Jubiläum

Die Müngstener Brücke wird heute 125 Jahre alt

Arbeiter standen am 22. März 1897 kurz vor der Fertigstellung an der Müngstener Brücke. In der Mitte ist Direktor Anton Rieppel zu sehen.
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Arbeiter standen am 22. März 1897 kurz vor der Fertigstellung an der Müngstener Brücke. In der Mitte ist Direktor Anton Rieppel zu sehen.

Zur Einweihung am 15. Juli 1897 standen 30 Vereine Spalier für Prinz Friedrich Leopold von Preußen.

Von Günter Hindrichs

Bergisches Land. Heute vor 125 Jahren fand am 15. Juli 1897 die Einweihung der Müngstener Brücke statt. Am 1. Juli 1897 sandten die Städte Solingen und Remscheid gemeinsam eine bedeutsame Einladung, denn Remscheids Oberbürgermeister und der Solinger Bürgermeister „beehren sich zur Einweihung der neuen Eisenbahnverbindung Solingen – Remscheid und der riesigen Müngstener Thalbrücke am 15. Juli d. J. ganz ergebenst einzuladen“.

Ein Blick zurück: Im Jahr 1894 war mit dem Bau der Brücke nach Plänen von Anton Rieppel (1852 - 1926), dem späteren Generaldirektor der MAN, begonnen worden. Er konstruierte eine Bogenbrücke, die im freien Vorbau von beiden Seiten des Müngstener Wuppertales errichtet wurde, was als Weltsensation galt und das Ansehen deutscher Ingenieurkunst gewaltig mehrte. Zahlreiche Ehrungen und der erbliche Adel waren der Lohn. Zunächst aber musste eine Eisenbahnstrecke zur Versorgung der Brückenbaustelle gebaut werden. Sie führte über Meigen und Windfeln, wo das erste Brückenbauwerk entstand, nach Schaberg. Dort entstand der Lagerplatz für die Brückenbauteile. Sie wurden mit der Eisenbahn herangeschafft und hatten ein Gesamtgewicht von 4000 Tonnen.

Vier Tage vor der Eröffnung kommen 10 500 Schaulustige

Am 15. Juli 1897 war schließlich der Tag der Brückeneinweihung. Das Solinger Kreis-Intelligenzblatt berichtete am 14. Juli ausführlich über die bevorstehende Eisenbahnfeier. Die Menschen beiderseits der Wupper waren schon seit Monaten vom „Brückenfieber“ erfasst. Denn schon der Bogenschluss, der als Richtfestfeier am 22. März begangen wurde, war ein besonderes Ereignis. Am Dienstag, den 13. Juli, beförderte die Straßenbahn 5800 Fahrgäste zur Krahenhöhe, am Sonntag davor waren es 10 500 Personen. Trotz des Einsatzes von Sonderwagen war dieses Fahrgastaufkommen kaum zu bewältigen. Für den Einweihungstag war eine noch dichtere Wagenfolge nach Krahenhöhe im Gespräch, und zwar durch die Ausdünnung der Fahrpläne auf den anderen Strecken.

Zum Festessen in Solingen lud die Stadt ein.

Außer der offiziellen Feier am Donnerstag, 15. Juli, wurden viele andere Veranstaltungen, Festessen und Militärkonzerte in dieser Woche angeboten. Die Zeitung verwies auf den Anzeigenteil. Mehrere „Bürgercomitee’s“ hatten sich gebildet, um die Stadt festlich herauszuputzen. 30 Vereine hatten sich für Spalierbildung gemeldet, dazu kamen 3500 Schulkinder der oberen Klassen. Der Festtag sollte schön und würdig begangen werden.

Speisekarten listeten die opulenten Menüs auf.

Am Vorabend des Festtages traf Prinz Friedrich Leopold von Preußen als Vertreter von Kaiser Wilhelm II. in Wuppertal ein. Eine Sonderpostkarte aus diesem Anlass zeigt die Illumination des Brausenwerther Platzes. Am Donnerstagmorgen kam der Prinz mit Gefolge um 10 Uhr in Solingen an, wo er auf dem Südbahnhof, dem späteren Hauptbahnhof, vom Bürgermeister begrüßt wurde. Ein Sonderzug brachte die Festgesellschaft zur „Riesenbrücke“, wo sie auf die Remscheider Abordnung trifft.

In einem Festakt, umrahmt von Liedvorträgen des Solinger Sängerbundes und der Remscheider Liedertafel, erhielt die Brücke den Namen „Kaiser-Wilhelm-Brücke“. Namensgeber war Kaiser Wilhelm I., was in der Folgezeit oftmals zu Verwirrungen führt. Danach ging es im Sonderzug weiter zum Remscheider Hauptbahnhof. Während die Ehrengäste die bereitstehenden Equipagen besteigen, formierte sich die übrige Festgesellschaft zu einem geschlossenen Zug. Mit Musik ging es durch die Stadt zum Festlokal Concordia, wobei auch hier Vereine und Schulkinder auf der ganzen Strecke Spalier standen. In der Concordia war um 12.30 Uhr das Frühstück vorgesehen. Laut Speisekarte gab es Widderpastetchen, Salmi von jungen Enten, Forellen in Gelee und Beefsteak béarnaise, dazu verschiedene Beilagen. Ein Festgruß, Gesangsdarbietungen und ein Hoch auf „Seine Königliche Hoheit“ rundeten das Programm ab.

Die Festordnung zur Eröffnung der Müngstener Brücke zeigte die einzelnen Station der Feierlichkeiten 1897.

Casino-Restaurateur reichte Brüsseler Masthühner

Um 14 Uhr fuhr Prinz Friedrich Leopold mit Gefolge, hierfür standen 25 Equipagen bereit, zur Remscheider Talsperre. Diese wurde 1891 eingeweiht und gilt als erste deutsche Trinkwassersperre. Auch hier standen Kaffee und Gesang auf dem Programm. Anschließend fuhr die Festgesellschaft weiter nach Müngsten zur Besichtigung der Kaiser-Wilhelm-Brücke aus der Talperspektive. Nach kurzem Aufenthalt ging es über Krahenhöhe in die Innenstadt, wo um 17.15 Uhr der Prinz im Kaisersaal am Mühlenplatz eintraf. Übrigens waren die anderen Teilnehmer am Remscheider Frühstück laut Programm um 15 Uhr „im geschlossenen Zug mit Musikbegleitung“ zurück zum Hauptbahnhof marschiert und mit dem Sonderzug zum Festessen nach Solingen gefahren. Die an der Spalierbildung in Solingen teilnehmenden Vereine marschierten anschließend zum Festkommers in der Schützenburg. Um 17.30 Uhr begann im festlich geschmückten Kaisersaal bei Tafel-Musik das große Festessen. Die von der Solinger Kunstanstalt H. Rabitz gedruckte Speisekarte mit einer allegorischen Darstellung der Kaiser-Wilhelm-Brücke sieht folgende Speisenfolge vor: Krebssuppe, Ostender Steinbutt mit Austernsauce, Rehbraten mit frischen Erdschwämmen, junge Erbsen mit Schinken, Zunge und geräuchertem Rheinlachs, Helgoländer Hummer, Brüsseler Masthühner mit eingemachten Früchten, Diplomaten-Eis, Käsestangen und Obst.

Die historische Postkarte klärt auf: Die Brücke ist nach Kaiser Wilhelm I. benannt.

Für das Festessen zur Brückeneröffnung war der Casino-Restaurateur August Kapp verantwortlich. Solingens Bürgerschaft hatte nach dem Festtag noch drei Tage, also am Freitag, Sonnabend und Sonntag, Gelegenheit zur Besichtigung der Saaldekoration.

Über den Autor

Günter Hindrichs war viele Jahre Geschäftsführer der Solinger Briefmarkenfreunde, dem Verein für Philatelie und Postgeschichte Solingen. In dieser Eigenschaft trug er schon zum 100-Jährigen der Brücke viele historische Dokumente zusammen. Aus den zwei großen Bänden mit Postkarten, Briefen, Zeitungsausschnitten und Fotos hat er den 15. Juli 1897 zusammengefasst und mit vielen Details zum Tag für das Solinger Tageblatt niedergeschrieben.

Lesen Sie auch: Im August spielen zum Brücken-Geburtstag die Bergischen Symphoniker

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