Betreuung

Für den Sommer fehlen in Solingen 900 Kita-Plätze

Die Arbeit in den Kitas war in den Corona-Jahren eine Mehrfachbelastung. Hier die DRK-Kita Krümelkiste nach dem Lockdown im Februar 2021.
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Die Arbeit in den Kitas war in den Corona-Jahren eine Mehrfachbelastung. Hier die DRK-Kita Krümelkiste nach dem Lockdown im Februar 2021.

Wegen fehlender Plätze sollen vor allem die älteren Kinder jetzt vorrangig bedacht werden. Die Gründe für die Überlastung in den Kitas sind vielfältig.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. „Trotz neuer Kitas fehlen für den Sommer 600 Plätze“, titelte das ST im Januar. Jetzt steht der Beginn des neuen Kindergartenjahres vor der Tür, und die Situation ist nicht besser – im Gegenteil. „Aktuell fehlen 900 Plätze für Kinder zwischen 0 und 6 Jahren“, räumt Christoph Steinebach ein. Er ist Abteilungsleiter des für die Platzverteilung zuständigen Familienbüros im Stadtdienst Jugend.

Ein Grund für den noch größeren Bedarf seien schlicht mehr Kinder. „Wir haben die Bevölkerungsprognose angepasst und rechnen jetzt mit 1550 statt 1500 Kindern pro Jahrgang.“ Bei sechs Jahrgängen zwischen 0 und 6 Jahren erkläre das die zusätzlichen 300 Kinder, die ohne Platz dastehen.

Trotz neuer Kitas fehlen in Solingen hunderte Plätze

Hinzu komme auch, dass Familien ihr Kind immer früher in die Kita geben möchten. „Unsere Quote von 42 Prozent Bedarf für Kinder unter drei Jahren (U3) haben wir ab dem Jahr 2025 auf 48 Prozent hochgesetzt. An diese neuen Variablen haben wir unsere Ausbauplanung jetzt angepasst“, erklärt Christoph Steinebach. Das alles erzeuge großen Druck auf die Stadtverwaltung, „die Not der Eltern, die ihre Kinder ab dem Sommer betreut wissen möchten, kann ich gut verstehen“.

„Wir wissen, dass viele Eltern nicht mehr ein, noch aus wissen.“

Rüdiger Mann, Stadtdienst Jugend

„Die Ausbauplanung läuft auf Hochtouren“, bestätigt auch die zuständige Jugenddezernentin Dagmar Becker (Grüne). Zwei Mitarbeiter des Stadtdienstes Jugend seien derzeit nur dafür abgestellt. „Aber wir finden keine Grundstücke“, so Becker. Auch die Frage nach Baukosten und Trägerschaft seien derzeit problematisch.

Und das größte Problem sei der Fachkräftemangel, so Christoph Steinebach. „Was nützt uns eine neue Kita, wenn wir keine Erzieherinnen und Erzieher haben.“ Das Personalproblem hält die Stadt auch davon ab, an bestehenden Kitas Notgruppen und Überbelegungen der Gruppen einzurichten. „Das ist den Mitarbeitern nach zweieinhalb Jahren Pandemie, die sie in den Kitas meist ohne Maske und Abstand durchstehen mussten, nicht mehr zuzumuten. Da gehen viele auf dem Zahnfleisch. Wir treffen auf ein Kita-System, das ausgelaugt ist.“

„Wir wissen, dass viele Eltern nicht mehr ein noch aus wissen, wir stehen mit vielen in persönlichem Kontakt“, skizziert auch Rüdiger Mann, Leiter des Stadtdienstes Jugend, die Situation. Als ein Ausweg soll die Tagespflege für jüngere Kinder noch ausgebaut werden. „Aber auch dort müssen wir noch neue Tageseltern finden und ausbilden“, so Mann.

Für den anstehenden Kita-Start im Sommer wird das wohl bedeuten, dass viele Familien ohne Platz dastehen werden. „Umso wichtiger ist es jetzt, dass die vorhandenen Plätze basiert auf feste Kriterien vergeben werden“, fordert Dagmar Becker. Bevorzugungen dürfe es auf keinen Fall geben.

900 fehlenden Plätze, das seien 50 bis 60 fehlende Gruppen und 14 neue Kitas, rechnet Christoph Steinebach vor. Bei mehr Tagespflegeplätzen reduziere sich diese Zahl natürlich. Zudem seien einige Kitas schon alt. „Auch da müssen wir schauen, ob und wie man die weiterentwickeln kann oder ob neu gebaut werden muss.“ Ende des Jahres oder Anfang 2023 geht die neue Elterninitiative in der Hofschaft Kuckesberg in Betrieb, weitere sollen folgen. Für 2024 rechnet die Stadt dann mit einer deutlichen Entspannung der Lage.

Welche Kita aber jetzt welches Kind von der Warteliste aufnimmt, sei letztendlich Trägersache. Das Jugendamt appelliert aber, Kindern über drei Jahre Vorrang vor U3-Kindern zu geben. „Vor dem Schuleintritt ist ein Kita-Besuch wichtig“, betont Steinebach. Bei der Gruppenstruktur soll der Anteil der Zweijährigen reduziert und ein Quereinstieg mit drei oder vier Jahren eingebaut werden. „Früher hatten Eltern ja Sorge, dass sie keinen Platz mehr bekommen, wenn sie das Kind nicht mit zwei Jahren in die Kita geben.“ Das gelte nicht mehr. Auch ukrainische Kinder würden nicht vorgezogen, so Steinebach. Aber trotzdem: „Wenn jetzt alle auf den Rechtsanspruch bestehen, kollabiert das System.“

Voll ist es auch an den Solinger Grundschulen. Bereits im April stand fest, dass die Zahl der i-Dötzchen in diesem Jahr auf Rekordhoch sein wird.

Kita-Plätze

Suche: Wer einen Platz für sein Kind sucht, soll eine E-Mail an das Familienbüro der Stadt schicken. Dort wird versucht, die vorhandenen Plätze nach einheitlichen Kriterien zu vergeben. kita-online@solingen.de

U3-Kinder: Eltern von jüngeren Kindern wird empfohlen, verstärkt nach einem Platz bei einer Tagesmutter Ausschau zu halten.

Kurzfristig: Die Stadt befürchtet, dass die Verteilung von letzten freien Plätzen sehr kurzfristig erfolgen wird, da die Kitas in den Sommerferien drei Wochen geschlossen sind.

Standpunkt von Simone Theyßen-Speich: Verfahrene Situation

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Es ist eine verfahrene Situation und schon jetzt ist klar, dass trotz aller Kraftanstrengungen am 1. August zum Beginn des Kindergartenjahres viele Familien ohne Platz dastehen werden. Die Kinderjahrgänge sind deutlich gewachsen, Träger sind nur schwer von der Übernahme neuer Einrichtungen zu überzeugen, Fachkräfte sind wie überall Mangelware und immer mehr Familien wünschen oder brauchen Betreuung auch schon für jüngere Kinder. Diese Erkenntnis alleine schafft noch keinen Platz.

Jetzt muss alles drangesetzt werden, so viele Plätze wie möglich noch zu schaffen und diese gerecht zu verteilen, damit zumindest die älteren Kinder versorgt sind. Ein Vorschulsystem, wie in anderen europäischen Ländern auch, würde verlässliche Plätze für alle Kinder garantieren – der Rechtsanspruch alleine vermag das offensichtlich ja nicht.

Auch in den Grundschulen wird es im Sommer voll. Aber dort sind zumindest alle Kinder untergebracht

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