Montagsinterview

Carsten Zimmermann: So soll die Müngstener Brücke zum Welterbe werden

Carsten Zimmermann koordiniert den Prozess, damit die Müngstener Brücke – frühestens 2025 – UNESCO-Weltkulturerbe werden kann. Foto: Christian Beier
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Carsten Zimmermann koordiniert den Prozess, damit die Müngstener Brücke – frühestens 2025 – UNESCO-Weltkulturerbe werden kann.

Der Solinger koordiniert im Städtedreieck und für die europäischen Partner den Welterbe-Prozess für die Müngstener Brücke. Im Interview spricht er über den Stand der Bewerbung, wann es endlich soweit sein könnte - und was dann in Solingen insgesamt geschehen muss. Denn sollte die Brücke Kulturerbe werden, wird die Zahl der Touristen deutlich steigen.

Von Philipp Müller

Können Sie kurz skizzieren, wie der Stand der Bewerbung ist?

Carsten Zimmermann: Einen ersten wichtigen Erfolg haben wir eingefahren: Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat die Müngstener Brücke in internationaler Gemeinschaft mit den Brücken Ponte Maria Pia und Ponte Dom Luis I. in Portugal, dem Garabit-Viadukt und dem Viaduc du Viaur in Frankreich und der Ponte San Michele in Italien zur Nominierung als zukünftiges UNESCO-Welterbe vorgeschlagen – als einzigen Vorschlag aus NRW.

Vergangene Woche hat das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen den seriellen, transnationalen Antrag an den Bund übergeben. Dort prüft eine Jury alle Landesvorschläge und leitet einen Vorschlag für die zukünftige Vorschlagsliste an die Kultusministerkonferenz.
Dazu auch: Neue Touristenattraktion - Kletterer auf dem Brückensteig

Wie wird das Verfahren dann weitergehen?

Zimmermann: Die Kultusministerkonferenz beschließt 2023 die neue deutsche Tentativliste und reicht sie 2024 bei der UNESCO in Paris ein. Haben wir diese Liste erreicht, kommt der nächste, zentrale Schritt: Die Bundesrepublik Deutschland arbeitet die Vorschlagsliste schrittweise ab – maximal zwei Vorschläge pro Jahr. Sind wir an der Reihe, reicht sie unseren internationalen Antrag, den wir bis dahin erarbeiten müssen, bei der UNESCO ein.

Was passiert in der Zwischenzeit bis 2023?

Zimmermann: Wir werden die Zeit bis dahin zur weiteren intensiven Vorbereitung nutzen, etwa bei den kommenden Welterbe-Kongressen. Sie finden im Jahr 2022 in Italien und in Müngsten statt. Zudem informieren unsere internationalen Partner in Italien, Frankreich und Portugal nun unter anderem ihre zuständigen Ministerien über die nordrhein-westfälische Entscheidung, damit der Prozess auch auf der jeweiligen Landesebene fortgesetzt werden kann.

Als formelle „Dachorganisation“ für das weitere transnationale Verfahren wird außerdem eine Stiftung mit Sitz in Deutschland gegründet. Sie spielt eine wichtige Rolle für die Finanzierung und Steuerung des internationalen Antrags. Mitglieder sind unter anderem die Vereine, die in den vier beteiligten Staaten gegründet werden. Sie sollen zunächst im eigenen Land Finanzmittel beschaffen, Veranstaltungen organisieren und durchführen sowie Projekte zur Förderung des Vereinszweckes entwickeln und unterstützen. In Deutschland haben wir diesen Schritt bereits getan und im Frühjahr dazu den Förderverein „Welterbe Müngstener Brücke“ gegründet.

Welterbe? Frühestens 2025, wenn bis dahin alles gut läuft. 

Carsten Zimmermann

Wann könnte denn die Müngstener Brücke frühestens tatsächlich Weltkulturerbe werden?

Zimmermann: Frühestens 2025, wenn bis dahin alles gut läuft. Das setzt voraus, dass unsere Bewerbung in internationaler Gemeinschaft auf der bundesdeutschen Tentativliste ganz oben platziert und als deutscher Vorschlag bei der UNESCO eingereicht wird. Auch die weitere reibungslose Abstimmung in und mit den anderen beteiligten Staaten ist eine wichtige Voraussetzung. Die Vorschlagsliste wird dann ab 2025 Jahr für Jahr weiter abgearbeitet.

Solingen macht das auch für die europäischen Partner federführend, wie läuft die Zusammenarbeit mit den Städten in Italien, Frankreich und Portugal?

Zimmermann: Auf dem Welterbe-Kongress in Porto haben die beteiligten Kommunen, Regionen und Bahnunternehmen beschlossen, dass die Stadt Solingen im Prozess die Federführung übernimmt. Die Zusammenarbeit zwischen allen Partnern läuft sehr gut. Dabei müssen wir mitdenken, dass die Voraussetzungen in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich sind. So führt die Bewerbung etwa eine Weltstadt wie Porto mit eher ländlich geprägten Regionen und kleinen Städten in Frankreich und Italien zusammen. Für sie hat die Bewerbung höchste Priorität. Was gerade diese Regionen mit großem Engagement und Fördermitteln erreichen, verdient größten Respekt. Die Mentalitäten und Herangehensweisen sind in den Ländern sehr verschieden. Aber das macht den Prozess so spannend. Und aus Partnern sind inzwischen Freunde geworden.

Sollte die Brücke Kulturerbe werden, werden mehr Touristen zur Brücke und in den Brückenpark kommen, wie muss man sich jetzt schon darauf vorbereiten?

Zimmermann: Zunächst konzentrieren wir uns mit voller Kraft auf die nächsten Schritte und den Antrag auf internationalem Parkett. Dazu müssen wir, wenn wir auf der deutschen Tentativliste stehen, ein sehr gut ausgearbeitetes Dokument bei der UNESCO einreichen. Die Welterbe-Beauftragten der vier Nationen stimmen sich im Vorfeld eng ab.

Welche Aufgaben müssen Sie dabei noch im Blick haben?

Zimmermann: Darüber hinaus müssen wir uns natürlich mit guten und verträglichen Konzepten auf den wachsenden Tourismus vorbereiten, ebenso wie unsere Partner. Zu meinen Wunschvorstellungen gehört auch ein Welterbe-Zentrum im Müngstener Brückenpark – entsprechend des vorliegenden Bebauungsplans. Da aber unser internationaler Welterbe-Antrag frühestens 2025 bei der UNESCO in Paris eingereicht wird, haben wir für die weitere Planung noch genügend Zeit. Wir werden jetzt einen Schritt nach dem anderen tun.

Wird es gelingen, das als Partnerprojekt mit allen drei bergischen Großstädten umzusetzen?

Zimmermann: Eindeutig ja – ohne Wenn und Aber! Die Welterbe-Bewerbung hat für alle drei bergischen Großstädte und die Deutsche Bahn allerhöchste Priorität! Dies zeigt auch die Gründung des Fördervereins „Welterbe Müngstener Brücke“. Er wird den weiteren Bewerbungsprozess auf deutscher Seite steuern und Sponsoren aktivieren. Unter Vorsitz von Oberbürgermeister Tim Kurzbach sind im Vorstand unter anderem alle drei bergischen Oberbürgermeister und der Konzernbevollmächtigte der Deuschen Bahn für Nordrhein-Westfalen vertreten. Ein noch stärkeres Signal für die intensive Zusammenarbeit ist nicht möglich.

Sind die Touristen da, werden sie auch in die Städte gehen. Sie kümmern sich als Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft auch um den Komplex Wiederbelebung der City. Was ist da Stand der Dinge?

Zimmermann: Die Stadtentwicklungsgesellschaft Solingen – SEG – kümmert sich ja nicht nur um Projekte in der Solinger Innenstadt, sondern auch in den anderen Stadtteilen – beispielsweise um den Neubau einer Kita mit gefördertem Wohnungsbau in Ohligs. Aber natürlich ist die Wiederbelebung der Innenstadt ein sehr zentrales Thema und steht für die SEG im Fokus. Alte, früher bewährte Ansätze zur Innenstadtbelebung greifen heute nicht mehr.

Mit dem Integrierten Stadtteilentwicklungskonzept „City 2030“ hat die Stadt Solingen ein sehr innovatives Konzept vorgelegt. Bei der Umsetzung der Projekte in diesem Umfeld und auch darüber hinaus wird die SEG tatkräftig unterstützen und dabei durchaus unterschiedliche Hüte tragen. Mal setzt sie ein Projekt komplett um, mal steuert sie einen bestimmten Umsetzungsprozess und ein anderes Mal liefert sie Impulse für neue Projekte Dritter. Bei der Gläsernen Werkstatt haben wir mit den Eigentümern nach ausgiebigen Verhandlungen eine einvernehmliche Lösung zur Sanierung der Immobilie gefunden. Inzwischen ist der Anmelde- und Bewerbungsprozess für die Werkstattkuben gestartet. Wir sind sehr gespannt und freuen uns auf eine breite und vielfältige Teilnahme.

Das Projekt zeigt aber auch eindrücklich, dass wir Geduld bei der Umsetzung von innovativen Projekten haben müssen. Wir müssen Eigentümer, Anwohnende und Bevölkerung mitnehmen – sie von den neuen zukunftsweisenden Ansätzen überzeugen.

Das alles wird die Stadt Solingen nur mit Fördergeld von Land, Bund und sogar EU umsetzen können. Sind sie zuversichtlich, dass solche Mittel fließen werden?

Zimmermann: Ja, da bin ich zuversichtlich. Einerseits sind wir im Bergischen Städtedreieck als strukturschwach anerkannt und haben somit einen möglichen prioritären Förderzugang. Andererseits haben intelligente Konzepte, die auf die inhaltlichen Zielsetzungen der Förderungen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene einzahlen, immer gute Chance auf eine Förderung. Wichtig ist aber auch, dass für die Umsetzung die notwendigen komplementären Eigenanteile zur Verfügung stehen und es ausreichend Personal gibt.

Noch einmal zurück zur Rallye. Die soll im kommenden Jahr erneut stattfinden. Macht das aus Sicht des Kulturerbes Sinn?

Zimmermann: Im kommenden Jahr wird die Müngstener Brücke 125 Jahre alt – ein Geburtstag, den wir vom 26. bis 28. August gemeinsam mit unseren internationalen Brückenpartnern groß feiern wollen. An diesem Wochenende wird auch die zweite Rallye starten – diesmal bestimmt mit noch mehr Teilnehmenden aus den anderen Ländern. Dazu auch: Teilnehmer der Six Bridges Rally fahren 92.035 Euro ein

Welche Bedeutung hat solches Engagement noch?

Zimmermann: In Bezug auf das Welterbe dürfen wir nie vergessen: Das Welterbe-Programm der UNESCO ist auch ein Bildungsprogramm: Wenn wir durch die Rallye den europäischen Gedanken des „Brückenschlagens“ und unseres transnationalen Welterbe-Vorschlags weiter in die Bevölkerung tragen und verdeutlichen können, dass wir – damals wie heute – voneinander lernen und auf gemeinsamen Erfahrungen aufbauen können, haben wir viel gewonnen. Von daher machen Aktionen, die aus Ideen der Menschen vor Ort entstehen, immer viel Sinn. Die Rallye ist ein wichtiger Programmpunkt eines umfangreichen Programms, zu dessen Ideenfindung und Vorbereitung wir einen Arbeitskreis mit den drei Bergischen Großstädten und der Deutschen Bahn gegründet haben. Er wird zeitnah seine Arbeit aufnehmen.

Zur Person: Carsten Zimmermann

Carsten Zimmermann (47) ist internationaler Projektleiter des Welterbevorhabens „Europäische Großbogenbrücken des 19. Jahrhunderts“ im Auftrag aller beteiligten Kommunen und Bahnunternehmen. Zimmermann hat in Aachen Architektur mit dem Schwerpunkt Städtebau studiert. Seit 2006 ist er bei der Stadt Solingen beschäftigt.

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