Regenerative Energien

Chance für Solarzellen auf Denkmälern

Michael Kramer und Petra Klawikowski wollen auf ihrem Dach an der Blumenstraße Photovoltaik installieren. Bislang stand der Denkmalschutz dem entgegen. Nun gibt es eine neue Chance.
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Michael Kramer und Petra Klawikowski wollen auf ihrem Dach an der Blumenstraße Photovoltaik installieren. Bislang stand der Denkmalschutz dem entgegen. Nun gibt es eine neue Chance.

Neues Gesetz soll Konflikt auflösen. Hauseigentümer freuen sich, Experten warnen vor den Folgen.

Von Björn Boch und Sven Schlickowey

Solingen. Geht es nach Michael Kramer, wurde es höchste Zeit für das Gesetz, das CDU und FDP vorige Woche im Landtag beschlossen haben: Denkmalgeschützte Gebäude sollen künftig leichter umgenutzt werden können. Das bedeutet auch: Solaranlagen auf denkmalgeschützten Dächern haben bald bessere Chancen auf eine Genehmigung. Kramer hat noch am Tag der Abstimmung an die Stadt geschrieben. Er will erneut einen Anlauf für Photovoltaik nehmen – um autark zu werden mit dem eigenen Haushalt samt zweier Elektroautos.

Nicht alle sind vom neuen Gesetz begeistert. So befürchtet der Landschaftsverband Rheinland (LVR) eine Schwächung des Denkmalschutzes, da dessen 60 bis 80 Experten künftig kaum noch Einfluss auf Entscheidungen der Kommunen hätten (ST berichtete). Die Sozialdemokraten im Landtag warnen vor einer Überlastung der Kommunen.

Der Landesverband Erneuerbare Energien lobt dagegen das Gesetz. Und Carsten Becker (CDU), Vorsitzender des Solinger Ausschusses für Städtebau und Stadtentwicklung, erklärt: „Mit diesem Gesetz wird der Denkmalschutz modernisiert und gestärkt.“
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Autarke Energieversorgung ist spätestens seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine ein großes Thema

Michael Kramers und Petra Klawikowskis Pläne sind viel älter: Bereits 2013 wollten sie Solarenergie auf dem Dach des Hauses Blumenstraße 92 gewinnen, das Teil eines Gebäudekomplexes ist. Nach einer Ablehnung durch den Solinger Denkmalschutz klagte Kramer, unterlag aber vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf. Im Urteil von 2015 heißt es: „Die beantragte Solaranlage würde die Einheit (des Baudenkmals Blumenstraße 92-96) optisch unterbrechen und den Blick des Betrachters auf die seitliche Dachfläche lenken.“

Weil die Eigentümer keine Solarzellen aufs Dach montieren durften, steht in der Blumenstraße eine kleine Anlage im Hinterhof.

Michael Kramer kann das nicht nachvollziehen. Zum einen sei das historische Dach bei einer Renovierung entfernt worden, zum anderen sei die Dachfläche nur von wenigen Stellen aus sichtbar. „Wenn Besucher direkt davorstehen, um das Denkmal zu erleben, sehen sie das Dach jedenfalls nicht.“

Kramer hofft, schnell eine Genehmigung zu erhalten – auch für den Klimaschutz. Der jüngste Bericht des Weltklimarats habe eindrucksvoll gezeigt, dass viel zu wenig getan werde. „Hier ist jede noch so kleine Aktion ein Schritt zum Großen und Ganzen.“ Allein seine geplante Anlage könnte knapp 5 Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß pro Jahr vermeiden, rechnet Kramer vor.

Solaranlagen auf Denkmälern: Gesetz soll zum 1. Juni kommen

Zum konkreten Einzelfall wollte sich die Verwaltung auf Anfrage nicht äußern. Allgemein gelte: „Das Gesetz soll zum 1. Juni in Kraft treten. Die Experten vom Denkmalschutz müssen sich mit dem Gesetz nun intensiv beschäftigen“, so Stadtsprecherin Sabine Rische.

Die Erlaubnis zum Beispiel für eine Solaranlage ist laut neuem Gesetz weiterhin zu erteilen, sofern Belange des Denkmalschutzes nicht entgegenstehen – mit einem Zusatz: „Bei der Entscheidung sind insbesondere auch die Belange des Wohnungsbaus, des Klimas, des Einsatzes erneuerbarer Energien sowie der Barrierefreiheit angemessen zu berücksichtigen.“

Schon jetzt sei aber klar: Das Gesetz sage nicht, dass Solaranlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden grundsätzlich zulässig seien. Rische: „Hier wird immer eine Betrachtung des Einzelfalls notwendig sein.“ Hauseigentümer, deren Anträge früher abgelehnt worden waren, müssten nun neue Anträge stellen. Diese könnten möglicherweise nun anders bewertet werden.

So schätzen Experten Solaranlagen auf Dächern von Denkmälern ein

Zu den Befürwortern der Gesetzesänderung gehören die Verbraucherzentralen. Deren Energieberater fürs Bergische, Florian Bublies, rechnet damit, „dass es zu wesentlich mehr Interesse kommen wird. Und es ist notwendig, dass wir dieses Solarpotenzial heben.“

Mona Lohrengel ist da skeptischer. Die Abteilungsleiterin Denkmalschutz und Stadtbildpflege der Stadt weist darauf hin, dass Baudenkmäler in NRW „gerade einmal rund 1,5 Prozent des Gebäudebestandes ausmachen“. Zur Anzahl der Gebäude in Solingen machte die Stadt keine Angaben – die Anfragen hätten sich aber jüngst gehäuft.

Florian Bublies nennt noch ein weiteres Problem: Die Kapazitäten des Handwerks und der Energieberater und Fachplaner seien begrenzt. Es sei derzeit so, dass Verbraucher mindestens sechs Monate auf einen Termin warten. Zudem sorge er sich, dass die Preise für Handwerkerleistungen aus dem Ruder laufen: „Die Nachfrage regelt den Preis, aber der Verbraucher muss Klimaschutzmaßnahmen auch bezahlen können.“

Nachfrage

Mona Lohrengel, Abteilungsleiterin Denkmalschutz und Stadtbildpflege der Stadt Solingen, erklärt: „Generell stellen wir, gerade in den vergangenen Wochen, eine größere Zahl von Anfragen zu Solaranlagen auf Denkmälern fest.“ Viele seien sich aber schon bei der Anfrage der Problematik durchaus bewusst, dass die Anlage das Denkmal nicht beeinträchtigen dürfe.

Standpunkt: Eigentümer einbeziehen

Kommentar von Björn Boch

bjoern.boch@ solinger-tageblatt.de

Bislang schlossen sich Denkmalschutz und Energiewende oft gegenseitig aus. Wer Pech hatte, durfte in sein so geschütztes Haus nicht einmal eine Doppelverglasung einbauen. Kein Wunder also, dass sich Eigentümer oft mit Händen und Füßen gegen den Denkmalstatus wehren. Ein Denkmal darf kein Selbstzweck sein: Möglichkeiten, es attraktiv und zukunftsfähig zu gestalten, sollte der Gesetzgeber einräumen. Insofern ist der Beschluss des Landtags richtig. Und er bedeutet eben nicht, dass bald überall Solarzellen zu sehen sein werden. Denkmalschutz ist wichtig, keine Frage. Aber die überwiegende Mehrheit der Baudenkmäler in NRW ist in Privatbesitz. Sollen diese Gebäude wirklich geschützt werden, müssen die Menschen, die dort leben, einbezogen werden. Ein Denkmal mit einer barrierefreien Rampe oder einer Photovoltaikanlage ist sicher besser als eines, das sich selbst und damit dem Verfall überlassen wird. Das zu erklären und zu moderieren, kann auch für Denkmalschützer eine Chance sein.

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