Buchpreis

Betty-Reis-Buchpreis: Lamya Kaddor gibt Denkanstöße in der Scholle

Autorin Lamya Kaddor las unter anderem aus ihrem neuen Buch „Die Sache mit der Bratwurst“.
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Autorin Lamya Kaddor las unter anderem aus ihrem neuen Buch „Die Sache mit der Bratwurst“.

Die Schirmherrin des künftigen Betty-Reis-Buchpreises warb nachdrücklich für eine vielfältige Gesellschaft.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Es gab viel zu Schmunzeln am Donnerstagabend in der Aula der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Lamya Kaddor, deutsche Buchautorin, Lehrerin und Islamwissenschaftlerin mit syrischen Wurzeln und muslimischem Glauben las aus ihrem Buch „Die Sache mit der Bratwurst“. Das Buch hat seinen Titel von einem von ihr als Kind gedankenlos verspeisten Grillwürstchen auf einem Kinderfest. „Ist nicht schlimm“ hatte ihre Mutter damals ihr schlechtes Gewissen beruhigt – so wie sie selbst jüngst ihre eigene Tochter, die ebenfalls im Eifer einer fröhlichen Feier das Verbot von Schweinefleisch nicht mit den Grill-Köstlichkeiten zusammengebracht hatte.

Eine banale Episode, in der sich Haltung und Größe der klugen, warmherzigen Frau ausdrückt, der Fanatismus und Engstirnigkeit völlig fremd sind.

Die Mitglieder der Betty-Reis-Gesellschaft und die Teilnehmer der Podiumsdiskussion (v.l.): Olaf Link, Daniela Tobias, Stefanie Leo (alle Betty-Reis-Gesellschaft), Autorin Lamya Kaddor, Elke Mosebach-Garbade (Schulleiterin und Betty-Reis-Gesellschaft), Schülerin Anna Voigt, Chrysa Eleftheriadi (Werte-Akademie), Nasser Firouzkhah (Integrations-Beirat) und Doris Schulz (Christlich-islamischer Gesprächskreis).

Lebhaft und mit augenzwinkerndem Humor nahm Lamya Kaddor in der voll besetzten „Scholle“-Aula mit in die Welt ihrer eigenen Kindheit, die für sie „völlig selbstverständlich“ eine kunterbunte Mischung aus arabischer und deutscher Kultur war. „Gespickt mit Sprachfetzen unserer türkischen oder aramäischen Nachbarn“, wie sie berichtete und dabei wieder die Haltung des ehemals neugierigen und unbedarften Kindes einnahm, die sie gerne auf „alle“ übertragen möchte.

„Bei sich selbst bleiben, aber andere so stehenlassen, wie sie sind“, ist das Leitmotiv für die 40-jährige Gründerin des liberal-islamischen Bundes, die als Religionslehrerin zum Beispiel gerne mit ihren Schülern das Grundgesetz mit dem Koran zusammenbrachte.

Betty-Reis-Gesellschaft setzt auf Toleranz und Vielfalt

Die Mutter zweier Kinder im Grundschulalter war einer Einladung der Betty-Reis-Gesellschaft gefolgt, einem erst vor einem Jahr gegründeten Verein, der eine Lanze für Toleranz, Demokratie, Vielfalt, Menschenwürde und Respekt in der Gesellschaft brechen möchte und dafür auf das Medium Buch setzt. Künftig wird einmal im Jahr von einer Jury ein Kinder- beziehungsweise Jugendbuch mit dem „Betty-Reis-Bücherpreis“ ausgezeichnet.

Lesen Sie auch: Verein erinnert an die Jüdin Betty Reis

Lamya Kaddor hat die Schirmherrschaft für diesen Preis übernommen. Vehement und nachdrücklich hielt sie am Donnerstag verkrusteter Intoleranz und Abschottung vor „Fremdem“ einen deutlichen Spiegel vor – und entlarvte die Unsicherheit im Umgang mit „anders“ aussehenden Kindern. So sei sie etwa als junge Schülerin mit syrischen Eltern in den muttersprachlichen Unterricht für türkische Kinder geschickt worden. „Man kam offenbar gar nicht auf die Idee, dass Syrien nicht zur Türkei gehört, und meine Herkunftssprache Arabisch ist“.

Bis heute begegnet sie immer wieder dem Erstaunen „Wie gut Sie Deutsch sprechen“ – und wünscht sich, dass die Völkervermischung als Bereicherung und nicht als Bedrohung wahrgenommen werde. „Deutsch ist, wer deutsche Eltern und Großeltern hat“ könne nicht mehr gelten, sondern „Deutsch ist, wer hier geboren und aufgewachsen ist und Kultur, Staatsform und Sprache in seiner Seele trägt“.

BETTY-REIS-GESELLSCHAFT

BUCHPREIS Die Betty-Reis-Gesellschaft strebt an, 2020 ihren ersten Kinderbuchpreis zu verleihen. Ausgezeichnet wird ein Autor oder eine Autorin, die durch Erzählung in literarisch qualitätsvoller Weise für Frieden, Freiheit und Toleranz eintreten. Derzeit laufen die Vorbereitungen in dem jungen Verein.

Im zweiten Teil des Abends diskutierte Kaddor mit in einer Runde, in der Tageblatt-Redakteurin Simone Theyßen-Speich durch das Thema „Identitätsfindung durch Bücher“ leitete. Neben Kaddor äußerten sich Scholle-Schülerin Anna Voigt, Integrationsbeirats-Vorsitzender Nasser Firouzkhah, Stefanie Leo vom Blog Bücherkinder.de und Mitglied der Betty-Reis-Gesellschaft, Doris Schulz vom christlich-islamischen Gesprächskreis und Chrysa Eleftheriadi von der Werte-Akademie Axion. Allgemeiner Tenor: Geschichten seien ein „Schatz“, weil in ihnen Wertvermittlung geschehe. Kritisch äußerte sich Schülerin Anna Voigt, die darauf hinwies, dass nur ein kleiner Teil der Jugendlichen Spaß am Lesen habe.

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