Friseure dürfen aufmachen, Händler nicht

Coronavirus: Einzelhändler fordern mehr Einsatz für Öffnung

Beispiel Düsseldorfer Straße: Der Einzelhandel hat weiter nur teilweise offen, die Friseure aber ab dem 1. März. Das stößt bei Händlern zunehmend auf Unverständnis. Foto: Michael Schütz
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Beispiel Düsseldorfer Straße: Der Einzelhandel hat weiter nur teilweise offen, die Friseure aber ab dem 1. März. Das stößt bei Händlern zunehmend auf Unverständnis.

Im Handel in Solingen brodelt es. Von „Desaster“ und „Katastrophe“ ist in Sachen Umsatz die Rede. Unterdessen verlässt der Ohligser Werbe- und Interessengemeinschaft den Einzelhandelsverband.

Solingen. Am Mittwochabend traf der Vorstand der Ohligser Werbe- und Interessengemeinschaft (OWG) den Beschluss, aus dem Einzelhandelsverband auszutreten. Die OWG ärgert sich über Medienauftritte des auch für Solingen zuständigen Geschäftsführers des Handelsverband Nordrhein-Westfalen Rheinland, Ralf Engel.

Dieser hatte öffentlich erklärt, Unternehmer sollten in Zeiten der Corona-Pandemie genau abwägen, ob es sinnvoller ist, ihr Geschäft mit dem letzten Sparstrumpf zu retten – oder vorher mit einer Insolvenz die Reißleine zu ziehen.

Alle versuchen, ihren Betrieb über Wasser zu halten.

Frauke Pohlmann, OWG-Vorstand

Frauke Pohlmann, Vorstandsmitglied der OWG, erklärte am Donnerstag, dass dies das völlig falsche Signal sei. „Diese Art der Öffentlichkeitsarbeit entspricht nicht dem, was wir von der Interessenvertretung Handelsverband erwarten.“ Momentan kämpften die Händler darum, den Kontakt zu den Kunden nicht zu verlieren. „Alle versuchen, ihren Betrieb kreativ über Wasser zu halten“, sagt Pohlmann. In Ohligs etwa haben die Händler den Ohligs-Shop auf die Beine gestellt; dort können Kunden bestellte Ware zentral abholen.

Solingen: Was spricht gegen Öffnung von Geschäften im Einzelhandel?

Diese Bemühungen erkennt Ralf Engel an. Dennoch steht er zu seinen Aussagen. „Mein Ansinnen war es, die Branche wachzurütteln“, sagte er am Donnerstag im ST-Gespräch. Jeder Unternehmer, nicht nur Einzelhändler, müsse die aktuelle Lage schonungslos analysieren: Wie sinnvoll ist, es weiterzumachen? Wer nicht sicher ist, ob das eigene Unternehmen die Krise überlebt und danach eine langfristige Perspektive hat, müsse sich gut überlegen, Lebensversicherungen zu kündigen oder die Ersparnisse für die Kinder anzutasten.

Gleichzeitig wirbt Engel dafür, sich intensiv darüber Gedanken zu machen, wie sich das Geschäft zukunftsfähig aufstellen lässt und sich darauf jetzt vorzubereiten. „Die Zeit nach Corona wird vollkommen anders sein als zuvor.“ In einem Krisengespräch des Einzelhandels bei der IHK waren jüngst die Probleme klar benannt worden: Das Internet gräbt den Läden in der Innenstadt das Wasser ab: Corona wirkt als Brandbeschleuniger der Branchenkrise. Die Händler fordern eine Öffnungsperspektive. Von 2270 Geschäften in Solingen sind 2049 derzeit geschlossen.

Frauke Pohlmann hält Engels Vorstoß für wenig hilfreich. Der Verband habe da vielmehr die Aufgabe, unterstützend tätig zu sein, um auch Öffnungsperspektiven zu erarbeiten. Konkret benennt Pohlmann für die OWG diese Frage: Gibt es erhöhte Infektionszahlen unter den Mitarbeitern im geöffneten Lebensmittelhandel? Was spricht dagegen, andere Bereiche, unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen, jetzt zu öffnen? Wie kann weitere Wettbewerbsverzerrung, oft zu Lasten der inhabergeführten Läden, auch innerhalb des stationären Handels verhindert werden? Damit ist gemeint, dass es beispielsweise in Supermärkten auch Bekleidung, Elektronik und Haushaltswaren zu kaufen gibt.

„Alle Fragen, die Frau Pohlmann aufwirft, sind absolut berechtigt“, betont Ralf Engel. Er hätte sich gewünscht, sie früher auf den Tisch zu bekommen: „Seit einem Jahr warten wir darauf, dass sich unsere Mitglieder mit ihren Fragen und Problemen an uns wenden. Gekommen ist nicht viel.“

Dennoch sei der Verband nicht untätig gewesen. Nahezu täglich versorge man die rund 600 Mitglieder in der Region mit Informationen und Angeboten, werbe bei Politik und Landesregierung für die Interessen des Handels. Auch bei der Bewertung des Ist-Zustandes und bei der Suche nach Konzepten für die Zukunft könne man die Unternehmen unterstützen – „dafür müssen sie sich aber bei uns melden“. Frauke Pohlmann habe er ein Gesprächsangebot gemacht.

Solingen: Handel will Öffnungsperspektiven für Läden

Das findet in einer Stimmung statt, in der es im Handel brodelt. Von „Desaster“ und „Katastrophe“ ist in Sachen Umsatz die Rede. Der Ohligser Modehändler Frank Schlemper beklagt, das Verkaufen an der Tür mache für ihn keinen Sinn, das Online-Geschäft decke nicht die Kosten. Ähnlich sieht das Lutz Nippes vom Schuhgeschäft Hugenbruch in Mitte. Er habe kein Verständnis, warum die Friseure schon am 1. März zuerst öffnen dürfen, der Handel aber nicht.

Autohändler Franz-Josef Schönauen ermuntert die Händler, ihre Stimme lauter zu erheben. Die Verbände – abgesehen von dem der Friseure – täten das nicht. Er kann nicht verstehen, warum man unter den gleichen Bedingungen Brokkoli, aber keine Bluse kaufen könne. Die Politik solle sich nicht immer nur von der Wissenschaft leiten lassen.

Für den Ohligser Modehändler Frank Schlemper muss die Politik ein konkretes Datum für die Wiederöffnung des Handels bestimmen: „Wir müssen planen können. Meine Leute wollen arbeiten.“ Autohändler Franz-Josef Schönauen fordert ein Umdenken der Politik: „Man muss schließen, wo nötig. Man muss öffnen, wo möglich.“ Es gehe unbedingt darum, alle Menschen zu schützen, aber eben auch mit Augenmaß. Statt auf eine niedrige Inzidenz zu setzen, rät er zu einem festen Datum, um Hygiene-Konzepte umzusetzen. Wie sich Neuinfektionen, Erkrankungen und Inzidenz von Corona in Solingen entwickeln, ist täglich im Live-Blog des ST zu lesen.

Standpunkt: Es braucht Perspektiven

Von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@ solinger-tageblatt.de

Sollte es tatsächlich Ralf Engels Ziel gewesen sein, Reaktionen der bergischen Händler hervorzurufen, muss man konstatieren: Das ist dem Geschäftsführer des Handelsverbands NRW gelungen. Wenngleich er sich mit Sicherheit andere Rückmeldungen auf seine öffentlichen Äußerungen erhofft hatte als den Austritt der OWG aus dem Verband. Bei näherer Betrachtung erweisen sich Engels Ausführungen gar nicht als sonderlich skandalös. Der Großteil der Händlerschaft stemmt sich aufopferungsvoll gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Trotzdem werden wohl nicht alle Geschäfte die Krise überleben. Das ist bedauerlich – hinter jeder Insolvenz stehen Schicksale. Doch Engels Einwurf, wie sinnvoll es ist, die letzten privaten Ersparnisse in einen Betrieb zu stecken, der keine Zukunft hat, wird dadurch nicht weniger berechtigt. Ob er für dieses Statement den richtigen Zeitpunkt gewählt hat, darüber lässt sich streiten. Die deutliche Reaktion der OWG beweist einmal mehr, dass der Handel und alle anderen vom Lockdown betroffenen Branchen endlich eine Perspektive brauchen.

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