Reportage

Corona: So erleben Pflegende in Solingen die vierte Welle

Pfleger Pascal Marseille bei einem Covid-Patienten auf der Operativen Intensivstation des Städtischen Klinikums Solingen. Wer am Coronavirus schwer erkrankt, bleibt oft wochenlang auf der Station. Foto: Tim Oelbermann
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Pfleger Pascal Marseille bei einem Covid-Patienten auf der Operativen Intensivstation des Städtischen Klinikums Solingen. Wer am Coronavirus schwer erkrankt, bleibt oft wochenlang auf der Station.

Mit Covid-19 infizierte Menschen, die beatmet werden müssen, benötigen besonders viel Zeit und Ressourcen. Was bedeutet das für die Pflegenden?

Von Björn Boch

Solingen. Zweieinhalb Stunden am Bett eines Patienten. Allein. Am Stück. Das ist keine Seltenheit bei Corona-Fällen, berichtet Pascal Marseille. Der 29-Jährige ist Gesundheits- und Krankenpfleger und bildet sich derzeit zum Intensiv- und Anästhesiepfleger fort. Menschen wie er werden händeringend gesucht, „der Markt ist leer gefegt“, sagt Prof. Thomas Standl, Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor des Städtischen Klinikums Solingen.

Wenig Personal auf den Intensivstationen trifft auf steigende Corona-Zahlen: Mehr Infizierte bedeuten schon rein statistisch mehr Erkrankte und mehr Fälle auf der Intensivstation. Bei den Ungeimpften steigt die Inzidenz auch in der Klingenstadt exponentiell. „Und von den Patienten auf der Intensivstation, die beatmet werden müssen, sind 80 Prozent ungeimpft“, betont Standl.

Corona-Patienten sind zeitaufwendiger als andere, verbrauchen viele Ressourcen, müssen in der Regel mehrere Wochen gepflegt werden. Dazu kommt hoher Personaleinsatz: Die Therapie muss immer wieder geprüft und optimiert werden, außerdem werden die Patienten oft eins zu eins betreut.

„Wir rechnen damit, dass wir von der vierten Welle härter getroffen werden als von den vorherigen.“

Jens Reifenrath, bereichsleitender Oberarzt der Intensivstation

Die meisten Corona-Fälle deckt Bethanien ab, aber auch im Städtischen Klinikum sind immer wieder Patientinnen und Patienten. „Wir rechnen damit, dass wir von der vierten Welle härter getroffen werden als von den vorherigen“, sagt Jens Reifenrath, bereichsleitender Oberarzt der Intensivstation.
So ist aktuell die Lage auf den Intensivstationen in Solingen

Immerhin: Das Pflegepersonal ist diesmal geimpft und oft auch schon geboostert

Immerhin seien in dieser Welle alle geimpft und die meisten schon geboostert. Neben der normalen Belastung des Jobs traf in früheren Wellen die enorm hohe Infektionsgefahr auf Pflegende, die keinen Impfschutz hatten, weil es keinen Impfstoff gab. Krankheitsbedingte Ausfälle waren die Folge. „Das ging bei Kolleginnen und Kollegen bis zum eigenen Intensiv-Aufenthalt“, berichtet Jens Reifenrath.

Die Stimmung im Team sei gut, erzählen er und Pascal Marseille. Für Frust sorgen die Impfgegner und die steigenden Infektionszahlen: „Wo soll das hinführen und wie lange halten wir das noch aus?“, fragt sich Pfleger Pascal Marseille.

Er liebt seinen Beruf, das ist ihm wichtig. Er findet es traurig, dass der Job negative Assoziationen hervorruft. „Es überleben ja auch viele“, sagt er. Das gebe ein gutes Gefühl.

Viele Pflegende verzichten privat auf Kontakte

Gegen die schlechten Gefühle bietet das Klinikum Gespräche mit externen Therapeuten an. Wichtig sei auch das Stressmanagement, betont der 29-Jährige. Bei der besonders anstrengenden Bauchlagerung von Patienten – dafür braucht man ein ganzes Team von Pflegenden, was zu zahlreichen Überstunden führt – „werden auch körperliche Ressourcen aufgefressen“, sagt er. Dazu kommen die emotionalen – und fehlender Kontakt. Viele Pflegende verzichten auf Treffen mit Freunden und Verwandten, wenn sie die Corona-Patienten betreuen.

An einen „jüngeren Mann mittleren Alters“ – mehr darf er aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht sagen – und dessen langen, schweren Verlauf erinnert sich Pascal Marseille besonders gut. Und an die vielen, vielen Gespräche mit besorgten Angehörigen. „In der Pandemie versuchen wir, Besuche so gut es geht zu verhindern“, sagt er. Und sich trotzdem um die Angehörigen zu kümmern. „Das geht unter die Haut.“ Und kostet Zeit. Nicht umsonst sagt Pascal Marseille auf die Frage, wie viele Kollegen hier arbeiten sollten, wenn er sich das wünschen dürfte: „Dreimal so viele.“

Anmerkung

Der Besuch im Klinikum fand statt unter strikter Einhaltung von Hygiene-, Abstands- und Maskenregeln. Die im Text genannten Mediziner und Pflegekräfte stehen stellvertretend für die Situation in den drei Solinger Krankenhäusern. Ein Porträt einer Intensivpflegerin in Bethanien folgt.

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