Die Woche

Abschied vom Impfzentrum – und von der Pandemie?

bjoern.boch@ solinger-tageblatt.de
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Zeigen die Corona-Zahlen in die richtige Richtung oder ist es nur die Ruhe vor dem Sturm?

Von Björn Boch

Solingen. Bei gerade einmal 6,9 lag die Inzidenz in Solingen gestern – noch im April hatte der Wert weit jenseits der 200 gelegen. Die Zahl der aktuell Infizierten sank im gleichen Zeitraum von weit über 600 auf nun noch 33. Die Lockerungen, die nach und nach eingeführt wurden, waren also aufgrund wärmerer Temperaturen, fortschreitender Impfungen, engmaschiger Testmöglichkeiten – auch wenn Testpflichten schnell reduziert wurden – und guter Kontaktverfolgung richtig. Sonst würde die Kurve schon wieder steigen. Wie groß die Sehnsucht nach Lockerungen war und ist, ist bei jedem Gang durch die Stadt spürbar.

Wie fragil die Lage aber sein kann, zeigen derzeit England und Portugal. Zwar streiten sich Experten, ob der Anstieg auf zu frühe Lockerungen oder die ansteckendere Deltavariante zurückzuführen ist, die erstmals auch in Solingen nachgewiesen wurde. Aber die Kurven zeigen nach oben. Man muss sich daher freuen, dass am Dienstag nur deutsche Fans im Stadion in London sein können, die ohnehin dort leben – und hoffen, dass Wembley nicht zum nächsten Ischgl wird.

In Solingen dagegen steigen die Erwartungen an wiedergewonnene Freiheiten, unter anderem wegen solcher Bilder wie bei der Europameisterschaft. Auch die Beschwerden über Regelwirrwarr und damit verbundene Ungerechtigkeiten nehmen zu. Beispiel Hochzeit: Im kleinen Trauzimmer des Hauses Kirschheide können derzeit nur neun Personen plus Standesbeamter die eigentliche Trauung verfolgen – mit Maske und Abstand. Auf der Feier danach sind 100 Personen erlaubt – draußen sogar 250. Dafür mag es Gründe geben, die im Arbeitsschutz oder im Verhältnis von Bürger und Verwaltung liegen – ein offizieller, standesamtlicher Akt ist etwas anderes als eine private Party. Aber für Hochzeitsgesellschaften nachvollziehbar ist es kaum. Beschwerden nehmen entsprechend zu, die Stadt will prüfen, ob und wie sie nachbessern kann.

Viele Hinweise kommen aber auch aus dem „Team Vorsicht“, etwa, wenn Fußballfans gemeinsam ohne jeden Abstand feiern und daran nichts Falsches finden – oder auf Hinweise gar aggressiv reagieren. Corona hat uns weit schlimmere Folgen gebracht, aber es wird eine Wohltat sein, wenn der Grund für diesen gegenseitigen Argwohn hoffentlich bald ganz verschwunden ist.

So einig wie selten sind sich alle bei der Bewertung des Solinger Impfzentrums: Ein überschwängliches Lob jagt das nächste. Noch vor zwei Jahren hätte niemand gedacht, dass sich Menschen mal derart über eine Impfung freuen würden, das Phänomen ist aber vielschichtiger: Auch die freundlichen Mitarbeiter und der reibungslose Ablauf wurden immer wieder gelobt.

Spätestens Ende September wird aber Schluss sein im Impfzentrum, Bund und Land stellen die Finanzierung ein. Angesichts des Impffortschritts ist es nachvollziehbar, dass die nicht eben günstigen Zentren außer Betrieb genommen werden. Da es Solingen ohne große Erfahrungswerte geschafft hat, dieses Zentrum in wenigen Wochen aus dem Boden zu stampfen, müssen wir uns außerdem keine Sorgen machen, sollte das Zentrum doch zeitnah wieder benötigt werden.

TOP: Kultur vor Ort und digital: Stadt und Tageblatt laden zur Rallye per App ein

FLOP: Pächter und Amt sind machtlos: Kapelle inmitten von Kleingärten verfällt

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