Historie

Die Müngstener Brücke feiert 125. Geburtstag

Im Frühjahr ist der weite Bogen der Müngstener Brücke gut zu sehen, wenige Monate später versinkt die Stahlkonstruktion in den belaubten Bäumen. Foto: Roland Keusch
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Im Frühjahr ist der weite Bogen der Müngstener Brücke gut zu sehen, wenige Monate später versinkt die Stahlkonstruktion in den belaubten Bäumen.

Das kolossale Bauwerk wurde am 15. Juli 1897 feierlich eingeweiht.

Von Andreas Erdmann

Bergisches Land. Ein bergisches Wahrzeichen feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen: Am 15. Juli 1897 wurde die Müngstener Brücke eingeweiht, die damals, Wilhelm I. gewidmet, noch Kaiser-Wilhelm-Brücke hieß. Bis heute überspannt Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke zwischen Solingen und Remscheid in 107 Metern Höhe das Tal der Wupper.

Am 21. März 1897 wurde der Bogen geschlossen und der letzte Niet eingeschlagen. Tags drauf, zum 100. Kaisergeburtstag, war Richtfest.

Am Eröffnungstag zogen Tausende Menschen nach Müngsten. Solingen glich einem Fahnenmeer, als der Zug mit Prinz Friedrich Leopold von Preußen als Vertreter des Kaisers samt Ehrengästen um 9.55 Uhr im Hauptbahnhof eintraf. Die Oberbürgermeister Solingens und Remscheids, August Dicke und Ludwig von Bohlen empfingen die Gäste. In Schaberg erfolgten Festreden und Salutschüsse, bevor man über die Brücke fuhr. Nach Besichtigung der Eschbachtalsperre kehrte der Prinz per Pferdekutsche zurück nach Müngsten und fuhr durch ein Menschenspalier bis unter die Brücke. Abschließend ging es hinauf nach Solingen zum Festmahl im Kaisersaal.

Alles rund um die Müngstener Brücke

In der Bogenstütze stand lange der Name „Kaiser-Wilhelm-Brücke“

Nötig wurde der Brückenbau wegen des steigenden Warenaustauschs zwischen den Nachbarstädten. Er verkürzte den Schienenweg von 44 auf 8 Kilometer. Entworfen wurde das „technische Wunderwerk“ von Ingenieur Anton von Rieppel, dem Vorsitzenden der „Maschinenbau-Actien-Gesellschaft Nürnberg“ (MAN) als Ausführungsfirma. Nach ersten Planungen 1889 begannen 1893 die Grab- und Sprengarbeiten am Bauplatz. Anfangs war nur ein Gleis vorgesehen, die Königliche Eisenbahndirektion aber schätzte das Verkehrsvorkommen so hoch ein, dass ein zweites hinzukam.

Eine 31 Meter hohe Behelfsbrücke mit Transportbahn diente der Materialanlieferung. Im Juli 1896 war die Arbeit an den Pfeilern so weit fortgeschritten, dass man den Brückenbogen montierte – im freien Vorbau von beiden Seiten, ohne Gerüste. Am 21. März 1897 schloss man den Bogen und schlug den letzten von etwa 950 000 Nieten ein. Tags drauf, zum 100. Kaisergeburtstag, war Richtfest. Die Gesamtlänge der Konstruktion beträgt 465 Meter. Die Mittelöffnung über der Talsohle hat eine mittlere Stützweite von 170 Metern. In der Bogenspitze des Bauwerks prangte lange in Großbuchstaben der Name „Kaiser-Wilhelm-Brücke“.

Fulminanter als der Prinzenbesuch am 12. August 1899 war der Besuch Kaiser Wilhelms II. Eine Gedenktafel unter der Brücke erinnert noch heute daran. Dafür errichtete man eigens Tribünen. „Einige Fenster in der 2. Etage mit guter Aussicht auf Se. Majestät“ waren vermietet. Stände boten Fahnen, Wimpel, Feldstecher feil.

Hoher Besuch: Am 12. August 1899: Kaiser-Wilhelm II. fährt mit dem Zug über die Brücke, dann mit der Kutsche weiter nach Remscheid.

Um 10 Uhr traf der Kaiser im Sonderzug an der Brücke ein. Kapellen spielten Märsche. Chöre sangen das Bergische Heimatlied. Nach der Zugüberfahrt ging es per Kutsche zum Aussichtsplatz nach Küppelstein. Remscheid empfing Wilhelm II. als reich geschmückte Blumenstadt. Dabei waren die Straßen der Kaiserdurchfahrt für alle Fuhrwerke gesperrt, weil es „Anlaß zu ungeheurem Jubel und äußersten Gefahren“ gab.

Die „Riesenbrücke“ wurde rasch ein beliebtes Ausflugsziel. Im Ersten Weltkrieg erschwerten Rohstoff- und Materialmangel die Ausbesserungen. Da man Sabotage am Bauwerk befürchtete, wurde das Gelände rundum kahlgeschlagen. Ein Überwachungstrupp hatte die Brücke nun dauerhaft im Blick. Noch im Krieg plante man die Neubepflanzung, um die Hänge zu stabilisieren.

1918 kam es zur Umbenennung in Müngstener Brücke, 1937 zum zweiten Anstrich. Im Zweiten Weltkrieg führte Beschuss durch britische Bomber zu leichten Beschädigungen, bevor die Brücke im April 1945 knapp der Sprengung deutscher Soldaten vor nahenden Amerikanern entging. Anfang der 1960er Jahre wurde sie instand gesetzt, man tauschte Niete aus, sicherte die Leitern. 1978 erfolgte ein Teilanstrich.

Als die Brücke 1985 Denkmalschutz erhielt, war das Tal längst kein Touristenmagnet mehr. Die extreme Wupperverschmutzung machte es zu einem unansehnlichen Ort. Dagegen ging man in der Folgezeit vor. Im Zuge der Regionale 2006 entstand der Brückenpark als großangelegte Auenlandschaft. Eine Attraktion stellt die Schwebefähre über die Wupper dar. Neben der Schmiede und dem Minigolfplatz gibt es mit Haus Müngsten wieder Gastronomie.

Von 2014 bis 2021 ließ die Deutsche Bahn die Brücke für 30 Millionen Euro sanieren. Die gesamte Stahlkonstruktion wurde entrostet, neu beschichtet und technisch überarbeitet. Seit vergangenem Jahr gibt es den „Brückensteig“, über den Besucher eine Plattform in 100 Metern Höhe erreichen. Anfang des Jahres meldete das Land NRW die Brücke für die deutsche Vorschlagsliste zur Weltkulturerbe-Stätte an. Bis heute ist die Müngstener Brücke eine wichtige Verbindung für den Personenverkehr. Täglich rollt die S 7, der „Müngstener“, darüber.

Der 125. Geburtstag soll gefeiert werden: „Wir feiern den Brückengeburtstag vom 26. bis 28. August. Das wird ein richtig großes Fest.“ Solingen, Remscheid und Wuppertal seien an den Planungen beteiligt, das Programm befinde sich derzeit noch in der Abstimmung“, heißt es aus dem Solinger Rathaus. Darüber hinaus findet traditionell das Brückenfest am letzten Oktoberwochenende mit Schwerpunkt Ohligs statt.

Technische Daten

  • Höhe: 107 Meter
  • Länge: 465 Meter zwischen den Widerlagern beider Brückenseiten
  • Gewicht: 4.978 Tonnen
  • Anstrichfläche: etwa 75 000 Quadratmeter
  • Baukosten: 2 646 386,25 Mark

So lief der Güterverkehr vor Eröffnung der Müngstener Brücke

Von Klaus Hinger

Zunächst hinderten technische Fragen und die immensen Kosten die Realisierung einer unmittelbaren Bahnverbindung zwischen Solingen und Remscheid über eine Brücke.

Bevor es die Müngstener Brücke gab, wurde für Transporte zwischen Remscheid und Solingen die 1845 bis 1848 erbaute Chaussee – die heutige B 229 – genutzt. Vorher standen nur alte unbefestigte Fahrwege zur Verfügung. Wenn man bedenkt, wie stark die Industrien beider Städte miteinander verwachsen sind und waren, wird einem klar, wie schwierig der Austausch von Solinger Stahl- und Schneidwaren gegen Remscheider Werkzeuge und Küchengeräte gewesen sein muss, zumal beide Stadtzentren, an der Luftlinie gemessen, nur rund 8 Kilometer auseinander lagen.

Auch eine Bahnverbindung gab es seit dem ersten September 1868. Doch die Entfernung zwischen Remscheid und Solingen betrug rund 44 Kilometer und führte mit einem Umweg über Elberfeld. Der Remscheider Hauptbahnhof ist einer von wenigen deutschen Hauptbahnhöfen, der an kein Fernverkehrsnetz angeschlossen ist. So blieb die Straße nach Solingen noch lange der Hauptverbindungsweg – ein kurvenreiches Bergauf und Bergab auf dem inzwischen historischen Weg aus der Postkutschenzeit.

1868 erhielt Remscheid seinen Bahnanschluss von der Bergisch-Märkischen-Eisenbahngesellschaft. Der erste Abschnitt führte von Oberbarmen nach Lennep mit einer Zweigstrecke nach Remscheid, die am ersten September 1883 nach Hasten verlängert wurde. Fünf Jahre später kam eine Verbindung nach Bliedinghausen hinzu, die dem Güterverkehr diente.

Zunächst hinderten technische Fragen und die immensen Kosten die Realisierung einer unmittelbaren Bahnverbindung zwischen Solingen und Remscheid über eine Brücke. Die Städte werden durch die Wupper getrennt. Zudem liegt der Remscheider Bahnhof rund 100 Meter höher als der Solinger Bahnhof Schaberg. Hinzu kommt, dass auf Solinger Seite noch ein weiteres Tal – Windfeln – zu überbrücken war. Diese Brücke wurde 1893 erbaut.

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