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst, die über den akuten Katastropheneinsatz weit hinausgeht. Städtische Fachleute halfen beim Beseitigen der Schäden auf Leichlinger Seite, heimatlose Schulkinder kamen in Solingen unter, Solinger Rotarier helfen beim Wiederaufbau eines völlig zerstörten Kindergartens.

Einen zusätzlichen Wert erhält das neue Miteinander dann, wenn durch die gewachsenen vertrauensvollen Beziehungen Infrastrukturprojekte gemeinsam schneller angepackt werden können - wie die Brücken über die Wupper, die da durchaus eine symbolische Bedeutung haben. Insbesondere bei der Mammutaufgabe, eine solche Katastrophe wie im Sommer zu verhindern und den Hochwasserschutz massiv zu verbessern, kann es nur eine konzertierte Aktion des Wupperverbands mit allen Anrainern geben. 

Dass die Hilfe dafür nah und lokal sein kann, beweist ein neues Hochwasser-Warnsystem, das sich ein bergischer Unternehmer ausgedacht hat - und damit wieder einmal ein Beispiel für den hiesigen Tüftlergeist darstellt. Relativ günstig herzustellende und anzubringende Sensoren können den Pegelstand der Wupper und sogar von kleinen Bächen in Echtzeit überwachen. Werden die Daten dann mit künstlicher Intelligenz ausgewertet und interpretiert, wie es die Bergische Universität jetzt versuchen will, könnte sehr schnell ein effektives Instrument zur Verfügung stehen, um wertvolle Zeit in einer vergleichbar gefährlichen Lage zu gewinnen.

In Bezug auf den Klimawandel müssen wir unsere Alltagsgewohnheiten hinterfragen

Das Hochwasser hat uns allen aber ebenfalls aufgezeigt, dass wir uns und unser Verhalten verändern müssen, wenn wir den Teil des Klimawandels aufhalten wollen, den der Mensch verursacht. Das Thema Nachhaltigkeit bekommt nochmal ein anderes Momentum, weil wir dringend Antworten auf die Fragen brauchen, wie wir unseren Wohlstand und damit den sozialen Frieden bewahren, aber gleichzeitig unsere Alltagsgewohnheiten hinterfragen müssen.

Das ST leistet dazu einen Beitrag mit einer breit angelegten Nachhaltigkeitsserie, die - passenderweise - von jungen Nachwuchsjournalistinnen erdacht, konzipiert und umgesetzt wurde, die derzeit ihren Beruf beim Solinger Tageblatt erlernen. Denn es ist insbesondere ihre Generation, die noch lange mit den Folgen leben muss, die unser Handeln heute vermeiden oder verstärken kann. Dafür braucht es Leitlinien der Politik - darum bemüht sich derzeit eine Ampel in Berlin. Dazu braucht es aber auch jeden Einzelnen, der seinen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten mag. „Jede große Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ lautet ein berühmtes Konfuzius-Zitat, das auch 2500 Jahre später nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt hat. 

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