Interview der Woche

Mona Lohrengel: „Denkmalschutz hat Verfassungsrang“

Mona Lohrengel ist Solingens oberste Denkmalschützerin. Denkmäler sind gut für das Klima, erklärt sie im Interview.
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Mona Lohrengel ist Solingens oberste Denkmalschützerin. Denkmäler sind gut für das Klima, erklärt sie im Interview.

Mona Lohrengel über Solaranlagen, Plastikmüll am Haus und einen Kommunikationsfehler der Politik.

Von Björn Boch

Solingen. Kurz vor der Landtagswahl hat die schwarz-gelbe Landesregierung das Denkmalschutzgesetz geändert, es gilt seit 1. Juni. Im Gesetz heißt es jetzt wörtlich: Bei der Erteilung einer Erlaubnis zur Veränderung eines Baudenkmals „sind insbesondere auch die Belange des Wohnungsbaus, des Klimas, des Einsatzes erneuerbarer Energien sowie der Barrierefreiheit angemessen zu berücksichtigen“. Das ST sprach über das neue Gesetz mit Solingens oberster Denkmalschützerin Mona Lohrengel.

Wie viele Denkmäler in der Stadt verantworten Sie – und wie sieht das typische Denkmal aus?
Mona Lohrengel: Wir haben knapp 1000 Baudenkmäler in Solingen. Das Gros sind Fachwerkhäuser und Kotten, aber auch Fabriken und Fabrikantenvillen aus dem späten 19. Jahrhundert. Einige Denkmäler werden gewerblich genutzt, andere zum Wohnen, mindestens zwei Drittel, eher drei Viertel sind in privater Hand. Und dann haben wir Brücken – von der Müngstener Brücke bis zur Straßenbahnbrücke in der Kohlfurth. Eines unserer neuesten Denkmäler ist der Berliner Bär in Ohligs. Die Denkmallandschaft ist sehr vielfältig.
Und auf die typisch bergischen Fachwerkhäuser kommen bald überall Solarzellen?
Lohrengel: Das hoffen wir eigentlich nicht. Zum Denkmal gehören die Substanz und das Erscheinungsbild. Und wenn ich eine großflächige, blauspiegelnde Anlage auf der Hauptseite eines denkmalgeschützten Gebäudes habe, ist das ein ganz anderes Gebäude. Es verändert die Wahrnehmung, die Dachfläche ist im schlimmsten Fall gar nicht mehr sichtbar. Passend ist das aus unserer Sicht nicht. Und dann sind wir in der Abwägung: Was beeinträchtigt das Denkmal, was beeinträchtigt es nicht?
Auf 1190 Dächern in Solingen entsteht Solarenergie
Wird diese Abwägung mit dem neuen Gesetz leichter oder schwieriger?
Lohrengel: Die Abwägung ist eigentlich dieselbe geblieben. Wir haben immer schon alle sonstigen Belange abwägen müssen. Im Denkmalschutz ist alles eine Einzelfallentscheidung. Jetzt ist nur neu, dass diese Pflicht zur Abwägung ins Gesetz geschrieben wurde. Etwas anderes steht eigentlich nicht drin. Da steht, dass bestimmte Belange zu berücksichtigen sind. Nicht: Solaranlagen sind generell möglich. Das ist seitens der Landespolitik vielleicht auch ein Kommunikationsfehler, ob nun bewusst oder unbewusst sei dahingestellt.
Der „Einsatz erneuerbarer Energien“ wird explizit erwähnt, Klimaschutz hat Verfassungsrang. Und Sie sagen nun, das hat keine Auswirkungen?
Lohrengel: Auch der Denkmalschutz genießt Verfassungsrang, zwei Belange stehen gegeneinander. Wir müssen versuchen, diese in Einklang zu bringen. Im Moment ist das relativ klar: Wenn eine Beeinträchtigung des Denkmals vorliegt, ist ein Vorhaben abzulehnen. Das sagen auch mehrere Oberlandesgerichte. Vielleicht wird sich das wandeln. Aber von unserer Seite gilt: Der Kulturgutschutz ist unser Auftrag.
Aber geht das überhaupt: Photovoltaik ohne Beeinträchtigung des Denkmals?
Lohrengel: Wo es möglich ist, ermöglichen wir es. In Wald gibt es seit zwölf Jahren Photovoltaik im Denkmalbereich. Da spricht niemand drüber, weil es eben nicht zu sehen ist. Ebenfalls in Wald haben wir eine kleine Fabrik mit einer größeren Solarthermieanlage. Die wurde letztes Jahr genehmigt. Es ist ein hohes Gebäude mit Flachdach und die Anlage ist daher kaum wahrnehmbar. Solche Sachen sind möglich. Aber wir tun uns schwer, wenn bei einem Fachwerkhaus das Dach auf der Hauptseite mit einer Anlage belegt werden soll. Dann ist eine Genehmigung eher unwahrscheinlich.
Nehmen Sie uns mal mit: Wie fällen Sie solche Entscheidungen?
Lohrengel: Wir haben Grundsätze, aber wir betrachten jedes Gebäude für sich, vom kleinen Fachwerkhaus bis zum Fabrikkomplex. Pauschal zu sagen, unter den Voraussetzungen ist es möglich oder nicht, würde dem nicht gerecht. Was man bei der ganzen Debatte aber nicht vergessen darf: Wir reden bei den Denkmälern über einen verschwindend geringen Anteil der gesamten Gebäudelandschaft. In NRW sind rund 1,5 Prozent der Gebäude denkmalgeschützt.
Aber irgendwo müssen wir doch anfangen, oder? Und alle müssen ihren Beitrag leisten.
Lohrengel: Ich kann jeden Eigentümer, der seinen Beitrag zur Energieeinsparung leisten möchte, absolut verstehen. Aber wenn man es mal im Ganzen betrachtet: Diese 1,5 Prozent werden die Energiewende nicht retten. Da haben wir ganz andere Möglichkeiten: in den Industriegebieten, auf Supermarktdächern. Wenn dort Solaranlagen forciert werden, sind messbare Erträge zu erzielen – im Gegensatz zu einem kleinen Kotten mit 40 Quadratmetern Dachfläche. Die kleinen Anlagen brauchen ja alle ihren eigenen Batteriespeicher, das ist aufwendig und auch nicht unbedingt nachhaltig.
Dennoch bremsen Sie Menschen aus, die etwas machen wollen, aber nicht dürfen.
Lohrengel: Es wäre politisch steuerbar, dass Großflächen stärker forciert werden. Dann könnte der Denkmaleigentümer Anteilsscheine über eine Bürgergenossenschaft erwerben. Weil er verzichtet hat, um das Denkmal zu schützen, könnte er die vergünstigt erhalten. Denken Sie mal an den historischen Ortskern von Gräfrath: Sie stehen an der Kirche oben und schauen auf die Dächer. Es ist für mich kaum vorstellbar, dass wir da auf Solaranlagen sehen sollen. Das würde den Charakter komplett verändern.
Können Denkmal-Inhaber also nichts tun?
Lohrengel: Es wird viel geforscht in diesem Bereich. Die RWTH Aachen und die Universität Stuttgart entwickeln denkmalgerechte, solarthermische Ziegel, die kurz vor der Serienreife stehen. Dachsteine werden dann so geformt, dass sie dem Denkmal entsprechen und das Bild bewahren. So werden übrigens Strom und Wärme gewonnen. Ein Denkmal sollte ohnehin in seiner Gesamtheit betrachtet werden. Die Frage muss doch sein: Wie kann ich in der Summe gute Werte erzielen?
Und wie geht das?
Lohrengel: Unsere Denkmäler haben riesiges Potenzial. Seit Einführung der Energieeinspar-Verordnung Ende der 70er Jahre hieß es immer nur: dämmen, dämmen, dämmen. Egal mit was. Wir haben unsere Häuser eingepackt in Plastik, das später als Sondermüll aufwendig entsorgt werden muss. Im neuen Gebäudeenergiegesetz soll wohl erstmals drinstehen, dass die Nachhaltigkeit der Substanz und der Maßnahmen in die Berechnung einfließen. Für nachhaltige Baustoffe sind dann bessere Werte anzusetzen. Da kommt etwas in die Baudebatte, was unsere Denkmäler schon seit 500 Jahren können.
Warum sind Fachwerkhäuser so nachhaltig?
Lohrengel: Holz aus dem eigenen Busch, Lehm aus dem Bachlauf nebenan, Steine aus dem Bruch um die Ecke: null Schadstoffe, komplett auseinanderzunehmen und wiederzuverwerten. Dazu kommt die lange Lebensdauer. Da wird so viel Energie über lange Zeit eingespart. Auch energetische Sanierung ist möglich: Im Solinger Denkmal des Jahres 2022 sind 150 Jahre alte Fenster durch Isolierverglasung ertüchtigt worden. In dem Zeitraum sind sonst fünf Satz Kunststofffenster notwendig. „Denkmalschutz ist aktiver Klimaschutz“ – so heißt ein Fachseminar im Sommer. Wir hoffen, dass die Wahrnehmung der Öffentlichkeit etwas mehr in diese Richtung geht.
Alles zum Thema nachhaltigem Bauen gibt es hier.

Persönlich

Mona Lohrengel ist seit 2008 bei der Unteren Denkmalbehörde und hat 2014 die Abteilungsleitung übernommen. Sie wuchs in der elterlichen Zimmerei auf, der Weg in die Architektur war so vorgezeichnet, sagt sie. Studiert hat sie mit Schwerpunkt Denkmalpflege, vor der Tätigkeit bei der Solinger Verwaltung arbeitete sie in Darmstadt in einem renommierten, auf Denkmalpflege spezialisieren Architekturbüro. Die Solinger Denkmalschützer – drei Architekten und eine Verwaltungskraft – werden von der Bezirksregierung als Obere Denkmalbehörde beaufsichtigt.

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