Montagsinterview

Energiepreise: „Solingen in dieser Frage keine Insel der Glückseligen“

Die Stadtwerke Solingen mit Sitz an der Beethovenstraße sprechen angesichts der aktuellen Lage von einer Energiekrise. Foto: Christian Beier
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Die Stadtwerke Solingen mit Sitz an der Beethovenstraße sprechen angesichts der aktuellen Lage von einer Energiekrise.

Stefan Ziebs (Stadtwerke) zu den Folgen des Ukraine-Kriegs, extreme Preise für Neukunden und die Zukunft der Energieversorgung.

Von Manuel Böhnke

Herr Ziebs, zum Jahreswechsel haben die Stadtwerke den Gaspreis zuletzt angepasst. Am 1. April folgt für Strom- und Gaskunden die nächste Erhöhung. Welche Gründe gibt es dafür?

Stefan Ziebs: Seit Ende 2021 befindet sich unsere Branche in einer Energiekrise. Die Beschaffungspreise für Strom und Gas sind vollkommen aus dem prognostizierten Rahmen herausgelaufen. Es gab die Hoffnung, dass sich die Situation wieder auf angehobenem Preisniveau einpendelt – das war vor Beginn der Ukraine-Krise. Jetzt ist die Situation noch einmal deutlich unübersichtlicher geworden.

Das bedeutet, die für den 1. April angekündigten Preiserhöhungen spiegeln unter Umständen gar nicht mehr die durch den Krieg in der Ukraine entstandenen Tatsachen wider?

Ziebs: Die Stadtwerke Solingen verfolgen eine langfristige Eindeckungsstrategie. Dadurch sind wir aktuell in der komfortablen Situation, den Absatz zumindest über Termingeschäfte abgesichert zu haben. Wir befinden uns also nicht im Freiflug. Trotzdem ist richtig: Der Krieg in der Ukraine hat die Themen Beschaffungsverträge und -preise mit neuen Fragezeichen belegt. Wohin die Entwicklung geht, lässt sich derzeit nicht mit Gewissheit sagen.

Klar ist: Im Moment planen wir keine erneute Preisanpassung. Vielmehr werden wir im nächsten Schritt die wegfallende EEG-Umlage zum 1. Juli direkt an unsere Stromkunden weitergeben. Allerdings werden wir – wie die gesamte Branche – auf lange Sicht ebenfalls auf den extremen Energiekostenanstieg reagieren müssen.
Zum 1. April: Stadtwerke Solingen erhöhen Preise für Strom und Gas

Können Sie skizzieren, wie die Beschaffungsstrategie der Stadtwerke normalerweise aussieht?

Ziebs: Wir prognostizieren immer eine Absatzmenge. Diese wird über Termingeschäfte am Großhandelsmarkt in Tranchen eingedeckt. So haben wir eine Grundlage, auf der wir die Tarife kalkulieren.

Es kommt allerdings immer wieder vor, dass kurzfristig Energie beschafft werden muss. Der März ist beispielsweise relativ kühl gestartet, deshalb war der Gasverbrauch höher. In solchen Situationen sind wir darauf angewiesen, Energie zu den aktuell aufgerufenen Preisen hinzuzukaufen. Das gehört zu unserem täglichen Geschäft und ist normalerweise auch eingeplant. Momentan hat die gesamte Branche dabei aber Schwierigkeiten, weil sich die Preise für diese kurzfristigen Geschäfte auf einem Niveau bewegen, das wir bislang nicht kannten.

Welche Rolle spielen Neukunden in diesem Zusammenhang?

Ziebs: Die zusätzlichen Absatzmengen für Neukunden wirken sich quasi aus wie eine ungeplante Absatzmenge kalter Tage. Es gibt in der Branche Unternehmen, deren Geschäftsmodell es ist, sich kurzfristig mit Energie einzudecken, um Kunden mit möglichst geringen Preisen zu locken. Diese Rechnung geht in der aktuellen Situation nicht mehr auf. Deswegen haben viele kleinere und größere Anbieter die Lieferung eingestellt beziehungsweise einstellen müssen. Als Grundversorger müssen wir diese betroffenen Kunden aber beliefern.

Das Problem: Wir konnten uns nicht mit langfristigen Termingeschäften auf diesen zusätzlichen Energiebedarf vorbereiten. Stattdessen sind wir gezwungen, die benötigten Mengen kurzfristig zu Höchstpreisen nachzukaufen. Um unsere Bestandskunden vor dieser zusätzlichen Kostenbelastung zu schützen, haben wir – wie viele andere Stadtwerke – Neukundentarife eingeführt.

Wie unterscheiden sich die Tarife?

Ziebs: Neukundenpreise können grob gerechnet beinahe doppelt so hoch sein wie die Bestandskundenpreise.

Vor allem für einkommensschwache Menschen, denen der bisherige Anbieter gekündigt hat, ist das ein harter Schlag.

Ziebs: Dessen sind wir uns bewusst und versuchen, mit den betroffenen Kunden Lösungen zu finden. Leider sind die aktuellen Marktpreise so hoch, wie sie sind. Als Lieferant müssen wir eine für alle möglichst faire Lösung finden. Dazu gehört auch, dass wir die durch Lieferausfälle anderer Anbieter entstandene Probleme nicht auf unsere Bestandskunden abwälzen, die sich auf uns und unsere Geschäftspolitik verlassen haben.

Was das große Problem Energiekostenexplosion angeht, sind unsere Möglichkeiten als kommunaler Energieversorger begrenzt. Das ist ein Thema, das weit über das Spielfeld der Stadtwerke Solingen hinausgeht. Die Politik will hier Lösungen finden, um die existenziell wichtige Energieversorgung für alle sicherzustellen. Doch auch wir haben ein starkes Interesse daran, für Neu- und Bestandskunden wieder einheitliche Tarife anzubieten – die aktuelle Regelung führt immer wieder zu Irritationen.

Inwiefern?

Ziebs: In der Stadt sind zum Beispiel Drückerkolonnen unterwegs, die Stadtwerke-Kunden von einem Wechsel zu einem vermeintlich günstigeren Anbieter überzeugen wollen. Das Problem: Als Vergleichsmaßstab werden nicht der Bestands-, sondern die deutlich teureren Neukundentarife herangezogen. Es ist schon vorgekommen, dass Bestandskunden von uns auf das Angebot eingegangen sind und im Nachhinein festgestellt haben, dass sie plötzlich deutlich höhere Preise Zahlen als bislang. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auf Vergleichsportalen im Internet beobachten. Das ist für die Bestandskunden undurchsichtig gestaltet, weil nur Neukundentarife gegenübergestellt werden.

Wann rechnen Sie damit, dass sich die Energiepreise wieder auf einem normalen Niveau einpendeln?

Ziebs: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Im Januar sah es kurzzeitig so aus, als würde sich die Lage – auf gehobenem Niveau – beruhigen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist das Gegenteil geschehen: Die Situation hat sich weiter zugespitzt. Angesichts dieser großen Unsicherheiten bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten, auf welchem Level sich die Märkte einpendeln. Erst wenn das geschehen ist, lassen sich Aussagen zum zukünftigen Preisniveau treffen.

Wir sind sehr froh, dass wir für einen großen Teil des Energiebedarfs für 2023 bereits Verträge abschließen konnten. Das ermöglicht den Stadtwerken, auch im kommenden Jahr für Bestandskunden sehr wettbewerbsfähige Preise anzubieten. Darüber hinaus steht für uns fest, dass sich immer mehr Solingerinnen und Solinger mit Themen wie Photovoltaik und Wärmepumpen beschäftigen werden. Dafür möchten wir entsprechende Angebote liefern.

Der Krieg in der Ukraine schürt Unsicherheit hinsichtlich der Versorgungssicherheit in Deutschland. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ziebs: Jenseits der Preisentwicklung ist das die Frage, mit der wir uns derzeit am meisten beschäftigen. Bislang konnten alle Händler die abgeschlossenen Verträge erfüllen und uns erreichen täglich neue Angebote. Ein akutes Problem besteht also nicht. Würde Russland seine Gaslieferungen vollständig einstellen, wäre das natürlich eine riesige Herausforderung für die Versorgungssicherheit.

Auch für Solingen? Die Stadtwerke haben jüngst erklärt, das hier eingesetzte L-Gas komme anders als H-Gas nicht aus Russland, sondern überwiegend aus den Niederlanden und Deutschland.

Ziebs: Vorkommen von L-Gas wie in den Niederlanden sind erschöpft. Die ganze Branche befindet sich in einer Umstellungsphase in Richtung H-Gas. Das Gasgeschäft ist ohnehin nicht mehr so fragmentiert wie in der Vergangenheit. Es läuft wie beim Strom auf einen gemeinsamen Marktbereich hinaus. Da spielt es dann keine Rolle mehr, welcher Art und Herkunft das Gas ist. Deshalb ist Solingen in dieser Frage keine Insel der Glückseligen.

Die aktuelle Lage beschleunigt den Prozess, mit erneuerbaren Energien Versorgungssicherheit zu erreichen.

Stefan Ziebs

Welche Lehren sind aus der aktuellen Situation für die Zukunft zu ziehen?

Ziebs: Was wir im Augenblick erleben, ist ein klares Signal, die Energieversorgung in Zukunft deutlich dezentraler und eigenständiger aufzustellen. Dabei sind zwei Seiten zu beachten: Versorgungssicherheit und Klimaschutz. In der aktuellen Debatte wird der Eindruck erweckt, dass sich diese Punkte gegenseitig ausschließen. Das denke ich nicht. Vielmehr beschleunigt die aktuelle Lage den Prozess, mit erneuerbaren Energien Versorgungssicherheit zu erreichen.
Hier geht es zu allen Montagsinterviews des ST.

Als Leiter Markt ist Stefan Ziebs bei den Stadtwerken unter anderem für das Absatzgeschäft zuständig.

Zur Person: Stefan Ziebs

Seit 2000 arbeitet Stefan Ziebs für die Stadtwerke Solingen. Er ist ausgebildeter Wirtschaftsingenieur Elektrotechnik und war bis 2000 in der Automobil- und Elektronikindustrie tätig. Bei den Stadtwerken ist der 58-jährige Solinger als Leiter Markt für das Absatzgeschäft inklusive Kommunikation und Energiebeschaffung zuständig. Zudem ist er Geschäftsführer der EDL GmbH.

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