Andacht

„Das 49-Euro-Ticket ist kein Ticket für alle“

Pfarrer Christian Menge macht sich Gedanken zum 49-Euro-Ticket.
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Pfarrer Christian Menge macht sich Gedanken zum 49-Euro-Ticket.

Andacht im ST – heute von Christian Menge, evangelischer Pfarrer an der Lutherkirche.

Liebe Leser, liebe Leserinnen

Neujahr 1980. Der VRR, der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, wird gegründet. Mit unserer Jugendclique fahren wir nach Bochum zum Eislaufen, denn an diesem Tag ist alles Fahren kostenlos. Ein tolles Gefühl, unsere Welt ist auf einmal viel größer geworden. Der Musikhit dieses Tages: „Another brick in the wall“ von Pink Floyd mit dem Satz „Wir brauchen eure Erziehung nicht“.

Im Sommer 2022 gab es wieder so etwas, und hoffentlich haben Sie es genossen: Das 9-Euro-Ticket, jede und jeder konnte einfach losfahren. Na gut, ICE ging nicht, aber - was für eine Freiheit! Nahverkehr günstig für alle, ein Riesenschritt für den Klimaschutz. Das Solinger Tageblatt hat immer wieder berichtet, hat Menschen zu Wort kommen lassen, die das begrüßten und das eine oder andere bemängelten. Und nun das 49-Euro-Ticket. Nach langer Diskussion, weil: wir haben eine funktionierende Regierung aus drei Parteien, es dauert, aber dann gibt es Ergebnisse. Die große Freiheit ist es wert. Es macht vieles einfacher. Kein Rechnen mehr, welcher Tarif in welchem Monat der günstigste wäre. Auch, dass Autofahren immer teurer wird, gibt manchem einen Schubs. Wer bisher nur ab und zu mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, wird das jetzt dauerhaft sein. Verkehrsverbünde und Bahngesellschaften nehmen Investitionen in den Blick. Es tut sich was hin zu einer nachhaltigen Mobilität.

Christian Menge

Anfang September, an meiner Haustür. Es klingelt, ich öffne und da ist Frau N. Sie kommt gelegentlich und bittet um Unterstützung. Sie braucht immer wieder Medikamente, die von der Krankenkasse nicht bezahlt werden. An diesem Tag reden wir wie so oft über ihre Situation und die Weltlage. Sie sagt: „Es ist einfach Mist mit dem 9-Euro-Ticket!“ Ich frage nach. „Ja, dass es das jetzt nicht mehr gibt.“ Ich stimme ihr zu, ich fand das auch eine prima Sache. „Nein“, sagt sie, „nicht nur wegen Klima und so. Ich konnte damit regelmäßig zum Arbeitsamt fahren. Wenn ich persönlich vorspreche und alles erklären kann, klappt es besser mit der Unterstützung. Und wenn die ein Dokument brauchen, bringe ich es eben hin. Für Porto hab ich oft kein Geld. Doch jetzt ist das vorbei. Normale Fahrkarten sind zu teuer.“

An diesem Punkt wird mir etwas klar: Für mich lief das mit dem Ticket für alle bisher unter „große Freiheit plus Klimaschutz“. Doch für Frau N. geht es darum, dass sie ihre Rechte wahrnehmen kann. Es gab drei Monate, in denen sie sich selbst vertreten konnte. Mobilität für alle ist elementar wichtig. Dass man nicht nur für sich verantwortlich ist, sondern auch praktisch für sich sorgen kann.

„Wenn Du deine Ernte auf deinem Feld einbringst und du hast eine Garbe auf dem Feld vergessen, sollst du nicht umkehren, um sie zu holen. Für den Fremden, für die Waise und für die Witwe soll sie sein.“ Das steht in der Bibel, im 5. Buch Mose. Oder das: „Wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, darfst du den Rand deines Feldes nicht vollständig abernten und darfst keine Nachlese deiner Ernte halten“.

„Für den Fremden, die Waise und die Witwen“. Für die, die damals von Armut bedroht waren. Eigentum ist nicht nur für den Eigentümer da. Ernte ist nicht Ausbeute, die bis zur letzten Kartoffel optimiert wird. Damit auch die Wenighabenden für sich sorgen können. Sonst werden die Abstände zu den Vielhabenden größer, nicht kleiner. „Das soll unter euch nicht so sein.“ Das 49-Euro-Ticket ist kein Ticket für alle. Da fehlt noch was. Wenn das nicht geregelt wird, wenn es dabei bleibt, dass jede und jeder dafür 49 Euro im Monat bezahlen muss, dann machen 40 Euro den Unterschied aus zwischen Dazugehören und Nichtdazugehören.

Ihr Christian Menge

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