Vor 100 Jahren

Walter Ulbricht: Der Mauer-Bauer als Agitator in Solingen

Vor 100 Jahren feierte Walter Ulbricht in Solingen seine journalistische Karriere.
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Vor 100 Jahren feierte Walter Ulbricht in Solingen seine journalistische Karriere.

Vor 100 Jahren schrieb Walter Ulbricht gegen das „Mietwuchergesetz“.

Von Wilhelm Rosenbaum

Solingen. Am Anfang der goldenen Zwanziger Jahre standen innerhalb kurzer Zeit gleich drei Prominente in der Klingenstadt in Sachen Journalismus am Start: Im Januar 1921 veröffentlichte der als „Meisterspion“ in die Zeitgeschichte des Zweiten Weltkriegs eingegangene Richard Sorge seinen ersten Text in der „Bergischen Arbeiterstimme“, die mit einer Auflagenhöhe von 23.000 Exemplaren damals kurzfristig die auflagenstärkste Zeitung Solingens war.

Im Juni des gleichen Jahres stellte sich im „Ohligser Anzeiger“ der Bochumer Paul Sethe, später in der Bundesrepublik als Grandseigneur der Publizistik gefeiert, erstmalig vor.

Ein langweiliger Mann mit langatmigen Erklärungen.

Carola Stern, Biografin

Und vor 100 Jahren, am 20. Mai 1922, hatte auch ein Mann in Solingen seine journalistische Premiere, der untrennbar mit dem SED-Regime der Nachkriegszeit und der Berliner Mauer verbunden bleibt: Walter Ulbricht (1893-1973). Der Tischler aus Leipzig, KPD-Mitglied seit 1919, stieg 1953 zum Ersten Sekretär der SED und 1960 zum Staatsrats-Vorsitzenden auf. Er wurde, wie übrigens auch Richard Sorge, mit der Auszeichnung „Held der Sowjetunion“ geehrt. 1971 musste Ulbricht, der die DDR politisch und wirtschaftlich im sowjetisch dominierten Ostblock verankerte, nach einem parteiinternen Putsch für Erich Honecker seinen Stuhl räumen.

Zurück ins Jahr 1922: In seinem 195 Zeilen langen Artikel in der kommunistischen „Bergischen Arbeiterstimme“ polemisiert der damals 29-jährige Ulbricht unter der Überschrift „Das Mietwuchergesetz und der Bund deutscher Mietervereine“ gegen das „kapitalistische Wohnungselend in der Arbeiterklasse“. Was seine bekannte Biografin Carola Stern 1961 über den Verfasser schreiben wird –„ein langweiliger Mann mit langatmigen Erklärungen und formelhafter Denk- und Ausdrucksweise“ –, das alles spiegelt der frühe Solinger Text tatsächlich bereits wider.

Sein Text ist weiß Gott langatmig, eine Art Referat eher als ein journalistisch aufbereiteter Artikel, durchsetzt mit einer Fülle von Zitaten aus Tages- und Verbandszeitungen, die der gerade zum KPD-Sekretär der Bezirksleitung Großthüringen aufgestiegene Ulbricht gesammelt hatte.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass die sprachliche Mixtur aus Endlos-Schachtelsätzen und Alltags-Alliterationen (Kopf und Kragen, frisch und fröhlich), die kommunistische Leserschaft wirklich packte oder überzeugte. Der Agitator schreibt im Duktus der Zwanziger Jahre, hölzern-gestelzt wie der Entwurf zu einer Politikerrede, mutmaßlich über die Köpfe der Solinger Arbeiter hinweg, die er doch mitreißen und überzeugen möchte.

Pseudo-akademisch klingt das, aber ebenso umständlich: „Die Forderungen der Mieter verwirklichen, heißt Einsetzen aller Kräfte zur Bildung der Arbeiterregierung im Reiche“. Fazit: Begeistern konnte der junge Walter Ulbricht so jedenfalls nicht.

Das hinderte die Redaktion der „Bergischen Arbeiterstimme“ aber nicht, dem Verfasser aus Leipzig die (politische) Treue zu halten: Gleich eine ganze großformatige Zeitungsseite gehört im Februar 1933 wiederum Walter Ulbricht. Mit einem diesmal appellativen Titel und einem Ausrufungszeichen wirbt er für politische Unterstützung: „Alles für die antifaschistische Einheitsfront!“

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