Mein Leben als Papa

Die Wackelzahnpubertät – oder: Wehe, dich trifft Hannes’ Zorn

Zutritt verboten: Hannes möchte in seinem Zimmer alleine sein. Foto: gf
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Zutritt verboten: Hannes möchte in seinem Zimmer alleine sein.

ST-Redakteur Gunnar Freudenberg erzählt vom Alltag mit seinen Söhnen Hannes (5) und Michel (2)

Er weiß ja selbst, dass gerade etwas mit ihm passiert. „Was ist eigentlich los mit dir?“, frage ich Hannes leise, nachdem ich aus irgendeinem Grund mal wieder lauter werden musste. Seine erstaunlich einfache und reife Antwort: „Ich werde eben älter!“ Damit hat er zweifellos recht. Es ist nicht zu übersehen. Seine Proportionen verändern sich beinahe täglich. Dass er mit seinen 1,24 Metern, 30 Kilo und Schuhgröße 34 erst nächstes Jahr eingeschult wird, glaubt niemand, der vor ihm steht. Noch dazu sorgen die ersten Wackelzähne im Mund für Irritationen. „Wackeln die Zähne, wackelt die Seele“ ist der Titel eines bekannten Handbuchs für Eltern.

Die Phase des Zahnwechsels wird neuerdings auch als „Wackelzahnpubertät“ bezeichnet. Ein ziemlich treffender Begriff. Hannes’ Stimmung schwankt irgendwo zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – wie in der echten Pubertät. Eine Nichtigkeit reicht und aus dem entspannten Hannes wird ein schimpfender Klaus Kinski.

Gunnar Freudenberg

Manchmal fließen dabei Wuttränen, knallen Türen oder fallen messerscharfe Worte. Hannes kennt mit seinen fünf Jahren längst meine wunden Punkte und trifft direkt hinein, wenn er wütend ist. Manchmal kommt es aber auch zu richtigen Diskussionen zwischen Hannes und mir. Obwohl er genervt ist, überwiegt in mir die Freude über seine wortgewandten Repliken. „Jetzt denkst du mal an was richtig Schönes und träumst dann davon“, gebe ich ihm spätabends einen gut gemeinten Tipp. „Geht nicht“, antwortet er. „Mein Gehirn ist anders programmiert.“

Morgens muss ich ihn manchmal wecken, wie ich ihn später, in der richtigen Pubertät, wahrscheinlich auch wecken werde, wenn er nach einer Party noch mittags im Bett liegt. „Hast du gut geschlafen?“ frage ich, während ich die Jalousie hochziehe. „Ich würde noch immer schlafen, wenn du nicht schon quatschen würdest“, kommt es zurück.

Ja, die Wackelzahnpubertät wird mit wesentlich tiefgreifenderen Entwicklungsschritten begleitet als nur dem äußerlich sichtbaren Hervortreten der bleibenden Zähne. Im Kopf passiert eine Menge. Oder wie Hannes selbst(bewusst) sagt: „Mit fünf Jahren kann man alles.“ Wörter schreiben zum Beispiel. Und rechnen. Macht er wirklich schon gut. Nur Fehler verzeiht er sich nicht. Seine Frustrationstoleranz ist noch nicht sehr hoch. Aus dem großen Hannes wird von einer Sekunde auf die andere ein kleiner, verletzlicher und wütender Hannes. Zwischen „Ich möchte für immer bei euch wohnen“ und „Ihr sollt alle ausziehen, am besten nach England“ vergehen bloß Minuten.

Mit dem Wissen, dass auch die Autonomiephase irgendwann vorbei war, massieren sich meine Frau und ich uns im Moment häufiger am Ohrläppchen und stoßen ein „Wuuusa“ aus. Außer einer guten Portion Gelassenheit und Humor hilft ja doch nichts. Und dann gelingt es sogar, Hannes nicht als kleines Pubertier zu sehen, das uns das Leben schwermachen will, sondern als Kind, das in Not ist, Kontakt zu uns sucht und nicht weiß, wie es sich anders ausdrücken kann.

Und wie reagiert Michel auf seinen geliebten Bruder, wenn dieser gerade wütend ist? Entweder streichelt er ihm tröstend und mitfühlend über den Kopf. Oder er schimpft: „Hannes ist dumm!“ Manchmal ist er auch schlicht und einfach der Grund für Hannes’ Zorn. Denn auch Michel sagt mittlerweile über sich selbst: „Ich bin schon ein großer Junge.“ Aber davon in der nächsten Woche mehr. . .

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