Blick in die Zukunft

Das kleine Solingen im fernen Jahr 2374

Utopien machen Lust aufs Spekulieren.

Von Wilhelm Rosenbaum

Der Jahreswechsel bringt es mit sich wie das bekannte Zwölf-Monats-Horoskop: Was wird, stellt sich der eine oder andere leise, verzagt oder auch ganz optimistisch die Kernfrage, was wird das neue Jahr wohl bringen?

Etliche Solinger, denen man das Etikett Sternegucker bei ihrem bergischen Realitätssinn ansonsten nicht anheftet, haben spekulierfreudig einen Blick in die Zukunft ihrer Stadt riskiert. So wird ihr utopischer Blick zu einer aufschlussreichen, auch überraschenden Stippvisite in die Ferne – jedenfalls, wie sich die Autoren die in ihrer eigenen Lebenszeit vorstellten.

Starten wir unsere Reise in unbekannte Welten vor fast 100 Jahren im Tageblatt-Ressort Sport: Da fabulierte der Solinger A. Schmitz 1925 über den „Fußballsport um das Jahr 2000“, und das klang fantastisch: Die Spieler steuerten, ohne den Aschen- oder Rasenplatz überhaupt zu betreten, aus Kabinen am Spielfeldrand mittels „drahtloser Wellen“ den Ball, als wär’s eine Playstation, und der Schiedsrichter konnte bequem von seiner Wohnung aus per Riesenscherenfernrohr das Match leiten – kein so tollkühner Gedanke mehr, wenn man an die aktuellen Video-Schieris im Kölner Bundesliga-Keller denkt.

Szenario für die Ohligser City wurde Jahrzehnte später Realität

30 Jahre später verdiente sich der Angestellte Paul Sahler von der Benrather Straße 24 in einem Leserbrief im ST den Applaus seiner Mitbürger im Unterland, denn was er da an Szenario für das Herzstück der Ohligser City entwarf, das wurde zwei Jahrzehnte später fast Wort für Wort Realität.

Die Düsseldorfer Straße, optimistisch als „Oase“ konzipiert, verwandelte sich ja in der Tat in eine verkehrsberuhigte Einkaufsmeile, das „Bügeleisen“-Gebäude war mit dem Umbau des Bahnhofsvorplatzes Geschichte geworden, und auch die Straßenbahn bimmelte nicht mehr durchs Städtchen.

Nicht immer freilich waren die Eindrücke vom zukünftigen Leben in Solingen so positiv angelegt. 1839 skizzierte Verleger Siebel im „Solinger Kreis-Intelligenzblatt“ einen pessimistischen, bedrückenden Ausblick in die Zukunft des Kontinents. Unter der Überschrift „Wie wird Europa im Jahr 1900 aussehen?“ endete sein deprimierendes Fazit in einer Fragestellung: „Ist unser Gefühl so arm, unsere Sprache so erstorben, daß die gräßliche Zeit gekommen ist, wo die Steine reden?“

Auch ST-Heimatforscher Herbert Weber nahm die Feier zum Stadtjubiläum 1974 – da war das Wort Klimawandel noch nicht in aller Munde - zum Anlass, einen Ausflug ins Jahr 2374 zu tun, und das in beängstigenden, geradezu apokalyptischen Impressionen: Nur in unterirdischen Kammern können wenige Menschen überleben, denn oben ist das Wasser vergiftet, die Luft verpestet, das Sonnenlicht dringt nicht mehr zu ihnen durch. Und nur wenige schaffen danach einen Neuanfang, in gerade mal „dressig Hüsern“, in dreißig Häusern also in einem sehr überschaubaren Örtchen.

Am Ende der Nabelschau darf das Tageblatt selbst nicht fehlen. 2012 sendete die ST-Redaktion positive Signale aus, träumte für das Jahr 2032 von einer Sommer-Olympiade im rheinisch-bergischen Raum. Sie demonstrierte mit einem Foto ihren Stolz: „Während der Spiele wird Schloss Burg der Sitz des IOC, des Internationalen Olympischen Committees“.

Mit soviel Schwung könnte es 2023 doch eigentlich weiter gehen.

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