Mein Blick auf die Woche

Das Spaghetti-Prinzip kann funktionieren – wenn man es richtig macht 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Beim Spaghetti-Prinzip geht es im Management darum, erfolgversprechende Ideen von den schlechteren zu trennen. Dieser Schritt gelingt in Solingen meist noch sehr gut. Im nächsten Schritt müssen aus diesen guten Ideen jedoch nachhaltig erfolgreiche Projekte werden. Daran mangelt es manchmal leider, findet ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Kennen Sie das Spaghetti-Prinzip? Einen Teller Teigwaren an die Wand klatschen und schauen, was kleben bleibt. Sollte man zu Hause nicht unbedingt ausprobieren. Aber es ist in manchen Unternehmen eine beliebte Management-Methode, um ohne riesige Vorprüfungen einfach auszuprobieren, welche Nudeln im übertragenen Sinne kleben bleiben. Also, welche Idee von vielen erfolgversprechend genug ist, um sie weiterzuverfolgen. 

Dass Oberbürgermeister Tim Kurzbach für seine Weihnachtsgrüße im Internet die Versuchsküche in der Gläsernen Werkstatt genutzt (“Man nehme Mut und Zuversicht und gebe etwas Resilienz darüber”) und als Jahresmotto 2023 „Machen statt zweifeln“ ausgegeben hat, deutet darauf hin, dass das Prinzip im Solinger Rathaus nicht gänzlich unbekannt ist.

Für Unternehmen kann die Methode durchaus sinnvoll sein, um Innovationen vor der Konkurrenz an den Start zu bringen - gerade in unsicheren Zeiten, in denen Businesspläne schneller Makulatur sind, als sie ausgedruckt sind. Doch bei einer Stadt ist das problematischer. Weil die Folgen eines Scheiterns unter Umständen viel Geld kosten, das der Steuerzahler aufbringen muss. Aus gutem Grund reden daher bei den meisten Themen 52 Menschen mit, bei denen jeder ganz unterschiedliche Interessen verfolgt, aber das Wohl der Stadt immer im Auge und Herzen haben sollte: der Solinger Stadtrat. 

Ob die Idee einer Eventarena am Weyersberg nach der Methode entstanden ist? Diese Nudel scheint jedenfalls langsam abzufallen. Denn offensichtlich verfolgt selbst der Initiator Bergischer Handballclub inzwischen auch andere Ideen, wie und wo eine solche Halle gebaut werden könnte. Anders kann man dessen Geschäftsführer Jörg Föste mit seinen prophetischen Aussagen im BHC-Podcast des Tageblatts nicht verstehen.

Ein weiteres Experiment mit ungewissem Ausgang ist die Gläserne Werkstatt, die als Hoffnungsträger gegen den Verfall in der Innenstadt gepriesen, ersehnt und inzwischen sogar eröffnet wurde. Die Idee folgt ganz sicher einer richtigen Strategie, auch wenn eine einzige Schwalbe nie den Sommer macht. Dazu sind die Umwälzungen viel zu massiv, wie sich an der nächsten Hiobsbotschaft zeigt: dem Aus von Café Kersting. Aber auch, wenn die Türen der Gläsernen Werkstatt jetzt - zumindest manchmal - offenstehen: Dem Solinger und der Solingerin ist bisher noch nicht so richtig klar, warum man dort unbedingt einmal hingehen müsste. Dafür braucht es Angebote, die Lust darauf machen. Und diese müssen bekanntgemacht werden.  

Nun ist die Sache ja noch frisch und kann - und muss - noch wachsen. Aber leider fehlt der Stadt manchmal schlicht der lange Atem. Und die Kraft, um einmal Geschaffenes zu erhalten und nach vorne zu entwickeln. Dann wird das vorhandene Potenzial nicht genutzt, weil man schon der nächsten Idee hinterherhechelt. Nehmen wir den Alten Bahnhof. 2006 verwandelte sich der frühere Hauptbahnhof mit Millionen Euro aus der Regionale-Förderung von einer verfallenden Geisterkulisse zu einem beliebten und belebten Ort der Begegnung - mit einer Gastronomie und einem coolen Veranstaltungsort in der Alten Schalterhalle als Anker. Seit über einem Jahr steht das Restaurant nach dem Rückzug des Gastronomen nun leer. Große Baumängel und eine defekte Elektrifizierung sollen die Gründe sein, warum sich kein neuer Pächter finden lässt. Das für Ende letzten Jahres angekündigte Zukunftskonzept kam nicht. Kann man eine solche Immobilie aber einfach verfallen lassen?

Auf einer anderen Ebene, aber demselben Prinzip folgend, liegt die Idee, Botschafter der Klingenstadt zu küren. Dreimal seit 2017 wurden jeweils drei bis vier prominente Solinger feierlich ernannt. So richtig erklären, was denn genau ihre Aufgabe sein soll, konnte nie jemand. Und längst wären sie schon wieder vollständig in Vergessenheit geraten, wenn nicht unsere Zeitung sie ab und zu – wie jetzt geschehen – zu bestimmten Themen wie den Zukunftsausschichten Solingens befragte. Die Stadt selbst unterhält keinen großen Kontakt mehr zu ihren eigenen Botschaftern. 

Die Spaghetti-Methode besteht eben nicht nur aus dem lustvollen Wurf mit klebrigen Teigwaren. Man muss die Erfolgsnudeln auch entsprechend einsammeln und aus dem Versuch ein nachhaltig erfolgreiches Projekt machen. Daran mangelt es manchmal leider. 

Unsere Themen in dieser Woche 

Der Angriff auf eine junge Feuerwehrfrau an der Hasselstraße macht sprachlos - die CDU fordert jetzt mehr Schutz für die Rettungskräfte.

Ein 42-jähriger soll Ex-Frau, schwangere Freundin und deren Oma vergiftet haben – im Prozess schweigt der Angeklagte 

Gerade jetzt spüren sie viele wieder: die innere Uhr. Wie man die wieder synchronisiert und in Takt bringt, lernt man bei unserem Bergischen Wissensforum.  

Café Kersting ist bald Geschichte, doch der „Süße Hirsch“ am Ufergarten könnte in die Lücke springen.

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