NS-Opfer

Buch fordert: „Man soll mich nicht vergessen“

Stolpersteinen gibt ein Buch jetzt Gesichter. Archivfoto: Uli Preuss
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Stolpersteinen gibt ein Buch jetzt Gesichter. Archivfoto: Uli Preuss

Das Stadtarchiv legt ein Werk vor, das 150 von den Nazis verfolgte Solinger vorstellt. An sie erinnern im Stadtgebiet auch Stolpersteine.

Von Philipp Müller

Eine Pappschachtel versinkt in den Augusttagen 1942 im Flüsschen Eger. Darin ist die Asche des am 5. August im KZ Theresienstadt an Entkräftung und Hunger verstorbenen Dr. Alexander Coppel. Das steht im vom Stadtarchiv Solingen herausgegebenen Buch „Man soll mich nicht vergessen“, das gestern im Rathaus vorgestellt wurde. Biografien von Verfolgten in Solingen in der Zeit der Nazidiktatur werden darin erfasst.

Der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz vor 75 Jahren sei bewusst als Termin für die Veröffentlichung gewählt worden, erklärte Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD). „Es waren Solinger Täter und Solinger Opfer“, sagte er, das dürfe man nicht verdrängen.

Coppel ist in Solingen ein Begriff. Die jüdische Familie hat viele Spuren hinterlassen. So war der promovierte Jurist lange Stadtverordneter, der Großvater Alexander und der Vater Gustav leiteten die Coppel-Werke für Stahlwaren, die später „arisiert“ wurden. Heute wird die Familie durch Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig in den Gehwegen vor den früheren Wohnorten gewürdigt.

Das Buch zählt 150 Schicksale (» Kasten) auf, zu denen es für 120 jeweils einen dieser Stolpersteine gibt. Die weiteren 30 Biografien beschäftigen sich mit Opfern, die die Nazizeit überlebt haben. Aber auch dafür solle es künftig Stolpersteine geben, erklärte Daniela Tobias vom Unterstützerkreis Stolpersteine.

Der Historiker Armin Schulte hat die Biografien zusammengetragen. Er erinnert damit nicht nur an Juden, die von den Nazis verfolgte wurden. Auch Regime-Gegner, Behinderte, vor Gericht aufgefallene, so genannte „asoziale“ Solinger sind unter den Opfern. Bildung schützte nicht vor Verfolgung. Es sind Ärzte aufgezählt, Politiker, Hilfsarbeiter, Hausfrauen – und Kinder.

Das Buchprojekt wurde durch die finanzielle Unterstützung durch die Gerd-Kaimer-Bürgerstiftung ermöglicht. Die Schlussredaktion hatte der Leiter des Stadtarchivs, der Historiker Ralf Rogge. Er dankte besonders der Stiftung, ohne die die Realisierung nicht möglich gewesen wäre.

Bereits seit dem Jahr 2003 erforscht das Stadtarchiv die Lebensläufe der von den Nazis verfolgten, vertriebenen und teilweise ermordeten Solinger. Seit mehr als 15 Jahren ist dabei Armin Schulte Partner des Stadtarchivs. Er verwies bei der Vorstellung des Buchs im Rathaus auf die vielen Gespräche mit Nachfahren, die den Personen noch mehr Gesicht geben könnten, als es das vorhandene Quellenmaterial schaffe. Akten aus der Zeit der Wiedergutmachung für NS-Opfer bilden die große Grundlage. 1800 Stück gebe es da in Solingen, das biete viel Stoff für weitere Recherchen, sagte Schulte. Dazu kommen 800 Gestapo-Akten. Das war die Geheime Staatspolizei im „Dritten Reich“. Sie verfolgte die Gegner des Regimes – egal, ob aus religiösen, rassistischen oder politischen Gründen.

Der Titel des Buchs geht auf Artur Deichmann zurück. Er wurde 1944 in Bremen erschossen, und am Vorabend der Hinrichtung schrieb er den Satz „Man soll mich nur nicht vergessen“ an seine Familie.

Ausstellung zeigt Bilder von Kindern aus Theresienstadt

Die „Initiative gegen das Vergessen“ eröffnete gestern eine Ausstellung im Rathausflur mit Bildern, die im KZ Theresienstadt entstanden sind und das Grauen des Lagerlebens aus Kindersicht dokumentieren.

STOLPERSTEINE

BUCH Unter dem Titel „Man soll mich nicht vergessen“ hat das Stadtarchiv Solingen ein Buch mit 150 Schicksalen verfolgter und teils ermordeter Solinger herausgegeben. Der Band hat 324 Seiten, dazu mehr als 250 Abbildungen und Fotos.

KAUF Das Buch von Autor Armin Schulte ist im Bergischen Verlag Remscheid erschienen und wird im Stadtarchiv sowie im Buchhandel für 24,95 Euro angeboten: ISBN 978-3-945763-87-2

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