Die Woche

Das Roller-Experiment. Oder warum wir keine Großstadt sind

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Solingen wird unpassierbar, insbesondere für Kinderwagen- und Rollatorfahrer.

Von Stefan M. Kob

Mensch Kurzbach, was war das schon wieder? Da lässt der hyperaktive Rathauschef einfach 2000 E-Scooter ungebremst aufs Stadtgebiet rollen! Und das, ohne die Bürger beziehungsweise deren vertretungsberechtigte Politiker gefragt zu haben. Typisch: Der Oberbürgermeister stellt bei jeder Gelegenheit die steile These auf, dass Solingen eine moderne Großstadt sei. Und in jeder modernen Großstadt stehen die Mietroller schließlich bergeweise herum. Und jetzt ist das Chaos perfekt: Solingen wird unpassierbar, insbesondere für Kinderwagen- und Rollatorfahrer. Wie brennende Barrikaden bei den Berliner Mai-Krawallen blockieren wild abgeworfene E-Roller die Wege unserer Stadt und verschandeln Parks und Plätze. Wo sind die mit Warnbaken ausgewiesenen Abstellzonen? Wo das 24-seitige Regelwerk als Anlage f der Straßensatzung, wer, wie, wo und warum die Dinger nutzen darf? Und hat einmal einer die Ökobilanz gecheckt? Vielleicht werden die flotten Flitzer ja nur zum Spaß genutzt. Ja, wer sind wir denn? Nun, offenbar keine moderne Großstadt. Dort sieht man inzwischen gewisse Vorteile darin, dass die Kombi Bus/Bahn + Roller für die letzte Meile eine nette und schnelle Alternative zum Auto sein kann. Und ein bisschen Spaß hat noch nie geschadet.

Die Aufregung der politischen Opposition und besorgte Leserbriefe an die ST-Redaktion zeigen: Erstens sind wir nicht experimentierfreudig, sondern traditionsbewusst. Was ja nicht immer schlecht sein muss, wie das Festklammern am Obus zeigt. Und zum Zweiten wird aus einer Ansammlung von kleinen Städtchen nicht automatisch eine große Stadt. Selbst wenn diese mal 180 000 Einwohner zählen sollte. Das passiert nicht? Nun, wenn junge Solinger, die früher in Scharen vor der dörflichen Enge geflohen sind, jetzt wie in Köln und Düsseldorf sogar E-Scooter auf dem Dürpel vorfinden, wollen die vielleicht plötzlich gar nicht mehr weg?

Es gibt Dinge, die wollen gut überlegt, sorgfältig geplant und dann umsichtig umgesetzt werden, wie beispielsweise die Bekämpfung einer Pandemie. Ok, schlechtes Beispiel. Aber die versuchsweise Zulassung von Rollern gehört nicht in diese Kategorie. Wer ewig versucht, sämtliche Unwägbarkeiten vorherzudenken und regulatorisch auszuschließen, kommt nie von der Stelle. Und wenn sich etwas als Rohrkrepierer erweist? Dann lässt man es eben wieder. Zumal dann, wenn das wirtschaftliche Risiko – wie beim Rollertest – von Unternehmen getragen wird.

Bestes Beispiel, dass man ruhig mal was riskieren kann, liefert in diesen Tagen die TBS, ein städtischer Betrieb, der unter anderem für die Pflege der Straßen und Plätze zuständig ist. Da hat man den traditionellen Cotoneaster, in Behördendeutsch Straßenbegleitgrün, ausgerupft und stattdessen wilde Blumenmischungen gesät und Zwiebeln gesteckt – und einfach mal geschaut, was da so grünt und blüht. Hier hat es drei Jahre gedauert, bis sich herausgestellt hat, dass sich die Vielfalt aus Narzissen, Zierlauch, Buschrosen oder Lavendel hält und unsere Stadt schöner macht. Geben wir den Rollern doch auch die Chance, zu wachsen. Einhegen können wir sie dann immer noch.

TOP Blutspendemarathon: Corona kann Bereitschaft der Solinger nicht bremsen.

FLOP Fehlende Ansagen: Mit nur ein bisschen Mühe lassen sich Busfahrten angenehmer machen.

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