Coronavirus

Noch länger Knappheit bei Biontech-Impfstoff in Solingen

Viele Solinger Arztpraxen ordern derzeit Biontech-Impfstoff, erhalten aber nur etwa die Hälfte der Bestellung. Während die Stadt auf Moderna ausweicht, gestaltet sich das in den Praxen schwieriger. Foto: Christian Beier
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Viele Solinger Arztpraxen ordern derzeit Biontech-Impfstoff, erhalten aber nur etwa die Hälfte der Bestellung. Während die Stadt auf Moderna ausweicht, gestaltet sich das in den Praxen schwieriger.

Ärzte erhalten weniger Impfstoff als bestellt – Situation bessert sich bis Weihnachten nicht.

Von Björn Boch

Solingen. Die Nachfrage nach Booster-Impfungen ist groß: Mehr als 26 000 Solingerinnen und Solinger hatten bis zu Beginn der Woche ihren Impfschutz auffrischen lassen – das geht aus Zahlen von Stadt und Kassenärztlicher Vereinigung Nordrhein (KVNO) hervor. Jeder, dessen Zweitimpfung mehr als fünf Monate her ist, hat Anspruch auf einen Booster. Allerdings kann derzeit nicht so viel geimpft werden, wie Impfwillige da sind: Denn es mangelt vor allem in den Arztpraxen an Nachschub, das Biontech-Vakzin wird rationiert.

Rückblick: Ende September schlossen die Impfzentren im Land, die Impfkampagne sollte bei den Hausärzten fortgesetzt werden. Da die Wirkung des Impfstoffs aber schneller nachlässt, als zunächst bekannt war, stieg die Zahl der Wünsche nach Auffrischung rasant, die Arztpraxen wurden überrannt. Neben den Ärzten hat daher auch die Stadt wieder Impfstellen aufgebaut – im P&C in Mitte, in Aufderhöhe in der Fachklinik Bethanien, in der Cobra für Ohligs und Merscheid sowie im Walder Stadtsaal.

Die Stadt muss mit Impfstoff haushalten, sieht aber keine akuten Schwierigkeiten. Es werde zwar deutlich weniger Impfstoff geliefert, als bestellt wurde, das Gesundheitsministerium (MAGS) springe aber ein. „Wir haben bereits zweimal das MAGS kontaktiert und Impfstoff aus Landesreserven anliefern lassen. Dies hat glücklicherweise recht unkompliziert funktioniert“, berichtet Robert Krüger von der Koordinierenden Impfeinheit der Stadt. Auch der neue Impfstoff für Kinder zwischen 5 und 11 Jahren sei bereits bestellt.

Generell habe Biontech/Pfizer die Lieferzusagen erhöht. Krüger geht davon aus, dass der momentane Engpass in absehbarer Zeit überwunden sein wird. „Bei vorsichtiger Planung sollten wir keine Probleme haben.“ Biontech-Reserven würden zusätzlich geschont, da Boosterimpfungen zu einem großen Teil mit Moderna-Impfstoffen durchgeführt werden – laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) bei allen ab 30 Jahren. Moderna sei ausreichend vorhanden und werde geliefert wie bestellt.

„Für Praxen ist es einfacher, sich auf einen Impfstoff zu konzentrieren.“

Dr. Robert Weindl

Den Arztpraxen hilft das aber wenig. Dr. Robert Weindl, der in seiner Praxis immer wieder Impfaktionen anbietet, berichtet davon, höchstens die Hälfte der bestellten Biontech-Mengen erhalten zu haben. Die Rationierung sei aus seiner Sicht nicht nachvollziehbar – und Moderna zu verimpfen nur bedingt eine Lösung. „Die Patienten kennen Biontech, wollen also gerne dabei bleiben. Außerdem ist es für Praxen einfacher, sich auf einen Impfstoff zu konzentrieren. Es gibt ja nicht nur die Verwechslungsgefahr. Moderna muss beim Boostern anders dosiert werden“, erklärt Weindl. Die Stiko empfiehlt beim Booster nur eine halbe Moderna-Impfdosis.

Dass nun wieder Termine abgesagt werden müssten, weil zu wenig Impfstoff die Praxen erreiche, sei „eine logistische Katastrophe“. Und es demotiviere alle, engagierte Mitarbeiter ebenso wie Impfwillige, betont Weindl. Zumal am Freitagabend bekannt wurde, dass die Höchstbestellmenge pro Arzt für Biontech auch für die Weihnachtswoche auf nur 30 Dosen festgesetzt wurde. Abhängig von der Zahl der Bestellungen müssten sich Praxen darauf einstellen, dass sie noch weniger erhalten, heißt es von der KVNO.

Die Impfstoffknappheit führt nicht nur dazu, dass weniger Menschen in den Praxen geimpft werden, als möglich wäre – sondern auch dazu, dass sich Impfwillige nach Alternativen umsehen. Die Praxen stehen vor erhöhtem Verwaltungsaufwand. Einerseits müssen sie Termine absagen, eben weil weniger Impfstoff kommt als bestellt, andererseits sagen Patienten Termine ab, weil sie anderswo eine Impfung ergattern konnten.

„Die Zahl der Ärzte, die impfen, steigt in Solingen wieder, und auch die Absagen werden in den Praxen zunehmen“, sagt Dr. Stephan Kochen, Vorsitzender des Solinger Ärztenetzwerks Solimed. Er selbst vergibt derzeit Termine für den Januar. „Die vergeben wir aber auch nur an Menschen, bei denen erst dann die fünf Monate seit der zweiten Impfung vergangen sind“, betont Kochen. Wessen Impfung länger her sei als fünf Monate, der solle zeitnah jede Möglichkeit wahrnehmen. Nur eine Bitte hat er an die Patienten: „Sagen Sie Termine, die nicht mehr benötigt werden, dann ab.“ Derzeit liegt die Quote derer, die trotz Termins nicht kommen, bei nur zwei Prozent. Kochen: „Das wird sich wieder erhöhen.“

Termine: solingen.impf-buchung.de

Standpunkt: Es wird uns viel abverlangt

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Björn Boch

Die Nachrichten rund um das Coronavirus verlangen auch den Solingern viel ab. Lasst euch boostern, heißt es – wer aber Biontech möchte, hat derzeit schlechte Karten. Es ist zwar erwiesen, dass auch Moderna ein guter Impfstoff ist. Und es gibt sogar Stimmen aus der Wissenschaft, die Kreuzimpfungen – also Moderna nach zweimal Biontech – als sicherer bewerten. Doch einigen Patienten und auch Praxen fällt der Wechsel schwer. Und dass Impfstoff wieder knapp sein soll, ist schlicht nicht zu erklären. Dabei wissen wir: Kommt der Booster zu spät, kann das Krankheit oder schlimmstenfalls Tod bedeuten. Und jetzt ist auch noch die neue Virus-Variante Omikron eingetroffen – lediglich zweimal Geimpfte sind gegen sie wohl deutlich schlechter geschützt als gegen bisherige Varianten. Wahrscheinlich werden selbst Menschen mit Booster im nächsten halben Jahr erneut geimpft werden müssen – mit einem modifizierten Impfstoff. Damit das gelingen kann, müssen die Fehler aus der jetzigen Impfkampagne unbedingt vermieden werden.

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