Chemieunfall

Darum ist der Löschkalk so gefährlich

Das Solinger Müllheizkraftwerk an der Sandstraße liegt inmitten von Wohngebieten. Die Sicherheitsstandards sind hoch und werden laufend überprüft. Archivfoto: Uli Preuss
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Das Solinger Müllheizkraftwerk an der Sandstraße liegt inmitten von Wohngebieten. Die Sicherheitsstandards sind hoch und werden laufend überprüft.

Calciumhydroxid wird in Filtern, beim Bau und in der Medizin gebraucht. Dr. Patric Tralls hält die Schutzmaßnahmen für angemessen.

Von Andreas Tews und Simone Theyßen-Speich

Calciumhydroxid („gelöschter Kalk“) ist ein weißes, stark ätzendes Pulver. Es ist stark reizend. Der Kontakt mit den Augen kann nach Angaben von Experten zu ernsten Schäden an den Augen bis hin zur Erblindung führen. Der Kontakt mit der Haut ist unbedingt zu vermeiden. Calciumhydroxid (oder auch Calciumhydrat) löst sich nur schwer in Wasser.

Der stark basische Stoff entsteht unter starker Wärmeentwicklung beim Versetzen von Calciumoxid mit Wasser. Dieser Vorgang ist auch als Kalklöschen bekannt. Bei diesem Vorgang entsteht so viel Wärme, dass Teile des Wassers verdampfen.

Das Haupteinsatzgebiet von „gelöschtem Kalk“ liegt in der Zubereitung von Mörtel. Er wird unter anderem als Baustoff und Kalkfarbe verwendet. Als Alternative zum Kalkstein wird er in der Rauchgasentschwefelung eingesetzt. Dies ist auch das Einsatzgebiet in der Müllverbrennungsanlage an der Sandstraße.

Ein weiteres Anwendungsgebiet ist als Medikament zum Desinfizieren von Wurzelkanälen in der Zahnmedizin. Es dient auch als Pflanzenschutzmittel im Obstbau – zum Beispiel als Pilzgift gegen Obstbaumkrebs. Seine ätzende Wirkung ist der Grund, warum früher gelöschter Kalk zum Desinfizieren von Ställen benutzt wurde.

Dr. Patric Tralls, Leiter der ZAE im Klinikum.

Die Vorsichtsmaßnahme, alle Fenster im Umkreis von zwei Kilometern geschlossen zu halten, war aus Sicht von Dr. Patric Tralls, Chefarzt der Zentralen Aufnahmeeinheit im Klinikum, berechtigt. „Wenn es sich tatsächlich um Calciumhydroxid handelt, kann es gefährlich werden, sobald das Pulver mit Feuchtigkeit in Kontakt kommt.“

Das könne etwa beim Einatmen über die Atemwege geschehen. „Dann entsteht nämlich eine Lauge und es kann zu gefährlichen Verätzungen der Atemwege kommen“, erklärt der Anästhesist, der die Ambulanz im Klinikum leitet und somit als Erster bei der Einlieferung von Verletzten reagieren muss. Die Schwere der Verletzung sei natürlich davon abhängig, wie nah man dem gefährlichen Stoff kommt.

Problematisch sei der Regen. „Der kann in Verbindung mit Löschkalk zu einer Gasbildung führen“, erklärt Tralls. Und das könne durchaus auch in einem größeren Umkreis gesundheitliche Auswirkungen haben. Starker Regen hingegen hätte den Löschkalk besser aus der Luft gespült. Dann wäre der Löschkalk allerdings in der Kanalisation gelandet.

In der Zentralen Aufnahmeeinheit des Klinikums bereitete man sich am Donnerstagabend auf jeden Fall auf die mögliche Einlieferung von Patienten mit Atemwegsbeschwerden vor.

Augen können geschädigt werden

Wie in dem Fall des verletzten Lastwagenfahrers, der das Calciumhydroxid transportiert hat, können auch die Augen schnell geschädigt werden. Die Substanz kann die vorderen Augenabschnitte, also die Hornhaut, die Bindehaut oder die Augenlider angreifen. Sie hat zudem die Tendenz, rasch in tiefere Augenabschnitte einzudringen und die dortigen Strukturen zu schädigen. Betroffene Augen sollten möglichst schnell ausgespült und einem Arzt vorgestellt werden.

DAS MÜLLHEIZKRAFTWERK IN DATEN

GESCHICHTE Das MHKW (Müllheizkraftwerk) ging 1969 mit zwei Kesseln und zwei Turbinen in Betrieb. 1985 wurde eine Rauchgasreinigungsanlage hinzugefügt, acht Jahre später ein neuer Kessel eingebaut. 1995 erweiterte man die Rauchgasreinigung um eine zweite Stufe. Heute hat die Anlage wie bei ihrem Start zwei Kessel, aber drei Turbinen. 65 Mitarbeiter sind dort derzeit tätig. 

STÖRUNGEN Den bisher letzten Zwischenfall an der MVA gab es im September 2014. Damals brach ein Feuer in einem nicht mehr genutzten Stahlbauturm aus. Die Feuerwehr war mit 40 Mann im Einsatz. Sie verhinderte ein Übergreifen auf die Müllverbrennungsanlage. Deren Betrieb lief normal weiter. Eine Gefahr für die Bevölkerung bestand nicht. 

KAPAZITÄT Neben Fernwärme wird auch Strom erzeugt. Das Kraftwerk hat eine Kapazität von rund 140 000 Tonnen im Jahr. Die Anlage läuft im Schichtbetrieb, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

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