Mein Blick auf die Woche in Solingen

Das Hochwasser-Trauma: Welche Lehren jetzt zu ziehen sind

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Durch die Flutkatastrophe im Juli 2021 wurden die Folgen des Klimawandels unübersehbar. Jetzt müssen die Verantwortlichen handeln und den Bürgern das Vertrauen in sie zurück geben, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Es muss doch einen Schuldigen geben! Im modernen Menschen tief verankert ist das verständliche Bedürfnis, für alles Unglück dieser Welt einen Verursacher ausfindig zu machen, den man für die Folgen verantwortlich machen kann. In unserer heutigen Vollkasko-Gesellschaft der CE-Zeichen und Tüv-Stempel ist dieses Denken besonders ausgeprägt. Durch immer neue Vorschriften und Sanktionen wollen wir jegliches Risiko für unser Leben ausschließen.

Das hat da seinen Sinn, wo wir als Gesellschaft genügend Erfahrungswerte besitzen, um Vorkehrungen zu treffen, die Leid vermeiden. Heute müssen keine Brücken mehr einstürzen, weil sie der Belastung nicht standhalten können. Kein Patient sollte sterben, weil der Chirurg kein steriles Besteck verwendet hat. Kein Arbeiter darf von einer Maschine verletzt werden, weil sie über keine funktionierende Schutzvorrichtung verfügt. Und trotzdem passieren solche Dinge - und Gerichte und Gutachter sind teilweise jahrelang damit beschäftigt, die Schuldfrage zu klären und denjenigen zu ermitteln, der für die entstandenen Schäden aufkommen muss. 

Daher ist es schwer erträglich, wenn bei einem Trauma wie der Flutkatastrophe vor fast genau einem Jahr offenbar eine Macht verantwortlich war, die wir Menschen nicht vorhersehen und kontrollieren konnten. Zumindest nicht mit dem Wissen von damals. 160 Liter Wasser pro Quadratmeter in 24 Stunden - das hat es in unserer Zeit so noch nicht gegeben.

Besonders im Fokus stand der Wupperverband, dem vorgeworfen wird, zu bräsig mit der nahenden Katastrophe umgegangen zu sein - und seine Talsperren erst zu wenig und dann zu viel hat ablaufen lassen. Aus Sicht der Flutopfer, von denen manche ihre gesamte Existenz verloren haben, eine verständliche Reaktion. Wenn wir ein Jahr danach noch einmal die Bilder anschauen, stockt immer noch der Atem, welches Ausmaß die Überflutung hatte und wie aus der verheerenden Schlamm- und Wasserwüste jemals wieder ein lebenswerter Ort werden konnte.

Nun hat ein Gutachten der RWTH Aachen ergeben, dass dieses Extremregen-Ereignis eine Naturkatastrophe war, die selbst mit prophetischen Fähigkeiten nicht zu verhindern war, zumindest was das Talsperren-Management anbelangt. Dass es trotzdem berechtigte Kritik an fehlender Kommunikation zwischen Verband und Behörden und schlechter Warn-Infrastruktur gibt, steht auf einem anderen Blatt. Damit hätte man den betroffenen Wupper-Anliegern mehr Vorwarnzeit verschafft.

Aus den Fehlern lernen

Jetzt kommt es vor allem darauf an, die richtigen Lehren zu ziehen. Denn - und das ist die wirklich schlechte Nachricht - die Hoffnung, dass es wieder tausend Jahre dauern wird, bis sich eine solche Konstellation wiederholt, dürfte angesichts der unübersehbaren Folgen des Klimawandels eine höchst trügerische sein. Deshalb ist es gut zu wissen, dass die Verantwortlichen besser gerüstet sein wollen als vor einem Jahr.

Die Agenda „Zukunftsprogramm Hochwasserschutz” umfasst nicht nur technische Maßnahmen, die jetzt kurz- und mittelfristig angegangen werden. Sondern auch weiche Faktoren wie ein funktionierendes Melde- und Informationswesen oder eben eine bessere Datenlage. Dass Solingen in Eigeninitiative Sensoren entlang der gefährdeten Wasserläufe anschafft, zeigt, dass auch die Kommunen ihre Hausaufgaben machen. Dennoch: Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir die Natur schon in den Griff bekommen, wenn wir nur wollen. Das kann die Menschheit nur, indem sie entschlossen gegen den globalen Klimawandel vorgeht. 

Wohin es allerdings auch führen kann, wenn Verantwortlichkeiten nicht geklärt werden, lässt sich an dem ebenso ärgerlichen wie kuriosen Fall einer 1. privaten, 2. zwischen zwei Städten gelegenen und 3. kaputten Fußgängerbrücke bestaunen. Die Brücke über den Garather Mühlenbach ist eine wichtige Verbindung zwischen Ohligs und Hilden und seit Monaten gesperrt.

Und seit Monaten laufen die Anwohner vor die Pumpe, weil sich angeblich nicht klären lässt, wer denn nun für die Sanierung der Brücke zuständig ist: Hilden oder Solingen? Die Bürger würden für den Bau ja sogar Geld sammeln, doch einfach bauen darf man auf öffentlichem Grund nun mal nicht so ohne weiteres. Zumal spätestens dann die Haftungsfrage wieder aufflammt, wenn dort ein Mensch zu Schaden käme: siehe oben. 

Und so beißt sich die Katze in den Schwanz und die Anwohner gucken in die Röhre. Ein Ärgernis sondergleichen: Denn wer oder was hält die beiden Rathäuser davon ab, jeweils einen kompetenten Mitarbeiter in eine Runde mit den Anwohnern zu entsenden, um den gordischen Knoten zu durchschlagen, wie mit privatem Geld und öffentlicher Bauausführung eine Brücke erneuert wird? So könnte man den Bürgern das Vertrauen zurückgeben, dass den Behörden die Sorgen der Menschen nicht egal sind, solange der Amtsschimmel satt und zufrieden wiehernd im Stall steht.

ST lädt Bürger zum Austausch über Hochwasser ein

Unsere Themen in dieser Woche:

Die Behelfsbrücke über den Nacker Bach ist eingesetzt und verbindet bald wieder die Haasenmühle und Wipperaue (mit Video).

Lästig, schwierig – aber leider unvermeidbar: Was Solinger jetzt über die Grundsteuerreform wissen müssen.

Autoposer, Raser, bedrohliche Situationen: Ein neues Präsenzkonzept der Polizei soll die City sicherer machen. Erste Ergebnisse machen Mut.

Die Veränderungen in Ohligs werden sichtbar: Wie es am Markt und in der Fußgängerzone weitergeht.

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