Traditions-Betrieb an der Kölner Straße

Café Kersting in Solingen schließt am Samstag

Ob und wann es einen Nachmieter für die Immobilie an der Kölner Straße gibt, ist unklar.
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Ob und wann es einen Nachmieter für die Immobilie an der Kölner Straße gibt, ist unklar.

Der Betreiber des Traditions-Cafés gibt viele Gründe für die Aufgabe an: Neben gestiegenen Rohstoff- und Energiepreisen macht er auch auf die schwierige Situation mit Bettlern und Drogensüchtigen im Umfeld seines Lokals aufmerksam.

Von Björn Boch

Solingen. Das Café Kersting am Graf-Wilhelm-Platz schließt Ende Januar 2023. Ein entsprechendes Schild im Schaufenster weist darauf seit Kurzem hin. Betreiber Sebastian Wadulla und Verwalter Juan Saenz erklären im Gespräch mit dem ST, dass das Café bereits zum 1. Januar geschlossen wird. Der Bäckereiverkauf werde voraussichtlich noch bis Ende Januar weitergeführt. Sandra und Sebastian Wadulla hatten das Café im Oktober 2015 übernommen. Beide hatten Ende der 90er Jahre dort ihre Ausbildung gemacht. Für die Aufgabe gebe es eine Vielzahl von Gründen.

Lage: „Die Ecke hier ist einfach nicht mehr gut. Ich weiß nicht, wie es an dem Standort weitergeht. Und ich musste zuletzt nur noch Geld reinstecken“, betont Konditormeister Sebastian Wadulla. Kurz vor Weihnachten sei er selbst einmal wieder rund um die Hauptstraße unterwegs gewesen. „Da waren außer mir vielleicht noch zehn Leute. Und das zu einer so wichtigen Zeit.“ Die Laufkundschaft in Mitte habe spürbar nachgelassen, die Entscheidung, zu gehen, sei im letzten halben Jahr gereift. „Die Innenstadt ist inzwischen total unattraktiv“, ergänzt Juan Saenz.

Umfeld: Im Frühjahr 2021 hatte sich Wadulla an Stadt und Tageblatt gewandt, weil eine Gruppe direkt vor dem Café bettelte. Die Lage besserte sich zwar kurzzeitig – Sozialdezernent Jan Welzel (CDU) hatte damals das Gespräch mit der Gruppe gesucht. Langfristig geändert habe sich aber nichts, neben Bettlern seien auch Drogensüchtige zum Problem geworden. „Das ist kein Zustand mehr gewesen. Wir haben mehrfach und rechtzeitig gesagt, wie geschäftsschädigend das ist. Aber die Stadt hat uns und andere hängen lassen“, erklärt Juan Saenz.

Kosten: Die Preise für Rohstoffe seien stark gestiegen, ebenso die Kosten für Energie. Und im Januar werde alles noch einmal mindestens doppelt so teuer. „Wir können das nicht an die Kundschaft weitergeben. Wegen der Inflation spüren wir auch, dass die Kunden weniger ausgeben“, erklärt Wadulla. Gutes Handwerk habe seinen Preis, während viele aktuell auf günstigere Ware aus den Discountern setzten. Und sich Kaffee und Kuchen eben nicht mehr im Café gönnen. Der Vermieter sei ihnen zwar entgegengekommen, aber nicht so sehr, dass sich der Weiterbetrieb noch rechne. Es würde vielleicht reichen, wenn das Geschäft normal laufen würde. Das tue es aber derzeit nicht.

Personal: Wie in vielen anderen Betrieben auch sei es zunehmend schwer geworden, gutes Personal zu finden. „Ich kann nicht immer wieder neue Menschen anlernen“, sagt Wadulla.

Zukunft: Sebastian Wadulla betreibt eine Konditorei mit Café in Herscheid im Märkischen Kreis. Dort geht es weiter. „Die meisten der Probleme aus Solingen haben wir da nicht“, betont Saenz.

Ein Schild im Verkaufsraum weist auf das baldige Ende hin. Wie es mit der Immobilie weitergeht und wie sie genutzt werden soll, ist unklar.

Der Initiativkreis Solingen, Vereinigung der Händlergemeinschaften, bedauert die Schließung des Cafés. „Es ist schade, dass wieder ein Gastronom aufgibt“, so der Initiativkreis-Vorsitzende Waldemar Gluch mit Verweis auf die kürzlich bekanntgewordene Schließung von Mc Donald's. Es sei eine traurige Entwicklung, für die aber eben auch die Corona- und die Energie-Krise verantwortlich seien. „Vielleicht wird es den einen oder anderen im neuen Jahr noch treffen“, befürchtet Gluch.

Händler und Gastronomen könnten nur hoffen, dass sich die Innenstadt schneller wieder zum Positiven verändern werde. „Eines ist klar: Handel rettet die Innenstadt nicht. Wir brauchen neue Konzepte. Die Gläserne Werkstatt kann da ein Beispiel sein.“ Mit Blick auf die Probleme rund um Bettler und die Drogenszene erklärt Gluch: „Das ist ein Thema für uns Händler. Wir sind da mit Polizei und Ordnungsamt im Gespräch.“

Debatte um Straßensatzung

Historie: Nach dem ST-Bericht über die Probleme rund um das Café Kersting vor rund eineinhalb Jahren gewann eine Debatte wieder an Fahrt, die 2017 begann. Solingen hatte über eine Verschärfung der Straßensatzung nachgedacht – forciert von der Verwaltung. Die Verantwortlichen hatten zwar für Mitte kein generelles Problem mit aggressiven Bettlern erkannt, aber argumentiert, mit einer Satzungsänderung leichter gegen problematische Einzelfälle vorgehen zu können.

Maßnahmen: Unter anderem war vorgesehen, das „Lagern am Rande des Bürgersteigs“ zu untersagen. Institutionen wie Kirchen und Wohlfahrtsverbände wehrten sich gegen die Verschärfung. Am Ende gab es keine politische Mehrheit für das Verbot.

Runder Tisch: Unter anderem Polizei und Ordnungsamt, aber auch Händler und andere Betroffene sowie Institutionen wie die Caritas tauschen sich zu Themen wie Sicherheit, Bettelei und Drogenszene in der Innenstadt aus.

Standpunkt von Björn Boch: Was rettet die City?

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Es ist klar, dass Handel allein keine Innenstadt mehr retten wird – auch nicht die Solinger. Doch was dann? Gastronomie ist oft Teil der Lösung, wenn es darum geht, wie eine City lebenswert bleiben oder wieder werden kann. Um so schlimmer ist, dass in Mitte binnen weniger Wochen eben nicht nur Händler ihren Abschied verkündet haben, sondern mit Mc Donald's sogar ein gastronomisches Schwergewicht.

Mit dem Café Kersting folgt nun eine Institution, die als traditioneller Treffpunkt und Ort zum Wohlfühlen kaum überschätzt werden kann. Der Standort nahe Busbahnhof und Hofgarten liegt eigentlich günstig.

Das führt erneut deutlich vor Augen, wie groß die Anstrengungen zur Rettung der Innenstadt sein müssen: angefangen von der Stadtplanung und Stadtentwicklung über Sicherheit und Sozialarbeit bis hin zu den Eigentümern. Stadtverwaltung, Behörden und Institutionen haben in der Tat ein Mammutprojekt vor sich. Doch auch wir alle sind gefragt: Indem wir diejenigen unterstützen, die noch da sind. 

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