Beruf

Dieser traditionellen Ausbildung in Solingen droht das Aus

Graveur-Obermeister Stefan Krüth und Jung-Graveurin Miriam Beckers vor der Stoßstangen-Form des neuen Ford Transit, deren Oberfläche bei der Firma Krüth bearbeitet wird.
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Graveur-Obermeister Stefan Krüth und Jung-Graveurin Miriam Beckers vor einer Stoßstangen-Form, deren Oberfläche bei der Firma Krüth bearbeitet wird.

Wegen zu wenig Schülern wird Schließung einer Klasse am TBK diskutiert. Firmen kämpfen um Traditionsberuf.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Kunstvolle Gravuren in Schildern oder Schmuck, Metallarbeiten aber zu einem großen Teil auch Oberflächengravuren für die Automobilindustrie – der Beruf des Graveurs ist ebenso vielfältig wie interessant. Das spiegelt sich allerdings nicht in den Zahlen der Auszubildenden wider, die sich für diesen traditionsreichen Beruf interessieren.

Den schulischen Teil für die Graveur-Ausbildung im Dualen System übernimmt das Technische Berufskolleg (TBK) – und zwar nicht nur für die Solinger Betriebe, sondern für Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Trotz des Einzugsgebietes von ganz Norddeutschland sind die Zahlen stark rückläufig. „Waren es im Jahr 2019 noch 13 Azubis, so waren es im Jahr darauf zehn, zum Schuljahresstart 21/22 neun und in diesem Sommer sieben neue Auszubildende“, erklärt TBK-Schulleiter Michael Becker. Aus den geringen Anmeldezahlen muss die Schule Konsequenzen ziehen. Es droht die Einstellung des Ausbildungszweiges.

Ein Unternehmen, das von dieser Entscheidung hart getroffen wäre, ist die Firma J. & F. Krüth in Wald. Das Familienunternehmen für Laser- und Ätzgravur hat an zwei Standorten an der Stübbener Straße und am Kyllmannweg insgesamt 85 Mitarbeiter. „Für uns ist es wichtig, auszubilden, weil es in dem Bereich wenige Fachkräfte auf dem Markt gibt“, erklärt Rebecca John, Assistentin der Geschäftsführung.

Ihr Vater Stefan Krüth, Obermeister der Solinger Graveur-Innung, betont aber auch, wie schwierig es aktuell ist, interessierte junge Menschen für eine Ausbildung zu finden. „Auch die Schulen legen den Fokus oft auf Abitur und Studium statt auf eine Ausbildung im Handwerk.“ Er habe bei seiner Lehre vor 40 Jahren noch mit 24 Schülern in der Klasse gesessen. „Auf der anderen Seite gehen leider auch die Ausbildungsbereitschaft und die Zahl der Betriebe zurück“, so Stefan Krüth. Aktuell sind noch 13 Firmen in der Graveur-Innung Solingen-Wuppertal.
Passed dazu: Graveure: So veränderte die Corona-Pandemie die Arbeit

Letzte Entscheidung liegt beim Schulministerium

Krüth versteht das Problem des Berufskollegs, das für nur wenige Schüler keine Klasse anbieten kann. „Andererseits ist es ein Beruf mit großer Historie – für den es auch in modernen Unternehmen großen Bedarf gibt.“ Bei J. & F. Krüth arbeitet man beispielsweise zu 80 Prozent für die Automobilindustrie. „Vieles, was im Auto wie Leder oder Stoff aussieht, ist Kunststoff. Wir übernehmen die Veränderung der Oberflächenstruktur des Materials“, erklärt Rebecca John.

Schon lange sei der Beruf des Graveurs ein Oberbegriff für viele Berufe, erläutert Betriebsleiter Torsten Steffens. Zum Graveur-Beruf gehören die Damaszierer, Waffengraveure, Drücker, Gürtler oder Ziseleure“, nennt er Handwerke, die kein eigener Ausbildungsberuf mehr sind. Er befürchtet, dass die Schließung des Solinger Ausbildungsgangs am TBK auch das Aussterben des Graveur-Berufs bedeuten könnte. „Dabei sind wir beispielsweise bei den Entscheidungen der großen Automobilhersteller mit dabei, wenn es darum geht, wie das Auto von morgen aussieht“, wirbt John für den Beruf.

Auch Schulleiter Michael Becker weiß um die lange Handwerkstradition. „Gerade bei uns am TBK sind ja Schule und Wirtschaft eng verknüpft.“ Aber ein Bildungsgang mit unter 16 Schülern dürfe nicht genehmigt werden. „Die Zahl haben wir schon seit Jahren nicht mehr.“ Jetzt gingen aber auch noch Lehrer in Pension – und bei der Zuweisung für neue Stellen habe die Bezirksregierung jetzt reagiert.

Leicht macht sich das Solinger Berufskolleg die Entscheidung nicht. Es gab Umfragen bei Unternehmen und einen runden Tisch. „Jetzt hat aber die Bezirksregierung das Verfahren in der Hand, die Entscheidung fällt nächstes Jahr beim Ministerium“, führt Becker aus.

Auch Zusammenlegungen mit anderen Berufen wurden diskutiert. So werden schon jetzt Graveure und Metallbildner gemeinsam beschult – im Blockunterricht, damit auswärtige Schüler im Wohnheim des TBK wohnen können. „Klar ist aber, dass alle Schüler, die schon angenommen sind, ihre dreijährige Ausbildung am TBK auf jeden Fall zu Ende führen können.“

Bedeutung

Solingen hat schon jetzt den Meisterprüfungsausschuss für Graveure für ganz Deutschland. Die Anfrage, auch den Bundesstandort nach Solingen zu holen, liegt beim Ministerium. Schulen gibt es sonst nur noch in Pforzheim und im thüringischen Arnstadt.

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