Pandemie

Soldaten helfen in Solingen bei der Kontaktverfolgung

Bei der Nachverfolung der Kontakte infizierter Solinger müssen die Bundeswehrsoldaten viele Detailfragen klären. Foto: Michael Schütz
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Bei der Nachverfolung der Kontakte infizierter Solinger müssen die Bundeswehrsoldaten viele Detailfragen klären.

Bundeswehr unterstützt auch in Solingen das Gesundheitsamt bei der Benachrichtigung von Covid-19-Infizierten.

  • 30 Soldaten unterstützen zurzeit das Gesundheitsamt in Solingen.
  • Untergebracht sind sie teils im Schwesternwohnheim in Ohligs, teils in der Süßwarenfachschule und ehemaligen Jugendherberge in Gräfrath.
  • In ganz NRW unterstützen 1100 Soldaten die Gesundheitsämter bei der Kontaktverfolgung.

Von Kristin Dowe

Solingen. Eigentlich würden sich Oberleutnant Thomas Wahle und seine Soldaten vom Panzergranadierbataillon 212 in Augustdorf jetzt allmählich auf ihren Winterurlaub vorbereiten. Doch wegen der Corona-Pandemie unterstützen die 30 Kameraden in Solingen (10 davon in Reserve) nun seit dem 3. November das Gesundheitsamt bei der Kontaktpersonennahverfolgung, um die Behörde zu entlasten. Ihr Einsatz ist zunächst bis zum 8. Januar geplant. „Wir gehen aber fest davon aus, dass er verlängert wird“, sagt Oberstleutnant Bernhard de Fries vom Kreisverbindungskommando (KVK) Solingen, das den Einsatz leitet. „Dafür sprechen die aktuellen Zahlen und auch Weihnachten ist bei den geplanten Lockerungen wohl leider ein weiterer Anstieg der Infektionen zu erwarten.“

„Meine Soldaten machen das mit sehr viel Herzblut.“
Oberleutnant Thomas Wahle

Die Soldaten hätten sich auch dank der guten Anleitung durch die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes schnell in die Materie einarbeiten können, lobt Wahle. „Meine Soldaten machen das mit sehr viel Herzblut – nicht nur weil sie einen Auftrag haben, sondern auch weil sie einen Beitrag leisten möchten, um die Pandemie einzudämmen.“ Bei ihrer Aufgabe seien sie zurzeit voll ausgelastet. Dabei müssten die Soldaten einen großen Themenkomplex bewältigen, der zudem viel menschliches Feingefühl erfordere.

Solingen: Soldaten entscheiden auf Grundlage von Daten, ob Kontaktpersonen in Quarantäne müssen

Etwa beim „Team Positiv“, wie sich eine der Arbeitsgruppen nennt, die in verschiedene Aufgabenbereiche unterteilt sind. Dort informieren die Soldaten und zivilen Kräfte des Gesundheitsamtes die auf Corona positiv getesteten Personen über ihre Infektion und schicken sie zunächst in Quarantäne. Die Soldaten erhalten die Informationen per Fax direkt vom Labor. Der Patient erhält außerdem eine Ordnungsverfügung für seinen Arbeitgeber, um diesen über die Infektion zu informieren. „Die Menschen reagieren darauf ganz unterschiedlich“, berichtet Wahle. „Einige akzeptieren die Nachricht einfach, andere nimmt das emotional sehr mit. Vor allem ältere Menschen, die ja nun mal zur Risikogruppe gehören, machen sich mehr Sorgen.“ Zunächst werde dann versucht, die Quelle der Infektion zu finden. Das „Team Kontaktnachverfolgung“ übernimmt dann den nächsten Schritt und informiert telefonisch alle Kontaktpersonen des Infizierten, die dieser in den zwei Tagen vor Beginn der Symptome getroffen hat. Diese werden dann in zwei Kategorien mit verschiedenen Prüfkriterien unterteilt.

Dabei geht es immer um die Frage, wie hoch das Infektionsrisiko für die jeweilige Kontaktperson war. Bestand unmittelbarer Kontakt mit dem Infizierten und wie lange dauerte die Begegnung? Haben beide einen Mund-Nase-Schutz getragen? Und wie hoch war die Konzentration infektiöser Aerosole im Raum? Auf Grundlage dieser Angaben müssen die Soldaten entscheiden, ob eine Kontaktperson in Quarantäne geschickt wird oder nicht. „Die Leute geben sich alle viel Mühe, aber manchmal ist es gar nicht so einfach, sich an alle Begegnungen zu erinnern“, so Wahle. Bei alleinstehenden oder gesundheitlich stark eingeschränkten Personen ist außerdem zu klären, ob sie in der Quarantäne Hilfe benötigen. Dann vermitteln die Soldaten Kontakt zur Solinger Freiwilligenagentur, deren ehrenamtliche Helfer die erkrankten Solinger in der Quarantäne unterstützen.

Eine weitere Arbeitsgruppe erkundigt sich während dieser Zeit regelmäßig nach dem Befinden des Patienten, eine andere kümmert sich ausschließlich um Infizierte in Institutionen wie Arztpraxen, Krankenhäusern oder Altenpflegeheimen, wo dann gegebenenfalls auch eine Reihentestung initiiert werden müsste. Wieder eine andere Arbeitsgruppe ist ausschließlich für Schulen und Kitas verantwortlich.

Untergebracht sind die Soldaten teils im Schwesternwohnheim in Ohligs, teils in der Süßwarenfachschule und ehemaligen Jugendherberge in Gräfrath, ihre Verpflegung übernehmen die Küche des Städtischen Klinikums und das Eugen-Maurer-Haus. Dafür seien die Soldaten, die zurzeit von Freunden und Familie getrennt sind, sehr dankbar, versichert Wahle. Sie seien von allen Beteiligten sehr herzlich aufgenommen worden.

Die Zusammenarbeit sei trotz der dramatischen Situation eine positive Erfahrung, betont auch Bernhard de Fries. „In der Not hält die Bevölkerung zusammen.“

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Hintergrund

Die Soldaten in Solingen arbeiten je nach Arbeitsgruppe teils im Gesundheitsamt und teils im Theater und Konzerthaus. Insgesamt gibt es in NRW 54 Kreisverbindungskommandos, von denen 44 aktuell die Gesundheitsämter mit rund 1100 Soldaten bei der Kontaktverfolgung unterstützen.

Standpunkt: Amtshilfe ist notwendig

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Kristin Dowe 

Hatte die Stadt zunächst versucht, die administrative Herkulesaufgabe der Kontaktnachverfolgung während der Corona-Pandemie allein mit eigenen Kräften zu stemmen, hat sie nun doch auf die Möglichkeit der Amtshilfe durch die Bundeswehr zurückgegriffen. Wenngleich diese Entscheidung mit Blick auf andere Kommunen in NRW vergleichsweise spät fiel, so erweist sie sich jetzt doch als richtig und zwingend notwendig. 

Immerhin sind die 20 Soldaten schon jetzt voll ausgelastet. Dies zeigt, dass die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes die Unterstützung gut gebrauchen können. Dabei ist es erfreulich, wie reibungslos die Zusammenarbeit auf beiden Seiten offenbar funktioniert. Auch zeigt sich in solchen Situationen, wie anspruchsvoll und vielfältig das Aufgabenspektrum der Bundeswehr jenseits ihrer militärischen Pflichten mittlerweile ist. Dies hat sie beispielsweise schon 2015 bewiesen, als die Bundeswehr während der Flüchtlingskrise ebenfalls Amtshilfe leistete. Den Soldaten in Solingen gebührt Respekt, dass sie ihren Auftrag mit viel Engagement und Empathie für die infizierten Menschen erfüllen. Spätestens nach Weihnachten kommen noch anstrengendere Tage auf sie zu.

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