Mein Blick auf die Woche

Das Wunder von Ohligs kann sich wiederholen 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Ohligs erlebt seit Jahren einen Boom: Das liegt nicht nur an der Verkehrsanbindung des Stadtteils, sondern auch an den Ohligsern selbst. Vertreten von ISG, Jongens und OWG sind sie es, die ihren Stadtteil nach vorn bringen. Gemeinsam. Das sollte ein Vorbild für Mitte sein, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Wird Ohligs die neue Mitte Solingens? Wer angesichts der westlichen Lage des 43.000-Einwohner-Stadtteils seine Zweifel hat, dem sei ein Blick in die Geschichte empfohlen. Vor gerade einmal 160 Jahren war Ohligs eine unbedeutende Hofschaft in der Bürgermeisterei Merscheid. Doch der Bau der Bahnlinie Haan-Deutz änderte alles: Vor 131 Jahren beschlossen die damalige Kommunalpolitiker, Merscheid in Ohligs umzubenennen, weil der Bahnhof einen regelrechten Boom beim Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ausgelöst hatte, der das selbstironische sogenannte „Fürstentum Merscheid“ in kürzester Zeit bedeutungslos machte. 

Wiederholt sich Geschichte angesichts der massiven Probleme in Solingens Mitte und der nahezu unbändigen Aufbruchstimmung in Ohligs? Naturgemäß bestätigt sich Historie erst im Rückblick, aber ganz unwahrscheinlich ist eine Schwerpunktverschiebung nun mal gar nicht. Auswärtige Reisende, die im Hauptbahnhof aus dem Zug steigen, wundern sich ohnehin, dass sie erst noch elf Kilometer weiter ins eigentliche Stadtzentrum fahren müssen. 

Ohligs besitzt gleich mehrere Trümpfe, die derzeit stechen. Die geografische Lage unmittelbar an der Rheinschiene steigert die Bedeutung als beliebten Wohn- und Arbeitsort - gerade in Zeiten, in denen für normal verdienende Familien ein Heim in der Nähe der Metropolen unerschwinglich geworden ist. Mindestens drei schwergewichtige Institutionen identifizieren sich gleichzeitig stark mit ihrem Stadtteil: die vom Einzelhandel getragene Ohligser Werbegemeinschaft OWG, die mit Hilfe der öffentlichen Hand gegründete Immobilien- und Standortgemeinschaft ISG und die „Ohligser Jongens” aus der Mitte der Bürgerschaft. Dass die drei nicht immer einer Meinung sind und sich sogar manchmal richtig zoffen, ist dabei gar kein Nachteil. Denn es gibt nicht die eine Wahrheit, welcher Weg die beste Zukunft verspricht. Gerade das Mit-, Neben- und manchmal auch Gegeneinander kann die Interessen austarieren und nahe am Optimum führen. So zum Beispiel das richtige Maß einer Verkehrsberuhigung für das Zentrum, das ein lebendiges Szeneviertel zwischen West- und Lennestraße ermöglicht, aber dem Einzelhandel nicht die Frequenz abschneidet.

Mirko Novakovic ist weiterer Trumpf für Ohligs

Beim großen Ganzen sich die drei ohnehin wieder einig und ziehen am selben Strang. So spricht man derzeit mit der Stadt, wie die Möglichkeit einer einheitlichen Gestaltungssatzung aussehen könnte. Damit würde das verschönerte Stadtbild nach den Umbauarbeiten am Markt und der Düsseldorfer Straße nach wenigen Jahren durch Wildwuchs bei Werbetafel oder Fassadengestaltung nicht wieder verblassen. Wer die lebhaften und attraktiven Fußgängerzonen in Hilden oder Brühl schon einmal besucht hat, kann sich vom Wert einer solchen Satzung überzeugen. 

Auch die alte Idee einer Fußgängerbrücke am Hauptbahnhof, um die Teilung in Ost und West zu überwinden, wird von der Stadt jetzt wieder vorangetrieben. Eine Brücke wäre das fehlende Mosaiksteinchen, um die wirtschaftliche Dynamik der „Boomtown Ohligs-Ost” mit dem pulsierenden Zentrum zu verbinden. Gehen die Pläne der Stadt auf, wird die heutige „Schäl Sick” in wenigen Jahren nämlich nicht mehr wiederzuerkennen sein: Hightech-Firmen im Hansaviertel und an der Prinzenstraße; die neue Fachhochschule CBS, die fulminant eingeschlagen ist, sodass ihr derzeitiger Platz im Ebbtron bald zu eng wird; das Galileum als überirdische Attraktion. Es ist eigentlich kaum zu verstehen, dass immer noch kein Hotel am Hauptbahnhof steht. Aber auch das wird kommen. Man fragt sich schon, warum Mirko Novakovic noch keins gebaut hat.

Der erfolgreiche Start-up-Unternehmer, der seinen Reichtum aus dem Silicon Valley mit großen Investitionen in seinen Stadtteil Ohligs zurückgibt, ist ein weiterer entscheidender Trumpf, warum sich das „Wunder von Ohligs“ von damals wiederholen kann. Was Solingen von Silicon Valley womöglich lernen könnte, das führte Novakovic einer 15-köpfigen Reisegruppe vor Augen, die mit ihm nach San Francisco aufgebrochen war. Ob die städtischen Kosten von 20 000 Euro gut investiert sind, wird natürlich von manchen Skeptikern bezweifelt, zumal der direkte Erkenntnisgewinn gering war: zu verschieden sind Mentalität und Möglichkeiten. Aber wenn man weiß, dass Erfolg zu mehr als 50 Prozent aus Psychologie besteht, dann war der Betriebsausflug dennoch sinnvoll. Allein zu spüren, dass alles geht, wenn man es nur will und konsequent dafür arbeitet, könnte das Geld wert gewesen sein.  

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