Montagsinterview

Dr. Christoph Zenses, wie erleben Sie die Situation in der Ukraine vor Ort?

Dr. Christoph Zenses vor dem Theater in Saschkiw, das zur Verteilerstelle umfunktioniert wurde. Er brachte wertvolle Medikamente in die Ukraine und war erstmals im Landesinneren unterwegs. Der nächste Transport von „Solingen hilft“ ist bereits in Planung.
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Dr. Christoph Zenses vor dem Theater in Saschkiw, das zur Verteilerstelle umfunktioniert wurde. Er brachte wertvolle Medikamente in die Ukraine und war erstmals im Landesinneren unterwegs. Der nächste Transport von „Solingen hilft“ ist bereits in Planung.

Dr. Christoph Zenses vom Verein „Solingen hilft“ brachte Spenden nach Lwiw und Saschkiw. Im Interview spricht er über die Menschen in der Ukraine, die Hilfsbereitschaft der Deutschen und die Probleme vor Ort.

Von Björn Boch

17 Hilfstransporte in die Ukraine hat die Organisation „Solingen hilft“ von Dr. Christoph Zenses seit Kriegsbeginn organisiert. Beim jüngsten Transport war Zenses erstmals auch im Landesinneren unterwegs. Wir sprachen mit ihm über seine Eindrücke.

Herr Dr. Zenses, wo in der Ukraine waren Sie genau und welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
Dr. Christoph Zenses: Ich war unter anderem in einem Krankenhaus in Lwiw und 80 Kilometer weiter nördlich in Saschkiw. Ich wollte die Lieferwege und Verteilerstellen kennenlernen – außerdem hatten wir dieses Mal besonders wertvolle Medikamente für rund 15 000 Euro dabei. Ich wollte die gerne persönlich abgeben und mir ein Bild von der Lage vor Ort machen.
Welchen Eindruck machen die Menschen auf Sie in einem Land, das sich im Krieg befindet?
Zenses: Es ist bemerkenswert, wie sehr die Menschen dort zusammenhalten. Das liegt sicher auch an den Umständen, aber es ist ganz anders als bei uns. In Saschkiw haben sie ein Theater umfunktioniert, dort wird alles zusammengeführt, um es denen zu bringen, die nichts haben. Oder um es an die Front zu schicken, denn dort mangelt es an allem. Viele Frauen helfen und fahren bis an die Front. Oft tragen auch sie Militär-Kleidung – wie eigentlich fast alle Helferinnen und Helfer im Land und auch Präsident Selenskyj.
Und die Verteilung funktioniert gut?
Zenses: Neben den Helfern gibt es auch viele kleine Start-up-Unternehmen, die für geringe Kosten Dinge teils über Nacht nach Kiew oder Charkiw bringen.
Woher wissen Sie, was vor Ort gebraucht wird?
Zenses:Wir kennen Menschen vor Ort. Ich war diesmal mit Konstantin Gorbatsch unterwegs, dessen Frau in der Ukraine Medizin studiert hat. Wir bekommen direkt aus ukrainischen Krankenhäusern Listen mit Dingen, die am dringendsten benötigt werden. Die Ukraine hat selbst nur etwa 25 Prozent der Medikamente, die aktuell benötigt werden.
Was bringen Sie außer Medikamenten?
Zenses: Ich lerne gerade selbst eine Menge dazu: Jeder sollte ein Tourniquet dabeihaben. Das ist ein System, mit dem man im Falle einer Schussverletzung ein Bein oder einen Arm abbinden kann, damit man nicht mehr so viel Blut verliert. Außerdem werden Taschen für die Front zusammengestellt. In jeder sollen bestimmte Pflaster sein, die bei Schussverletzungen verwendet werden, unter anderem aber auch gegen Phosphorbrand helfen.

Das ist die aktuelle Lage in der Ukraine

Phosphorbomben sind international geächtet, sollen von der russischen Armee aber bereits eingesetzt worden sein.
Zenses: Auf der Haut wird Phosphor 1300 Grad heiß. Und Wasser löscht den Brand nicht, sondern macht ihn schlimmer. Man braucht entweder Sand, Granulat – oder eben diese speziellen Pflaster, die in der Lage sind, diese Verletzungen direkt zu verschließen. Wir bringen aber auch ganz alltägliche Herz- oder Blutdruck-Medikamente in das Land. Qualitativ hochwertige Schlafsäcke für den Winter werden jetzt Thema.
Was konkret kosten solche Produkte?
Zenses: Für einen guten Winterschlafsack würde ich 70 Euro rechnen. Ein Tourniquet kostet 50 Euro – es gibt zwar auch welche für 10 Euro, die bringen aber nichts und gefährden im Zweifel sogar Leben. Eines der Spezialpflaster kostet 25 Euro, so schlagen auch die normalen Medikamente zu Buche. Für Antibiotika in Infusionsflaschen werden auch gerne mal zwischen 100 und 120 Euro aufgerufen.
Benötigt „Solingen hilft“ Geld- oder Sachspenden?
Zenses: Da wir genaue Listen haben, was gebraucht wird, macht es mehr Sinn, wenn die Menschen Geld spenden und wir die Dinge damit kaufen. Und da wir zum Beispiel über die Schwanen-Apotheke Vorzugspreise bekommen, kriegen wir sogar mehr Medikamente für jeden Euro.
Spüren Sie Zurückhaltung bei den Spenden angesichts dieser Zeit der Krisen?
Zenses: Ich bin froh, dass es noch genug Menschen gibt, die zwar wissen, dass auch wir hier Sorgen und Nöte haben, in der Ukraine aber Krieg herrscht. Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf, es fehlt an allem. Es gibt viele, die sagen, wir helfen. Vielleicht auch, weil sie wissen, dass wir direkt vor Ort sind und jeder Euro ankommt. Deshalb ist es wichtig zu zeigen, dass wir weiter hinfahren. Wir wissen alle nicht, wohin sich das bewegt, wie sich der Krieg oder der Gaspreis entwickeln. Aber noch können wir schnell reagieren und haben die Unterstützung.
Auf welche Probleme sind Sie vor Ort gestoßen?
Zenses: Es gilt ab 23 Uhr eine Sperrstunde im ganzen Land – die muss man beachten, sonst wird man festgesetzt und mitgenommen. Das heißt, dass man zeitig im Hotel sein muss, denn die Mitarbeiter dort müssen es vor 23 Uhr nach Hause schaffen. Alle Ukrainer halten sich da sehr streng dran. Ein weiteres Problem: Wir können im Kleintransporter nicht so viel auf einmal runterbringen, wie wir gerne wollen.
Wieso nicht?
Zenses: Wir können nicht auf einen Lkw aufstocken, denn da gibt es bis zu 20 Kilometer lange Schlangen. Das kann zwei bis drei Wochen dauern, bis die abgefertigt sind. Selbst mit unserem Transporter stehen wir sechs Stunden an der Grenze – wenn wir Glück haben. Es kann auch deutlich länger dauern. Es wird streng kontrolliert, auf dem Hin- und auf dem Rückweg. Natürlich wollen die Ukrainer wissen, was in ihr Land kommt. Und die Polen haben Angst davor, dass auf dem Rückweg Waffen geschmuggelt werden.
Sind die Menschen in der Ukraine ängstlich, trotzig – oder gar optimistisch?
Zenses: Es ist eine Mischung aus Trotz, Hoffnung – und irgendwie auch Siegesgewissheit. Obwohl es wieder Angriffe auf Lwiw und Kiew gibt, auf zivile Gebäude und Infrastruktur, sagen die Menschen: Das hatten wir schon zu Beginn des Krieges. Sie halten zusammen und harren aus, bis es überstanden ist. Und Dankbarkeit kommt sehr stark rüber. Die Klinik in Lwiw habe ich an einem Sonntag besucht. Der Direktor ist extra gekommen, um sich zu bedanken. Und die Menschen malen Schilder, auf denen steht: „Danke, Solingen“.

Zur Person: Der Internist Dr. Christoph Zenses ist vielfältig ehrenamtlich engagiert. Der 62-Jährige behandelt in der „Praxis ohne Grenzen“ kostenlos Menschen ohne Krankenversicherung und ist mit dem Medimobil unterwegs, um Bedürftige in Solingen medizinisch zu versorgen. Er war mehrfach im griechischen Flüchtlingslager Moria, um dort als Arzt zu helfen. Er ist 1. Vorsitzender des Vereins „Solingen hilft“. Zenses hat das Bundesverdienstkreuz erhalten und ist, genau wie die 2. Vorsitzende des Vereins, Barbara Eufinger, mit dem Solinger Bürgerpreis ausgezeichnet worden.

Zum Verein: Weitere Informationen über den Verein „Solingen hilft“ und Spendenmöglichkeiten gibt es unter Tel. (02 12) 7 97 72 (Praxis Dr. Zenses), per E-Mail oder online: info@solingen-hilft.de; www.solingen-hilft.de.

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