Corona

Das Homeoffice ist gekommen, um zu bleiben

Viele Arbeitnehmer sitzen derzeit im Homeoffice. Mit entsprechenden Folgen für den Bewegungsapparat. Aber es gibt Möglichkeiten zur Entlastung. Symbolfoto: Christian Beier
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Das Homeoffice wird auch nach Corona bleiben.

In der Pandemie hat sich das Arbeiten von zu Hause durchgesetzt – Experten sehen aber auch Nachteile

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. Im Sommer lief der Rechtsanspruch aufs Homeoffice aus, derzeit wird über eine Wiedereinführung diskutiert. Doch auch ohne gesetzliche Grundlage beschäftigt das Thema die Firmen im Bergischen weiterhin. „Als moderner Arbeitgeber kann man sich dem gar nicht verschließen“, sagt Peter Laerberg. Der Personalleiter des Remscheider Automobilzulieferer Edscha ist für weltweit mehr als 5000 Mitarbeiter verantwortlich – und befindet sich derzeit in Verhandlungen mit dem Betriebsrat, um eine dauerhafte Lösung fürs Homeoffice zu finden.

Peter Laerberg

Aktuell gilt bei dem Traditionsunternehmen noch das in den ersten Tagen der Pandemie eingeführte Optionsmodell: Wo immer möglich und vertretbar, haben die Mitarbeiter das Recht, ihre Arbeit von zu Hause zu erledigen. Ganz so werde es in Zukunft wohl nicht mehr laufen, sagt Laerberg, dem eher eine Quote von 40 Prozent vorschwebt. So könnten Vollzeitbeschäftigte zwei Tage pro Woche daheim arbeiten. Ganz frei in der Wahl ihrer Homeoffice-Tage werden die Edscha-Mitarbeiter aber wohl nicht sein. Es werde für jedes Team feste Präsenztage geben, kündigt Peter Laerberg an: „Sonst sind ja nie alle gleichzeitig im Büro.“

Denn bei aller Euphorie fürs Digitale, in vielen Bereichen sei es nach wie vor sinnvoll, regelmäßig persönlich zusammen zu kommen, sagt auch Michael Schwunk, Geschäftsführer des Arbeitgeberverband Solingen. Das gelte zum Beispiel bei gemeinsamen Entwicklungen und anderen Projektarbeiten: „All das geht zwar auch online, persönlich ist man aber einfach schneller.“

Michael Schwunk

Nicht nur deswegen lehnen Schwunk und sein Verband einen gesetzlichen Anspruch aufs mobile Arbeiten kategorisch ab: „Die Arbeitgeber wollen die Entscheidungshoheit“, macht er deutlich. Auch weil die Voraussetzungen in den Unternehmen zu unterschiedlich seien. Egal, wie ein mögliches Gesetz formuliert sei, müsse man in jedem Einzelfall erneut schauen, für welchen Arbeitsplatz es greife und für welchen nicht, befürchtet Schwunk. „Und wir haben keine Lust, das bei den Arbeitsgerichten auszudiskutieren.“

Zumal die Vorschrift in den meisten Fällen gar nicht nötig sei, wie Schwunk sagt: „Ein Großteil der Unternehmen ist offen für das Thema.“ Corona habe gezeigt, dass sich die Arbeit im Homeoffice in vielen Betrieben gut integrieren lasse. Meint auch die Bergische IHK: „Nach unserer Beobachtung ist das Instrument Homeoffice bei vielen Unternehmen mittlerweile im Betriebsalltag angekommen und wird entsprechend genutzt“, sagt Thomas Wängler, bei der IHK Geschäftsführer für Standortpolitik.

„Die Arbeitgeber wollen die Entscheidungshoheit.“

Michael Schwunk, Geschäftsführer des Arbeitgeberverband Solingen

Das gelte vor allem, wenn nur teilweise zu Hause gearbeitet werde, so Wängler: „Denn wir haben auch die Rückmeldung erhalten, dass es aus Gründen des Teambuildings wichtig ist, dass sich die Kolleginnen und Kollegen regelmäßig in Präsenz austauschen können.“ Zudem würden viele Arbeitnehmer lieber im Büro arbeiten.

Das zeigt auch die Erfahrung bei Edscha. Es gebe durchaus „Härtefälle“, die er seit eineinhalb Jahren nicht mehr persönlich gesehen habe, berichtet Personalleiter Laerberg. „Es kommen aber auch zunehmend Leute zurück ins Büro.“ Eine komplette Rückkehr zu Verhältnissen wie vor Corona schließt er allerdings aus: „Dafür waren die Erfahrungen bisher zu gut.“ Und dafür würden gerade junge Bewerber so etwas auch zu deutlich fordern: „Einige schreiben schon in ihre Bewerbungen, dass sie nur bei uns anfangen, wenn sie zwei Tage pro Woche zu Hause arbeiten können. Und an den anderen Tagen ihren Hund mitbringen dürfen.“

Thomas Wängler

Doch übertreiben dürfe man das nicht, warnt Peter Laerberg, der beim Homeoffice auch Nachteile sieht. Eines sei eine mögliche Spaltung der Gesellschaft – in Menschen, die von zu Hause arbeiten können, und solche, denen das nicht möglich ist. „Wenn man die Vorteile für die, die das machen können, komplett überzieht, hat das sicherlich negative Folgen“, sagt er.

Ein Edscha-Angestellter, der aus dem Ruhrgebiet nach Remscheid kommt und pro Homeoffice-Tag je eine Stunde Hin- und Rückfahrt spart, komme auf mehr als 150 Stunden zusätzliche Freizeit pro Jahr, also etwa 20 Arbeitstage, rechnet der Personalleiter vor. Würden die Produktionsmitarbeiter, für die Homeoffice nicht in Frage kommt, dafür einen Ausgleich verlangen, werde es für die Firmen teuer: „Das würde zu einer Erhöhung der Lohnstückkosten führen, die wir uns in Deutschland nicht leisten können.“

Hintergrund

Umfragen zeigen: Während der Corona-Pandemie waren zeitweise mehr als ein Viertel aller Angestellten in Deutschland ganz oder teilweise im Homeoffice. Den höchsten Wert erfassten die Statistiker im ersten Lockdown im April 2020, als 27 Prozent von daheim arbeiteten, im Januar 2021 waren es noch 24 Prozent. Dazwischen schwankte der Wert zwischen 14 und 17 Prozent. Vor der Pandemie sah das noch ganz anders aus: Bis Ende 2019 arbeiteten nicht mehr als vier Prozent der Beschäftigten von zu Hause.

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