Brandts Kniefall: Solinger Scheel erinnert sich

Die Süddeutsche Zeitung titelte: Er kniete für uns! Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau.

ERINNERUNG Am 7. Dezember vor 40 Jahren bekam die Welt Gänsehaut. Am Mahnmal in Warschau kniete Willy Brandt. Walter Scheel war dabei.

Es stand nicht im Protokoll und war wohl deshalb so wirksam. Bei ihrem Besuch in Polen besuchte die Delegation um Bundeskanzler Willy Brandt das Warschauer Ghetto. Es war der 7. Dezember 1970. Kurz nach der Kranzniederlegung und vor den Kameras der Weltöffentlichkeit sank Willy Brandt plötzlich am Mahnmal auf die Knie.

Der spätere Bundespräsident Walter Scheel war damals Außenminister und stand wenige Meter hinter dem SPD-Politiker. In einem Brief an das Solinger Tageblatt erinnert er sich an einen Augenblick, den er wohl nie vergessen wird:

„Vor 40 Jahren begleitete ich als bundesdeutscher Außenminister meinen Kabinettschef und freundschaftlichen Partner Bundeskanzler Willy Brandt nach Warschau. Ich lebte damals schon nicht mehr in meiner schönen Heimatstadt Solingen, sondern in Bonn. Aber so weit ist Bonn ja auch nicht vom Bergischen Land entfernt.

Als wir dann in Warschau den Programmpunkt „Besuch des Warschauer Ghettos“ auf der Agenda hatten, haben Willy Brandt und ich sehr intensiv über die deutsch-polnische Geschichte gesprochen. Noch im Auto auf dem Weg dorthin haben wir die schwierigen Verhandlungen im deutsch-polnischen Vertrag reflektiert und waren uns einig, dass der Weg unserer neuen Ostpolitik keine Alternative zulässt.

In dem Moment, als wir ausstiegen und vor das Mahnmal traten, war die Stimmungslage sehr überwältigend. Plötzlich sank Willy Brandt auf die Knie und jeder Mensch, der anwesend war, hätte es ihm gleichtun wollen und jeder hat diese Geste, diese vollkommen ungeplante und spontane Geste, für einzigartig und beeindruckend empfunden.

Es war eine dieser Fähigkeiten Willy Brandts, die ich bei ihm so sehr geschätzt habe, die Menschen emotional anzusprechen und für alle erkennbare Zeichen zu setzen. Ich habe keinen Politiker erlebt, der vergleichbar gewesen wäre.“

Walter Scheel war als Außenminister in Warschau und Moskau dabei

Scheel hat die politische Zeit Willy Brandts zu einem großen Teil begleitet. So war er nicht nur als Außenminister bei den heiklen Verhandlungen zu den Ostverträgen in der ehemaligen UdSSR und in Polen dabei, sondern wurde von der Guillaume-Spionageaffäre ebenso überrascht wie Brandt selber.

Der trat unter dem Druck der möglichen Erpressbarkeit durch den nahen Mitarbeiter Günter Guillaume zurück. Nach Brandts Rücktritt war Scheel neun Tage lang geschäftsführender Bundeskanzler.

Walter Scheel lebt heute mit seiner dritten Ehefrau Barbara in Bad Krozingen. Der vierte Bundespräsident Deutschlands feierte im Juli seinen 91. Geburtstag. Aus seinem Büro hieß es, das er sich „immer besserer Gesundheit“ erfreue, dazu trage auch die vorweihnachtliche Atmosphäre an seinem neuen Wohnort bei.

Den gestrigen 7. Dezember verbrachte Walter Scheel in seinem Büro in Bad Krozingen. Dort im schönen Markgräfler Land wird Walter Scheel auch die Weihnachtstage verbringen. Aber, so sein persönlicher Referent Christoph Höppel, seine Gedanken seien oft in Solingen, Höhscheid und im Bergischen Land. Der Alt-Bundespräsident spreche oft davon, nach nunmehr fünf Jahren unbedingt noch einmal in seine Heimatstadt zu reisen. up

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