Räderhersteller

Borbet schließt Standort in Solingen

Bei vielen Borbet-Beschäftigten war nach der Betriebsversammlung Verunsicherung zu spüren – Überraschung dagegen nicht.
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Bei vielen Borbet-Beschäftigten war nach der Betriebsversammlung Verunsicherung zu spüren – Überraschung dagegen nicht.

Die Borbet Solingen GmbH befindet sich seit geraumer Zeit in Schieflage. Jetzt wurde eine Entscheidung über den Standort getroffen.

Von Manuel Böhnke

Der Solinger Borbet-Standort wird zum 31. Dezember geschlossen. Das gab der Räderhersteller der Belegschaft am Montag bei einer Betriebsversammlung bekannt. Derzeit arbeiten im Werk an der Weyerstraße rund 600 Menschen. „Im Einvernehmen mit dem Betriebsrat wird eine Transfergesellschaft eingerichtet“, teilt das Unternehmen mit.

Die Borbet Solingen GmbH befindet sich seit geraumer Zeit in Schieflage. Im Dezember 2021 hat das Unternehmen ein Schutzschirmverfahren beantragt, am 1. März dieses Jahres wurde das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eröffnet. Drei Optionen gab es für das Werk: Entweder die Borbet-Gruppe oder ein Investor sollten es nach Sanierung mit dem Abbau von 188 Stellen weiterführen. Die dritte Variante war die Schließung des Standorts.

Borbet verweist darauf, dass es seit Dezember 2021 „trotz der schwierigen Rahmenbedingungen“ gelungen sei, „den Geschäftsbetrieb fortzuführen und die Arbeitsplätze zu erhalten“. Parallel dazu habe man Maßnahmen für ein Zukunftskonzept ergriffen. Teil dessen war ein Restrukturierungs- und Investorenprozess. Betriebsrat, Großkunden aus der Automobilindustrie, potenzielle Investoren und die Borbet-Muttergesellschaft seien eingebunden gewesen.

Doch ein glückliches Ende blieb aus. Borbet erklärt: „Aufgrund der sich in Folge des Ukraine-Krieges nochmals stark eintrübenden wirtschaftlichen Situation, der stark gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise und der zu verzeichnenden Absatzrückgänge in der Automobilzulieferindustrie konnten die zwingenden Voraussetzungen für einen Erhalt nicht erfüllt werden.“

Aus Sicht Cemal Cetins hat eine „Verkettung mehrerer Umstände“ zum Aus geführt. Dazu zählt der Vertreter der IG Metall Remscheid-Solingen die Entscheidung der großen Automobilhersteller, auf die günstigsten Zulieferer zu setzen. Erschwerend hinzu komme, dass die Produktionskosten in Solingen höher seien als in anderen Borbet-Werken. Der Tarifvertrag wurde Mitte 2020 gekündigt, die Löhne bewegen sich auf dem Niveau der 2018 ausgehandelten Konditionen – und damit über dem Level anderer Standorte ohne Tarifbindung.

Auch habe die „schwierige Struktur in der Belegschaft“ eine Rolle gespielt, vermutet Cetin. 2019 kam es zum Bruch zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat, die Arbeitnehmervertretung wurde gerichtlich aufgelöst. Ein Riss ging durch die Belegschaft. Noch im November trafen sich Borbet und ein gekündigtes Mitglied des aktuellen Betriebsrats vor dem Arbeitsgericht.

Özkan Kinik, der derzeitige Vorsitzende des Gremiums, betont, dass die Schließung für viele nicht überraschend komme. Dementsprechend sei die Betriebsversammlung weniger angespannt verlaufen als angenommen. Knapp 20 Minuten dauerte sie. Die Stimmung beschreibt Marko Röhrig als „bedrückend“. „Es war sehr, sehr ruhig“, sagt der Geschäftsführer und Kassierer der IG Metall Remscheid-Solingen.

Bis zum 16. Dezember haben die Beschäftigten Zeit, um zu entscheiden, ob sie in eine Transfergesellschaft wechseln möchten. Laut Borbet helfe diese den Betroffenen, etwa eine neue Beschäftigung zu finden und an Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen. Sechs Monate lang würden sie 80 Prozent ihres Lohns erhalten. Dafür verzichten sie auf die Rechtsansprüche in ihrem aktuellen Arbeitsvertrag. Die Alternative ist eine Kündigung mit einer Frist von maximal drei Monaten. So oder so dürfte es ein Großteil der Beschäftigten schwer haben, zeitig eine neue Anstellung zu finden, vermutet Cemal Cetin. Viele seien ungelernt, hätten mit Sprachbarrieren zu kämpfen.

Seit 2004 arbeitet Dragan Mitrovic für Borbet Solingen, derzeit im Werkzeugbau. Für den 59-Jährigen geht es nun darum, wenige Jahre bis zum Ruhestand zu überbrücken: „Ich kriege das hin. Mir tut es für die jungen Leute leid, die ihre Familie ernähren und Kredite abzahlen müssen.“

Marko Röhrig zufolge ist es theoretisch noch denkbar, dass bis Ende des Jahres ein Investor für den Standort auf den Plan tritt. Praktisch hält er das für äußerst unwahrscheinlich.

Ab Mitte Dezember wird der Betrieb ruhen. Bis dahin möchte Borbet Materialbestände abbauen. Deshalb stellt das Unternehmen eine Leistungsprämie in Aussicht: Gelingt es im restlichen Jahr, rund 221 000 Räder fertigzustellen, fließen je Stück 3,60 Euro an die Belegschaft – pro Kopf wären das bis zu 1400 Euro. Ob es dazu kommt, ist angesichts der Stimmung in der Belegschaft fraglich.

Historie

2001 hat Borbet die Kronprinz-Sparte Aluguss übernommen. Das Werk hat eine Kapazität von maximal 2,2 Millionen Rädern pro Jahr. Auf dem Gelände an der Weyerstraße sitzt auch die auf Lkw-Stahlräder spezialisierte Accuride Wheels Solingen GmbH.

Standpunkt von Manuel Böhnke: Viele Verantwortliche

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Es hatte sich angedeutet. Und doch ist das endgültige Aus des Borbet-Werkes an der Weyerstraße ein Schock – in erster Linie für die Belegschaft, in zweiter Instanz auch für den Wirtschaftsstandort. Auf einen Schlag verliert Solingen 600 Industriearbeitsplätze. Die Gründe dafür sind vielfältig. Immer wieder hat das Unternehmen auf die Produktionskosten in der Klingenstadt verwiesen. Diese seien, vor allem im Vergleich zur Konkurrenz in Asien und Nordafrika, zu hoch.

Auch innerhalb der Borbet-Gruppe zählte Solingen zu den teuren Standorten. Das wirft die Frage auf, wie groß das Interesse der Geschäftsleitung eigentlich von Beginn an war, ihn zu erhalten – vor allem angesichts der ständigen Auseinandersetzungen mit dem Betriebsrat sowie innerhalb der Belegschaft.

Dass es trotz dieser existenzbedrohenden Lage bis zuletzt offensichtlich unüberwindbare Differenzen innerhalb der Arbeitnehmerschaft gab, macht fassungslos. Und zeigt: Für diese Hiobsbotschaft gibt es viele Verantwortliche.  

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