Pandemie

Lehrer fordern Notfallpläne für Unterricht

Wie alle Schüler ab Klasse 5 müssen auch die Schüler der 8c an der August-Dicke-Schule wieder Maske tragen – auch am Sitzplatz im Unterricht. Die Fotos entstanden nach den Sommerferien im August, als schon einmal eine Maskenpflicht im Unterricht galt. Fotos: Christian Beier
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Wie alle Schüler ab Klasse 5 müssen auch die Schüler der 8c an der August-Dicke-Schule wieder Maske tragen – auch am Sitzplatz im Unterricht. Die Fotos entstanden nach den Sommerferien im August, als schon einmal eine Maskenpflicht im Unterricht galt.

Gewerkschaften und Schulleiter sorgen sich angesichts steigender Corona-Zahlen – Probleme mit Reiserückkehrern.

  • Die Personaldecke in den Solinger Schulen ist dünn.
  • Lehrervertreter fordern verbindliche Regeln.
  • Probleme gibt es nach den Ferien mit Urlaubsrückkehrern.

Von Björn Boch und Anja Kriskofski

Solingen. Nach den Herbstferien hat der Unterricht wieder begonnen. Die Zahl der Corona-Infektionen und der Inzidenzwert sind in den vergangenen Wochen dramatisch gestiegen – das macht auch den Schulen Sorge. Mit Blick auf die Verschärfung der Pandemie hat das NRW-Schulministerium eine Maskenpflicht ab Klasse 5 erlassen und schreibt regelmäßiges Lüften in den Schulen vor. Zu wenig, kritisieren unter anderem die Gewerkschaften. Sie fordern ein Konzept aus Düsseldorf, wie in Schulen angesichts steigender Fallzahlen unterrichtet werden soll.

Jens Merten vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) vermisst einen Stufenplan, den seine Gewerkschaft schon lange fordere: „Grundsätzlich geht es darum, dass wir uns verlässlich auf eine Situation vorbereiten können. Wir fahren seit März auf Sicht.“ Es brauche verbindliche Zahlen, mit denen man planen könne – etwa, ab welcher Inzidenz die Schließung der Schulen drohe.

Dass Kinder in Grundschulen keine Maske tragen müssen, sei zwar schön für die Kinder, aber: „Der Gesundheitsschutz für die Lehrer wird da ausgehebelt“, so Merten. Gerade für Lehrer in Risikogruppen sei das kritisch.

„Wir sind jetzt alle warm angezogen, aber das kann nicht alles sein.“
Dirk Bortmann, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Solingen

Zumal die Personaldecke nach wie vor dünn sei: „Wir versuchen, einen Regelbetrieb aufrechtzuerhalten. Aber 100 Prozent Unterricht mit vielleicht 80 Prozent des Personals kann nicht funktionieren.“ Es gebe keinerlei Reserven an den Schulen, betont Merten. Wenn ein Lehrer ausfalle, beginne der große Verschiebebahnhof – gerade in der Grundschule müssten dann auch mal Klassen nach Hause geschickt werden.

Solingen habe in der Pandemie viel erreicht, unter anderem mit iPads für die Schulen. Auch seien in der Klingenstadt viele Masterstudenten in den Schulen im Einsatz: „Die halten uns über Wasser.“ In einigen Bereichen sei man aber noch nicht am Ziel – und das Land müsse endlich mehr Geld in Lehrkräfte investieren.

Für Lehrer, hier Sarah Nemitz in der 8c, gilt Maskenpflicht, wenn Abstände nicht eingehalten werden können.

„Wir sind jetzt alle warm angezogen, aber das kann nicht alles sein“, sagt Dirk Bortmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Solingen. „Es muss ein Konzept in der Schublade geben.“ Das Robert-Koch-Institut habe eine Reduzierung der Lerngruppen oder Halbierung der Unterrichtsklassen vorgeschlagen. „Auch die GEW möchte nicht, dass Schulen wieder geschlossen werden.“ Die Gewerkschaft verweist auf Bayern, wo es einen Drei-Stufen-Plan für den Unterrichtsbetrieb mit abgestuften Maßnahmen gibt.

„Wir alle kennen Kinder, die durch die Schulschließungen in ihrem Bildungsprozess weiter abgehängt wurden“, mahnt Nina Meier von der GEW Solingen. Wenn Klassen wegen der Infektionsgefahr verkleinert würden, müssten gerade solche Kinder weiter in die Schule kommen, ergänzt Bortmann. Ein Modell könnte der Schichtbetrieb sein. Schüler könnten an festen Tagen in der Schule unterrichtet werden, an anderen zu Hause lernen.

Peter Wirtz vom Sprecherrat der Solinger Schulen sieht die stark gestiegenen Infektionszahlen in Solingen ebenfalls mit Sorge. „Bei einer Inzidenz von unter 50 hat der Regelbetrieb gut geklappt. Aber wir wissen nicht, wie die aktuellen Zahlen in die Schulen reinspielen“, sagt der Leiter der Friedrich-Albert-Lange-Schule. Die Schulleitungen erwarteten deshalb, dass im Schulministerium frühzeitig über Alternativen nachgedacht werde. „Wir brauchen Vorratsbeschlüsse. Das würde auch zu mehr Gelassenheit führen.“

Wirtz hält einen Schichtbetrieb ebenfalls für ein mögliches Modell: Ein Teil der Klasse könnte in der Schule unterrichtet werden, die übrigen Schüler verfolgen das digital von zu Hause aus. Das sei für die Oberstufe vorstellbar, „aber es ist nicht erprobt“. Eine weitere Möglichkeit wäre, Klassen zu halbieren und im Wechsel vor Ort zu unterrichten. „Das wäre de facto eine Kürzung des Unterrichts. Aber alles ist besser als erneute Schulschließungen“, stellt Wirtz klar.

Probleme gibt es nach den Ferien offenbar auch mit Reiserückkehrern. So wurde dem Tageblatt vom Fall eines Kindes berichtet, das in den Herbstferien in den Niederlanden war. Das Kind kam zum Schulstart in die Klasse, berichtete von der Urlaubszeit in dem Risikogebiet – und musste wieder nach Hause. Solche Fälle hat es offenbar häufiger gegeben in den letzten Tagen. „Hier gelten ganz klar die Regeln der Corona-Einreiseverordnung. Für die Niederlande wie für alle Risikogebiete außerhalb Deutschlands heißt das: 14 Tage Quarantäne“, erklärt Stadtsprecherin Birgit Wenning-Paulsen. Schulen, die von solchen Fällen Kenntnis erlangen, sollen die Kinder sofort nach Hause schicken und das Gesundheitsamt informieren. 

Standpunkt: Zeit nicht gut genutzt

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Björn Boch

Auf den ersten Blick fordern die Schulen etwas, das es aktuell nicht geben kann: Planungssicherheit in einer Zeit der Unsicherheit. Auf den zweiten Blick aber haben sie aus den Erfahrungen im Frühjahr gelernt. Lehrer, Schulleiter und Gewerkschafter hätten schlicht kein Verständnis mehr dafür, kämen nun vom Land – vom einen auf den anderen Tag – neue Regeln und Beschränkungen. Von Ministeriumsseite ist der Sommer da nicht gut genutzt worden. Denn aller Unsicherheit zum Trotz: Nichts spräche gegen grobe Richtlinien, was unter bestimmten Bedingungen zu tun und zu lassen ist. 

Noch erfreulicher wären Aussagen, wie Unterricht jenseits des Regelbetriebs genau auszusehen hat. Erst dann kann vor Ort gemeinsam mit der Stadt geklärt werden, welche Voraussetzungen es braucht. Klar ist: Die Nerven vieler Eltern sind strapaziert, dauerhafter Unterricht zu Hause wäre eine bittere Pille. Am schlimmsten wäre es für all die Kinder, die weder technische Ausstattung noch ein intaktes Familienleben haben. Sie könnten ihre Chancen im Leben verlieren, bevor sie überhaupt die Gelegenheit hatten, sie zu ergreifen. 

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