Kulturabend

Bissige Satire regt zum Nachdenken an

„Aus der Isolation in die Freiheit“ hatten Philipp Müller und die Pirates of Love den Abend überschrieben. Foto: Christian Beier
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„Aus der Isolation in die Freiheit“ hatten Philipp Müller und die Pirates of Love den Abend überschrieben.

Journalist Philipp Müller und die Pirates of Love waren zu Gast im Zentrum für verfolgte Künste.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Eine Zugabe nach dem Mit-Sing-Ohrwurm „Hey Jude“, der coronabedingt zum Mitsumm-Song geworden war – und dann war der anderthalbstündige Kulturabend im Meistermann-Saal des Zentrums für verfolgte Künste zu Ende. Gefühlt zu früh für das Auditorium und sicher auch für die Protagonisten auf der Bühne, aber längere Konzerte darf es derzeit in geschlossenen Räumen noch nicht geben.

Aber natürlich war jeder der 20 Anwesenden auf den sorgfältig auf Abstand gestellten Stühlen mit seiner bereitgehaltenen Mund-Nase-Maske froh, überhaupt Musik und Satire endlich mal wieder live zu erleben. Einerseits leicht und locker und zugleich zutiefst nachdenklich stimmend war das, was die Pirates of Love in fünfköpfiger Besetzung und der Journalist Philipp Müller ihren Zuhörern mitgebracht hatten.

„Aus der Isolation in die Freiheit“ hatten sie ihr Mix-Programm aus Satire und Alt-Rock überschrieben und bewusst den Schulterschluss mit den Bildern gesucht, die zu NS-Zeiten verfemt und verboten waren, weil ihre Schöpfer nicht regimetreu waren, nicht die damals einzig zugelassene politische Meinung vertraten und ihre Kunst nicht den geforderten Vorgaben anpassen wollten.

„Freiheit muss künstlerische Unkorrektheit aushalten.“

Philipp Müller, Satiriker

Eigentlich wollte ST-Journalist Philipp Müller mit spitzen und sorgfältig gewählten Worten gegen die sogenannten Verschwörungstheoretiker und Aluhut-Träger in der aktuellen Corona-Krise anreden, die sich in den vergangenen Wochen im Internet und auf Demos bedenklich intolerant und radikalisierend bemerkbar machen. Aber der jüngst unverhohlen drohende Verbal-Angriff der Solinger AfD als Reaktion auf einen seiner Artikel im Tageblatt gegen zunehmend rechte Radikalisierung ließ ihn mit vor Energie blitzenden Augen und noch mal extra angeschärften Worten seine durch und durch „liberal-demokratische Haltung mit sozialem Anstrich“ betonen.

Ein Satz wie „In einem vernünftig regierten Land würde man solche Journalisten in den Bau stecken“ zeige ja gerade, wie richtig der politische Aktionskünstler Rainer Opolka mit seinen bis Samstag auf dem Neumarkt gezeigten Wolfsfiguren liege, in denen er der Rückkehr braun-dümmlicher, intoleranter und damit gefährlicher Gesinnung eine böse Fratze gebe und somit vor ihr warne.

Dass ihn eine derartig deutlich gewaltbereite Verbal-Attacke nicht mundtot macht, sondern erst recht auf den Plan ruft, machte Philipp Müllers klares Statement zu der sogenannten „Cancel Culture“ deutlich, die die Kabarettisten Lisa Eckhardt und Dieter Nuhr erfahren mussten: „Freiheit muss künstlerische Unkorrektheit aushalten.“ Ausgesuchte Song-Klassiker wie „You Can’t Get Always What You Want“ von den Rolling Stones oder „Come Together“ von den Beatles, die inhaltlich den Bogen zu den Themen „Krise“ und „Isolation“ schlugen, ließen Raum, das Gehörte sacken zu lassen und setzten somit nachdrückliche Punkte hinter die satirischen Beiträge.

Am Schluss gab’s dann eine Verbeugung vor dem verstorbenen Witze-Erzähler Fips Asmussen: Philipp Müller feuerte eine regelrechte Pointensalve ab, sorgte abschließend für Dauerschmunzeln in den Stuhlreihen.

Blick in die Ausstellung „Aus der Isolation“.

Ausstellung

Neben Peter Gorny und Gregor Wehning (Stimme und Gitarren) spielten auch Klaus Spangenberg (Piano und Gitarre), Dirk Singotta (Drums) und Dieter Rubach (Bass) bei Pirates of Love mit. Mit diesem Konzert geht die Ausstellung „Aus der Isolation“ im Zentrum für Verfolgte Künste in ihre finale Zeit. Noch bis zum 13. September ist sie zu sehen.

verfolgte-kuenste.com

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