Andacht

„Die Liebe gegen den Hass leben“

Thomas Schorsch ist seit sechs Jahren Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Gräfrath und Religionslehrer an der Süßwarenfachschule ZDS. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Fotos: cb / Gesine Wägner-Schorsch
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Thomas Schorsch ist seit sechs Jahren Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Gräfrath und Religionslehrer an der Süßwarenfachschule ZDS. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

Theologen laden zur Andacht ein – heute der evangelische Pfarrer Thomas Schorsch

Liebe Leserin, lieber Leser!

In der vergangenen Woche erinnerte diese Zeitung an den 4. November 1944: die Bombennacht in Solingen. Die Innenstadt zerstört. Über 2000 Opfer. Am kommenden Sonntag, am Volkstrauertag, erinnern wir nicht nur an diese, sondern an alle Opfer des Krieges gleich welcher Nation. Und an die Gewaltherrschaft der Nazi-Diktatur. Besonders denken wir in diesem Jahr an den deutschen Überfall auf Jugoslawien, Griechenland und die Sowjetunion vor 80 Jahren. Zugleich steigerte sich damals der nationalsozialistische Rassenwahn zum völkermörderischen Holocaust. Am Ende stand die Zahl von 70 Millionen Toten weltweit, darunter waren sechs Millionen ermordete Juden.

Evangelische Kirchengemeinde Gräfrath

Die Aufgabe, die der Volkstrauertag allen stellt, lautet: Nie wieder Krieg! Nie wieder Diktatur! Es geht um den Frieden. Der „Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge“ übernimmt mit großer Sorgfalt die Erhaltung und Pflege von Gräbern auch der namentlich genannten Opfer: damit wir den Schrecken nicht vergessen und nicht die daraus resultierende Verpflichtung für den Frieden.

Menschen, die diese Zeit erlebt haben, werden immer weniger. Gut, wenn man ihren Erinnerungen zuhört. Zum Beispiel im Rahmen eines Seniorenkreises in Solingen: „Ich war noch ganz klein, aber ich habe immer noch das Geräusch der Bomben im Ohr. Ich habe miterlebt, wie in Ohligs am Bahnhof Juden in Waggons gedrückt wurden. Es war schrecklich.“ „Wir haben an einem Samstag geheiratet, am Sonntag wurde unser Haus von einer Bombe getroffen, alles, auch alle Hochzeitsgeschenke waren kaputt.“ „Wir sind aus Breslau geflohen, im Handkarren haben wir unsere gelähmte Schwester transportiert.“ „Man hörte von welchen, die auch auf der Flucht im Eis eingebrochen waren.“

Schleuser verdienen sich eine goldene Nase

Diese Erinnerungen rühren mich an. Zugleich machen sie mich aufmerksam auf aktuelle Kriegsherde im Nahen Osten und in Afrika. Und auch auf die katastrophale Situation vieler Flüchtlinge heute: Auf dem Weg von Belarus über Polen nach Deutschland sterben Menschen. Und Schleuser verdienen sich eine goldene Nase. Im Mittelmeer ertrinken immer noch Menschen. 800 gerettete Menschen befanden sich letzte Woche auf dem zivilen Rettungsschiff Sea-Eye 4. Das Schiff gehört zu einer Initiative, die von dem nun ausscheidenden EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm mit angeregt wurde. Es rettet – wo immer möglich, trotz vieler Widerstände. Das verdient Respekt. Für mich sind diese Lebensretter zugleich Friedensstifter, denn sie nehmen sich der Flüchtlingsopfer von Kriegen und Gewaltherrschaften an.

In der Bergpredigt sagt Jesus: „Selig sind die Friedensstifter!“ (Matthäusevangelium 5,9) Vermutlich möchte jeder gerne zu den Friedensstiftern zählen. Wenn wir alle uns nach Frieden sehnen und uns auch Friedensstifter nennen wollen, dann lasst uns auch als Vorbilder der Liebe leben: Aufhören mit übler Nachrede, mit Hetze und unbarmherzigen Verurteilungen aufgrund von Hörensagen. Lasst uns den andern mit den Augen der Liebe Gottes ansehen! Lasst uns Gott selbst zum Vorbild nehmen! „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“(Lukasevangelium 6,33) lautet die Jahreslosung für 2021. In seiner Barmherzigkeit hat Gott uns die Tür seines Herzens geöffnet. Jeder ist bei ihm willkommen. Wer sich auf den barmherzigen Gott einlässt, stärkt seine Liebes- und Gütekraft. Wir bekommen den Mut, gegen den Hass die Liebe zu leben, trotz aller Widerstände. Und das dient dem Frieden weltweit.

Ein friedvolles Wochenende wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Thomas Schorsch

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