Betreuung

Durchhalten ist die Devise von Tagesmüttern

Zu Martina (l.) und Laura Herlinghaus von den Glückskindern kommen derzeit weniger Kinder. Foto: Michael Schütz
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Zu Martina (l.) und Laura Herlinghaus von den Glückskindern kommen derzeit weniger Kinder.

Betreuungsangebote bleiben uneingeschränkt geöffnet – der Appell an Eltern, Kinder selbst zu betreuen, bleibt bestehen.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Laura Herlinghaus möchte gerne gesund bleiben. Statt als „Pandemie-Heldin“ beklatscht zu werden, möchte sie lieber das Ansteckungsrisiko minimieren, dem sie bei ihrer Arbeit täglich ausgesetzt ist. So sehr sie ihren Beruf als Tagesmutter liebt – weil sie gerne mit kleinen Kindern zusammen ist, sie spielerisch ins Leben hinein befördert, bei Unpässlichkeiten tröstet oder mit ihnen zusammen über Albernheiten lacht – so mulmig ist ihr derzeit bei der unmaskierten Betreuung ihrer kleinen Schützlinge.

„Mit Mund-Nase-Maske kann man nicht mit Ein- und Zweijährigen umgehen, die kaum sprechen können, da ist Mimik elementar“, sagt sie. Zwar sei die neunköpfige Gruppe ihrer „Glückskinder“, die sie normalerweise mit ihrer Mutter Martina gemeinsam betreut, auf fünf Kinder reduziert. „Aber fünf Kinder bedeuten täglich fünf Elternpaare, die kommen und gehen, mit deren für uns unbekannten Kontakt-Faktoren X.“

Natürlich glaube sie allen Eltern, dass sie sich in ihrem Alltag an die geltenden Abstands- und Kontaktregeln halten und somit das Ansteckungsrisiko reduzieren. Doch niemand könne sich komplett isolieren, und Arztbesuche, Job, Einkäufe oder die Fürsorge für die eigenen Eltern bedeuteten eben Restrisiken. Ihre eigene Tochter im Grundschulalter wird derweil im Homeschooling vom Opa betreut, der seit kurzem pensioniert sei – ein Glück für diese Ausnahmesituation.

Martina Schon, ebenfalls Tagesmutter, löst die bis dato unbefriedigende und stressige Situation mit dem eigenen Sohn, der in die dritte Klasse geht, indem er die Notbetreuung seiner Schule in Anspruch nimmt.

„Ich darf ihn nicht gemeinsam mit meinen fünf Tageskindern beaufsichtigen und das bedeutet, dass ich ihn bei seinen Aufgaben nicht unterstützen kann und er sozusagen durchs Netz fällt. Bisher habe ich ihn – um mitzuhelfen, die Inzidenz weiter zu drücken – zu Hause gelassen. Aber so viel Fairness übersteigt inzwischen meine persönliche Kraft“, sagt sie. Sie erinnert sich an zwei Beispiele von kleinen Kindern, deren Eltern positiv auf Sars-CoV-2 getestet waren und die dennoch gebracht wurden – ohne Info.

Auch Vera Marks, Vorsitzende der Solinger Kindertagespflege e. V., steht seit dem zweiten Lockdown täglich vor der Aufgabe, die Aufsicht und Betreuung ihrer eigenen Kinder im Homeschooling mit ihren fünf Tageskindern zu verknüpfen. Das gelingt, koste aber viel Energie und Zeit. Dazu addiert sich auch bei ihr die tägliche Sorge, ob nicht doch ein Kind das Virus einschleppt.

„Man weiß ja, dass die Kleinen häufig symptomfrei bleiben und so auch unbemerkt anstecken könnten“, sagt sie. Mit Blick auf ihren Mann mit einer onkologischen Krankengeschichte ist das etwas, das sie beunruhigt. Diesmal ist es vom Ministerium nicht vorgesehen, regulativ bei den Tageseltern einzuschreiten: „Es geht jetzt nicht darum, welchen Beruf Eltern ausüben. Nun geht es darum: Können Eltern Betreuung und Beruf miteinander vereinbaren oder nicht? Kann die Familie die Situation zu Hause noch stemmen oder droht eine Überlastung?“, heißt es in einem Brief des Gesundheitsministers NRW an Erzieher und Tageseltern.

Solingen: Jeder habe dringenden Betreuungsbedarf

Das Prinzip der Systemrelevanz, das im Frühjahr ausschlaggebend war, ob ein Kind in einer Notbetreuung unterkam, habe sich rückblickend als unfair erwiesen. „Das ist natürlich sehr schwammig in einer Phase der Pandemie, in der eigentlich alle Familien – die der Tageseltern eingeschlossen – mental allmählich am Krückstock gehen“, sagt Vera Marks. „So gesehen, hat jeder dringenden Betreuungsbedarf.“ Die individuellen Belastungsgrenzen von Menschen seien ja sehr verschieden.

Alle drei Frauen haben auf Durchhalten geschaltet, hoffen auf bald sinkende Infektionszahlen und sind den Eltern dankbar, die zumindest an dem einen oder anderen Tag für ihren Nachwuchs andere Betreuungslösungen gefunden haben. „Denn Abstandhalten ist – trotz offizieller Regeln – bei so kleinen Mäuschen nicht umsetzbar, nicht untereinander im Spiel und auch nicht von uns zu den Kindern. Die müssen gewickelt werden, brauchen Hilfe beim Anziehen und so weiter.“

Infektionsschutz

Eine Stundenreduzierung des Betreuungsangebots wie bei Kindertagesstätten ist Tageseltern nicht gestattet. Geregelt aber ist, dass sie für die Kinder durchbezahlt werden, deren Eltern das gebuchte Kontingent nicht ausnutzen und von sich aus weniger Stunden in Anspruch nehmen. Investitionen wie Desinfektionsmittel oder Einmalhandschuhe wurden von den Tageseltern ohne zusätzliche finanzielle Hilfen angeschafft. Lediglich Mund-Nase-Masken gab es gratis.

Alle aktuellen Nachrichten rund um das Coronavirus finden Sie in unserem Live-Blog für Solingen.

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