Montagsinterview

Frau Ehrenfeld, Herr Becker - wie ist die Lage an Solingens Schulen?

Michael Becker ist Leiter des Technischen Berufskollegs.
+
Michael Becker ist Leiter des Technischen Berufskollegs.

ST-Montagsinterview mit Petra Ehrenfeld und Michael Becker vom Schulleiter-Sprecherrat über Kürzungen und fehlende Plätze. Sie sagen: „Die Schulen brauchen eine Antwort.“

Das Gespräch führten Simone Theyßen-Speich und Anja Kriskofski

Wie haben Schulleiterinnen und Schulleiter die Nachricht aufgenommen, dass wegen gestiegener Baukosten nicht alle im Schulentwicklungsplan vorgesehenen Baumaßnahmen umgesetzt werden können?

Michael Becker: Das ist für die betroffenen Schulen schon enttäuschend. Dabei wird mit den 370 Millionen Euro ja sogar mehr Geld investiert als geplant. Man kann der Stadt also keinen Vorwurf machen, dass versprochenes Geld vorenthalten wird. Und es ist nachvollziehbar, dass angesichts der Kostensteigerung jetzt abgespeckt werden muss.

Andererseits fehlen spätestens 2026 etwa fünf Klassen in der Sekundarstufe I, da sind mögliche Migranten noch nicht einberechnet.

Jetzt ist es Aufgabe der Politik, zu entscheiden, wie das Problem gelöst werden soll. Dabei können wir nicht nur auf das Schulbudget schauen, sondern müssen auch andere stadtweite Projekte kritisch in den Blick nehmen.

Petra Ehrenfeld: Neben den Mitteln für den Schulneubau sind die Gelder für notwendige Sanierungen ja ein separater Topf. Da warten wir noch auf eine Prioritätenliste, welche Schule wann saniert werden kann.


Für die BHC-Arena wird ein Gutachten erstellt, gleichzeitig können Schulerweiterungen nicht umgesetzt werden. Wie bewerten Sie das?

Becker: Alle Projekte müssen auf den Prüfstand: Was ist verpflichtend nötig, was nicht? Wir wollen ganz bewusst nicht eines herausgreifen. Wir haben die Parteien kontaktiert und Gespräche angeboten, um die Problematik des fehlenden Schulraums zu erörtern. Warten wir mal ab.

Insgesamt haben wir eine gute Zusammenarbeit mit dem Stadtdienst Schule. Wir haben mit Blick auf die Nutzung der Sporthallen schon die Kapazitäten optimiert, für den Schulsport fehlen aber immer noch Hallenzeiten. Teilweise müssen die Klassen weite Wege auf sich nehmen, die Berufskollegs etwa haben gar keine Sporthallen, Friedrich-List- und Technisches Berufskolleg beispielsweise nutzen die Klingenhalle mit. Auch viele Schulsporthallen sind mittlerweile für Nachbarschulen geöffnet.

Ehrenfeld: Die Grundschüler etwa haben drei Wochenstunden Sport. Da gibt es dann immer eine Doppel- und eine Einzelstunde. Für 45 Minuten kann man aber keine weiten Wege zur Sporthalle machen. Wir aus Meigen, die wir als vierzügige Schule nicht mit einer Sporthalle auskommen, nutzen ebenso wie die Grundschule Schützenstraße die Halle Krahenhöhe. Die Kinder aus den Schul-Dependancen müssen ohnehin immer mit dem Bus zum Sport fahren.

Wenn Plätze definitiv in der Sekundarstufe I fehlen, wo sollen die Kinder dann hin?

Ehrenfeld: Wir müssen den Eltern jetzt vermitteln, dass es bei den Schulanmeldungen dann auch eine Schule sein kann, die etwas weiter weg liegt. Eine erste Informationsveranstaltung vor den Herbstferien, gemeinsam von allen vier Gesamtschulen und der Sekundarschule, war ein erster Schritt, um Eltern dafür zu sensibilisieren, dass es nicht in jedem Fall die Wunschschule sein wird.

Becker: Alle Schulen müssen ihre Zügigkeit komplett ausnutzen, aber da ist nicht viel Luft.

Die Schulen brauchen eine Antwort: Wenn nicht Neubau, was dann?

Michael Becker

Wie ist die Situation an den Grundschulen, die nach den neuen Plänen erstmal nicht ausgebaut werden können?

Ehrenfeld: Bei den Grundschulen zeichnet sich ab, dass es vor allen Dingen im Stadtbezirk Mitte zu wenig Schulraum gibt. Dort fehlt mindestens eine Schule. Die Grundschule Klauberg beispielsweise ist fünf- bis sechszügig und platzt trotz Umbaumaßnahmen aus allen Nähten. Andere Schulen wie die Grundschule Aufderhöhe fallen mit dem Neubau erstmal aus der Prioritätenliste, da ist die Enttäuschung natürlich groß.

Becker: Mit dem Stadtdienst Schule und dem Gebäudemanagement stehen jetzt Gespräche an. Wir als Sprecherrat suchen explizit die Zusammenarbeit, nach welcher Priorität es jetzt bei den Sanierungen vorangeht. Wenn nicht gebaut wird, wie etwa bei den Sporthallen von Theodor-Heuss-Schule oder Albert-Schweitzer-Schule, ist die Sanierung umso wichtiger. Die Schulen brauchen eine Antwort: Wenn nicht Neubau, was dann?

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt als Schulträger insgesamt?

Becker: Die Kooperation zwischen Sprecherrat und Schulverwaltung läuft insgesamt sehr gut. Wir Schulleiter haben uns Schwerpunkte gesetzt. Sabine Riffi hat sich um die Schwimm-Koordinierung gekümmert, ich beschäftige mich mit der Digitalisierung, Hans-Martin Rahe mit dem Thema Schulform-Wechsler.

Gerade die ukrainischen Kinder kommen oft aus bildungsnahen Familien, in denen sich die Eltern auch um außerschulische Bildungsangebote kümmern.

Petra Ehrenfeld

Wie klappt die Integration der zugewanderten Kinder aus der Ukraine?

Ehrenfeld: Es klappt, aber es ist sehr aufwendig. Wir in Meigen haben beispielsweise keine Auffangklassen, wir integrieren elf Kinder aus der Ukraine und vier aus anderen Ländern in den Regelklassen. Dazu bräuchte man aber eigentlich Differenzierungsräume, um etwa mit Kleingruppen arbeiten zu können.

Manchmal ist es deshalb leider so, dass der deutschsprachige Unterricht an den zugewanderten Kindern vorbeifließt, weil die Kapazitäten der Lehrer, auch mit Blick auf Inklusion, erschöpft sind.

Andererseits kommen gerade die ukrainischen Kinder oft aus bildungsnahen Familien, in denen sich die Eltern auch um außerschulische Bildungsangebote kümmern.

Becker: Insgesamt muss man feststellen, dass die Heterogenität in den Klassen steigt, zudem werden die Klassen voller, Deutschlehrer und Schulsozialarbeiter fehlen. Wenn eine Lehrkraft alleine in einer großen Klasse ist, hat sie keine Chance, zu differenzieren. Die Botschaft, dass die Schulen mehr Schulsozialarbeiter brauchen, geht deshalb auch ans Land.

Petra Ehrenfeld leitet die Grundschule Meigen und vertritt mit Sabine Riffi die Schulform im Sprecherrat.

Wie wird das Problem des Lehrermangels grundsätzlich an den Schulen gelöst?

Becker: An den Berufskollegs fehlen beispielsweise fachspezifische Lehrer, in dem Bereich arbeiten wir deshalb viel mit Seiteneinsteigern. Auch Lehrer für die MINT-Fächer, etwa Mathe-Lehrer, sind derzeit schwer zu finden.

Ehrenfeld: Im Grundschulbereich ist der Markt der grundständig ausgebildeten Lehrer leer. Intern, also innerhalb der Stadt, werden Kolleginnen und Kollegen bei extremer Unterbesetzung einzelner Schulen durch befristete Abordnungen zwischen den Schulen verschoben. Da kann es in einzelnen Fällen natürlich auch zu Stundenplankürzungen kommen, die aber mit der Schulaufsicht abgestimmt werden müssen.

Auf Vertretungsstellen bewirbt sich schon lange kein grundständig ausgebildeter Lehrer mehr. Andererseits sind Quer- und Seiteneinsteiger oder Vertretungslehrer, die auch Klassenleitungen übernehmen dürfen, oder Studenten auch eine Bereicherung für die Schule. Es bedeutet für das Stamm-Kollegium aber auch immer Einarbeitungszeit.

Trotz großer Bemühungen konnte nicht alles aufgeholt werden, was während der Lockdowns verpasst wurde.

Petra Ehrenfeld

Wie erleben Sie das Problem der Lern- und Entwicklungsrückstände bei den Schülern nach Corona?

Ehrenfeld: Trotz großer Bemühungen konnte nicht alles aufgeholt werden, was während der Lockdowns verpasst wurde. Auch bei den Neulingen ist ersichtlich, dass es Defizite bei der Sprache, bei Bewegung und im sozialen Verhalten gibt. Bei der Lehrerknappheit gibt es leider auch nicht viel Spielraum für individuelle Förderung. Die Defizite reichen von motorischer Unruhe bis zu Konzentrationsauffälligkeiten.

Wenn uns Kinder in den Einschulungsgesprächen auffallen, melden wir sie, damit sie schnell zu den Schuleingangsuntersuchungen eingeladen werden. Auch die Kitas haben dann noch eine Chance für Fördermaßnahmen. Sonst besteht die Gefahr, dass schon am Anfang der Bildungskarriere keine gute Basis gelegt ist.

Becker: Auch in den älteren Jahrgängen gibt es kaum Luft im Stundenplan, um Versäumtes aufzuholen. Bis zu den zentralen Prüfungen muss auch immer der aktuelle Stoff präsent sein.

Waren die Mittel des Programms „Aufholen nah Corona“ da eine gute Hilfe?

Ehrenfeld: Teilweise waren ja Klassen gar nicht auf Klassenfahrt gewesen, alle sozialen Projekte waren lahmgelegt. Da war es für die Schüler extrem wichtig, jetzt wieder gemeinsame Angebote und Ausflüge machen zu können.

Becker: Wir haben auch den Eindruck, dass Kinder und Jugendliche dadurch so langsam wieder in den Austausch kommen, Motivation finden.

Viele wissen gar nicht, dass nach den zehn Jahren Allgemeiner Schulpflicht noch mindestens ein Jahr Berufsschulpflicht besteht.

Michael Becker

Wie sieht die Situation bei den Schulabgängern aus?

Becker: Angesichts des Fachkräftemangels dürfen wir es uns nicht erlauben, ein Kind zu verlieren. Deshalb sind wir gemeinsam mit der Kommunalen Koordinierung dabei, zu schauen, wo nach der Klasse zehn Schüler verloren gehen.

Viele wissen gar nicht, dass nach den zehn Jahren Allgemeiner Schulpflicht noch mindestens ein Jahr Berufsschulpflicht besteht. Das kann durch den Besuch der Gymnasialen Oberstufe abgedeckt werden, durch das Berufskolleg oder die Berufsschule im Dualen System. Für das Freiwillige Soziale Jahr kann man freigestellt werden.

Die Schulpflicht in der Sekundarstufe II ist eine rechtliche Verpflichtung, sonst drohen Bußgeld, Zwangszuführung oder der Wegfall des Kindergeldes.

Schulleiter-Sprecherrat: Michael Becker und Petra Ehrenfeld

Sprecher-Duo: Michael Becker, Leiter des Technischen Berufskollegs, und Petra Ehrenfeld, Leiterin der Grundschule Meigen, sind seit diesem Schuljahr das Sprecher-Duo des Schulleiter-Sprecherrates.

Sprecher der Schulformen: Michael Becker (Berufskollegs), Alexander Lü- beck (Gymnasien), Andreas Tempel (Gesamtschulen), Hans-Martin Rahe (Realschulen), Sabine Riffi, Petra Ehrenfeld (Grundschulen), Annett Ißleib (Sekundarschule), Götz Wever (Förderschulen).

Alle ST-Montagsinterviews auf einen Blick.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Solingerin bei Unfall in Haan verletzt
Solingerin bei Unfall in Haan verletzt
Solingerin bei Unfall in Haan verletzt
Rurik Gislason von „Let‘s Dance“ verklagt Solinger Agentur
Rurik Gislason von „Let‘s Dance“ verklagt Solinger Agentur
Rurik Gislason von „Let‘s Dance“ verklagt Solinger Agentur
Die Nutzung von Regenwasser hat in Solingen Regeln
Die Nutzung von Regenwasser hat in Solingen Regeln
Die Nutzung von Regenwasser hat in Solingen Regeln
Viehbachsammler: Das ist der aktuelle Stand
Viehbachsammler: Das ist der aktuelle Stand
Viehbachsammler: Das ist der aktuelle Stand

Kommentare