Pandemie

Coronavirus: Inzidenz in Solingen stabil auf hohem Niveau

Die Entwicklung der Inzidenzen.
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Die Entwicklung der Inzidenzen.

In der gesamten Region steigen die Sieben-Tage-Inzidenzen. Den höchsten Wert im Stadtdreieck gibt es zurzeit in Wuppertal, die meisten Fälle bei Reiserückkehrern.

Von Philipp Müller

Solingen. Wer sich mit den Zahlen der Corona-Statistik beschäftigt, der hat in den vergangenen Wochen fast neidisch nach Remscheid geschaut und sich über Solingen gewundert. Explodierte in der Klingenstadt die 7-Tage-Inzidenz etwa ab dem 24. Juli, blieb sie in Remscheid lange niedriger. Warum das so ist, wird aber anhand der vorliegenden Daten nicht wirklich klar.

Die Inzidenz entscheidet über die Eingruppierung in die Inzidenzstufen. Solingens Bürger dürfen in Inzidenzstufe 2 weniger als die Remscheider Nachbarn. Ausruhen gilt aber dort nicht. Vergangenen Freitag überschritt Remscheid erstmal die Grenze von 35 Fällen pro 7 Tage auf 100 000 Einwohner und am Samstag mit 53,9 die 50er-Grenze. Danach ist eigentlich Inzidenzstufe 3 in NRW nach dem 8. Tag angesagt – aber das ist bis Donnerstag ausgesetzt. So schauen die Rathäuser jetzt gespannt nach Düsseldorf, wie die Lage dort neu bewertet wird.

Doch woher kommen die hohen Zahlen in Solingen? Wieso steigen sie in Remscheid langsamer? In Solingen wurde viel auf den 11. Juli geschoben. Einige tausend Ohligser verfolgten auf dem Marktplatz das EM-Endspiel der Italiener. Danach war wohl die Kontaktverfolgung sehr schwierig, als die ersten Fälle auftauchten. Inzwischen gelten in beiden Städten die Reiserückkehr als treibende Kräfte für den Anstieg der Inzidenzen, die sich fast angeglichen haben.

„Bei der wichtigen Kontaktverfolgung beobachten wir eine Corona-Müdigkeit.“

Jan Welzel, Dezernent aus Solingen

Das Solinger Gesundheitsamt und Ordnungsdezernent Jan Welzel (CDU) erklären: „Derzeit stehen die meisten Infektionen zunächst im Zusammenhang mit Reiserückkehrern, an zweiter Stelle sind es die teils zahlreichen privaten Kontakte der Menschen.“ Für die Stadt Remscheid sagt Dr. Gabriela Marek vom Gesundheitsschutz, es biete sich ein „buntes Bild“. „Da sind Reise-rückkehrer, deren Haushaltskontakte und jede Menge unbekannte Infektionsquellen dabei, zudem aktuell ein Cluster von acht Personen mit arbeitsplatzbezogenem Kontakt.“

Einige Infizierte in Solingen geben kaum Kontakte an

Die Nachverfolgung ist laut ihren Angaben kein Problem. Aber der Gründlichkeit steht für eine flächendeckende Kontrolle eine Hürde im Weg, wie Dr. Marek bestätigt: „Grundsätzlich ist in allen Kommunen auffällig, dass die Indexfälle relativ wenige Kontakte angeben.“ Das gilt auch für Solingen. Dort wertet man die Lage so: „Wir beobachten, dass zum einen das vorher umsichtige Verhalten der Menschen nachlässt. Zum anderen ist die Kooperationsbereitschaft derzeit sehr niedrig. Das ist womöglich Ausdruck der Corona-Müdigkeit“, erklären Welzel und das Gesundheitsamt.

Beide Städte geben an, sich strikt an die Vorgaben der Quarantäne-Regeln des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu halten. Doch ein Quervergleich der Zahlen beider Städte muss wiederum hinken. Während Remscheid die Reiserückkehrer, die automatisch in Quarantäne müssen, mitzählt, so weit die Fälle bekannt sind, macht Solingen das nicht. Das Zahlenmaterial sei aus diesen Gründen unscharf: „Es besteht zudem auch weiterhin das Problem, dass Einreiseanmeldungen entweder nicht erfolgen und so bei uns nicht gemeldet werden oder diese mit einer Verzögerung von teilweise mehreren Tagen bei uns eintreffen. Gleiches gilt für auswärtig durchgeführte PCR-Testungen.“

Kontrolle der Kontaktverfolgung

Die Stadt kündigte gestern an, verstärkt in der Gastronomie kontrollieren zu wollen, ob sich die Gäste auf den Außen- und Innenflächen entweder mit der Luca-App oder mittels Papierlisten registrieren und Wirte das selbst kontrollieren. Das ist in der in Solingen geltenden Inzidenzstufe 2 Vorschrift. Stadtsprecher Daniel Hadrys erklärt dazu: „Für den Besuch der Innengastronomie gilt zudem die 3G-Regel. Das heißt, Gäste müssen geimpft, genesen oder getestet sein. Der Test darf nicht älter als 24 Stunden sein. Die größte Ansteckungsgefahr geht von geschlossenen Räumen aus.“

Standpunkt

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Philipp Müller

Nun liegen die Inzidenzen in Remscheid und Solingen fast gleich auf. Warum das so ist, können die Gesundheitsämter beider Städte nicht erschöpfend erklären. Da zeigt sich ein Problem, dass es seit Ausbruch der Corona-Pandemie kaum statistische Erhebungen gibt, die in die Tiefe gehen. Wenn nun sowohl Remscheid als auch Solingen auf Reiserückkehrer verweisen, so bleibt die Frage offen, ob die Solinger früher aus dem Urlaub zurückkamen als die Remscheider. Oder fahren diese woanders hin als die Solinger? Gar keine Zahlen gibt es etwa zu den Ein- und Auspendlern. Es ist bekannt, dass deutlich mehr Solinger ihre Stadt morgens zum Arbeiten verlassen als es Remscheider tun. Bringen die Solinger das Virus mit, weil sie in Bussen und Bahnen sitzen? Oder spielt das gar keine Rolle? Noch eine Frage: Brauchen wir diese Zahlen überhaupt? Ja, denn will man sich auf Dauer von der 7-Tage-Inzidenz lösen, um mehr Freiheiten zu gewähren, geht das nur auf Basis solider, nachvollziehbarer und überprüfbarer Statistiken. Diese Chance wurde bundesweit schlicht verpennt.

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