Natürlich nachhaltig

So setzt die Bergische Uni Nachhaltigkeit um

Prof. Dr. Gertrud Lohaus präsentiert die Benjeshecke neben dem Gebäude W auf dem Campus Grifflenberg. Fotos: Alexandra Dulinski
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Prof. Dr. Gertrud Lohaus präsentiert die Benjeshecke neben dem Gebäude W auf dem Campus Grifflenberg.

Ökologische Hotspots, Ökostrom, E-Tankstellen und Forschung: Nachhaltigkeit spielt an der gesamten Uni eine große Rolle. Bei der Umsetzung gibt es allerdings viele Herausforderungen.

Von Alexandra Dulinski

Prof. Dr. Michael Volk ist Atmosphärenforscher. Mit seinem Team hat er ozonabbauende Substanzen in der Stratosphäre nachgewiesen.

Wuppertal. Links neben dem Ingenieursgebäude W auf dem Campus Grifflenberg der Bergischen Universität fällt der Blick auf eine Anhäufung von alten Ästen. Totholz wurde hier zu einer sogenannten Benjeshecke aufgeschichtet. „Die Low-Budget-Variante“, sagt Botanik-Professorin Prof. Dr. Gertrud Lohaus mit einem Augenzwinkern. Denn die Äste stammen von notwendigen Baumschnittarbeiten auf dem Campus – und kosten somit nichts. Gertrud Lohaus rettet die Überreste vor dem Häcksler und gibt ihnen stattdessen einen neuen Sinn. „Die Totholzhecke bietet Unterschlupf für Insekten und Pilze“, erklärt die Botanikern.

Die Benjeshecke ist nur ein Beispiel von vielen für einen „ökologischen Hotspot“ an der Universität. Zum 50. Jubiläum der Einrichtung stellt Gertrud Lohaus jeden Monat im Jubiläumsjahr einen weiteren Hotspot vor. So entstehe derzeit auf dem Übergang zwischen Mensa Richtung Innenstadt eine Streuobstwiese mit Kirschen, Birnen, Äpfeln und Pflaumen. Für den Sommer sind Nisthilfen an verschiedenen Standorten auf dem Campus geplant. So soll der Campus nach und nach naturnäher gestaltet werden.
Hier gibt es Tipps zum nachhaltigen Gärtnern

„Wir wollen Wissen in die Öffentlichkeit tragen.“

Prof. Dr. Dr. Lambert T. Koch, Uni-Rektor

Allein auf dem „Flügelhügel“ – der bei den Studenten beliebte Hügel neben dem Verwaltungsgebäude B, der gerne von den Studenten zum Entspannen genutzt wird – finden sich 70 verschiedene Pflanzenarten, erklärt Gertrud Lohaus. „Dass eine Universität artenreiches Grünland hat, ist eine Seltenheit“, erkärt sie. Gerade diese Fläche des Flügelhügels berge Konfliktpotenzial. Zum einen sei sie potenzielle Baufläche, zum anderen wollen sich die Studenten dort im Sommer sonnen oder im Winter Schlitten fahren. Demgegenüber stehe der Artenschutz im Bergischen.

Uni hat eine Vorbildfunktion für die Studenten

Ganz besonders wichtig ist der Botanikerin die Dachbegrünung auf dem Mensa-Gebäude. Im Gegensatz zu Beton speichern Pflanzen nur wenig Wärme. „Wasser verdunstet aus dem Substrat. Das setzt die Temperatur herab und die Luftfeuchtigkeit hoch“, erklärt Gertrud Lohaus. Für das Mensa-Dach wurden Sukkulenten ausgewählt, für die der im Sommer heiße und trockene Standort kein Problem darstellt. Auch für andere Dächer der Universität ist eine Dachbegrünung geplant.

Inwieweit die sich aber realisieren lässt, ist aber noch unklar. Denn die Gebäude gehören der Universität nicht. „Wir sind Mieter beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb“, erklärt Uni-Rektor Prof. Dr. Dr. Lambert T. Koch. Entscheiden kann die Universität in Fragen der Dachbegrünung deshalb nicht.

Natürlich nachhaltig

Dennoch sieht Koch die Uni in einer Vorbildfunktion. „Universitäten haben mit Zukunft zu tun. Sie erforschen Zukunft in allen möglichen Bereichen. Wir wissen heute, dass nachhaltiges Handeln in Zukunft immer wichtiger sein wird“, erklärt er. Deswegen nutze die Universität Ökostrom, setze bereits seit 2018 auf zertifiziertes recyceltes Papier und nutzt Photovoltaikanlagen am Campus Freudenberg. Der Strom für die Abendbeleuchtung, die die Uni über Wuppertal erstrahlen lässt, wird mithilfe zweier Solarpaneele auf dem Flügelhügel gewonnen. Am Freudenberg gibt es zudem E-Tankstellen für Elektrofahrzeuge, die Lüftungsanlage werde intelligent gesteuert, sagt Koch.
Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Nachhaltigkeit ist in vielen Studiengängen Thema

Die Universität setze aber nicht nur auf Nachhaltigkeit im laufenden Betrieb. Sie ist auch zentrales Thema in der Forschung. So gibt es einen eigenen Masterstudiengang „Sustainability Management“, der stark gefragt ist – es gebe mehr Bewerber als Studienplätze, erklärt Lambert T. Koch.

Noch nicht lange gibt es an der Bergische Universität eine eigene Radverkehrsprofessur – die BUW ist eine der ersten mit solch einer Stelle, betont Koch. Wuppertal und Radverkehr scheinen für viele Menschen zunächst ein Widerspruch zu sein. „In einer Stadt, die nicht für das Radfahren prädestiniert zu sein scheint, wie kann da trotzdem Radverkehr funktionieren?“, fragt Koch. Das sei eine spannende Frage.
Selbstversuch: Eine Woche ohne Auto und stattdessen mit dem Rad.

Auch innerhalb der Studiengänge wird am Thema Nachhaltigkeit geforscht. Eine Forschergruppe der Ingenieurwissenschaften untersuche Stromnetze und die effiziente Verteilung von Strom. Bei den Bauingenieuren spielt ökologisches Bauen eine große Rolle. „Wie nehmen wir die Menschen dabei mit, sich ökologisch zu verhalten?“ sei eine Frage der Soziologie. So fließe das Thema auch in der Lehramtsausbildung ein. Denn zukünftige Lehrer müssten ihre Schüler für Nachhaltigkeit sensibilisieren können, sagt Lambert T. Koch.

So kommt das Thema Nachhaltigkeit an die Studierenden

„Neben Lehre und Forschung ist aber auch der Transfer wichtig. Wir wollen Wissen in die Öffentlichkeit tragen“, ergänzt der Rektor. Der Wettbewerb „Solar Decathlon“, der im Juni stattfinden soll, verwandelt das Areal rund um den Mirker Bahnhof in Wuppertal in einen internationalen Campus. 18 Studierendenteams beschäftigen sich mit der Frage, wie Bestandsgebäude ökologisch saniert werden können. Die Menschen seien eingeladen, sich die lebensgroßen Modelle anzuschauen und Anregungen für die eigenen Wohnhäuser mitzunehmen. „Es ist in unseren Städten sehr spannend zu fragen, wie wir ganz normale Häuser ökologisch sanieren können“, sagt Koch.

„Wenn diese Entwicklung weitergeht, könnte sich die Erholung der Ozonschicht auf Jahre verzögern.“

Prof. Dr. Michael Volk, Atmosphärenforscher

Ein Punkt beim Klimawandel sei besonders wichtig. Koch: „Wir müssen öffentlich belegen, zeigen, dass der Klimawandel nicht erfunden ist. Das sind keine Fake News.“

Uni Wuppertal: Physiker erforschen den Klimawandel in der Atmosphäre

Nicht nur im Lokalen unterstützt die Universität dabei Projekte. Ihren Blick richten die Forscher auch auf den gesamten Globus. Eine Forschungsgruppe der Atmosphärenphysik untersucht den Ozonabbau in der Stratosphäre. Dazu haben die Forscher ein Instrument entwickelt, mit dem Messungen auf dem Forschungsflugzeug „Halo“ in etwa 15 Kilometern Höhe stattfinden – ein Flugzeug, das von verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen gemeinsam genutzt wird.

Über dem Nordatlantik haben die Forscher nun zwei chlorierte Substanzen nachgewiesen – Dichlormethan und Chloroform –, die Ozon abbauen können, erklärt Atmosphärenforscher Prof. Dr. Michael Volk. „Wir haben die Wege von ihren Quellen nachvollzogen und gesehen, dass sie hauptsächlich aus dem asiatischen Raum stammen“, erklärt Volk. Dort würden sie auch produziert. „Durch den asiatischen Monsun werden sie in die Stratosphäre hochtransportiert und verteilen sich dort“, ergänzt er. Wie ein Fahrstuhl schnellen so die Substanzen in die Höhe.

In den vergangenen 20 Jahren sei immer mehr von diesen Stoffen in China produziert worden. Die Folge: „Wenn diese Entwicklung weitergeht, könnte sich die vorhergesehene Erholung der Ozonschicht auf Jahre oder Jahrzehnte verzögern“, weiß der Forscher.

Das sagt der Asta zur Nachhaltigkeit der Uni

Dem Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) gehen die Bemühungen der Unileitung jedoch nicht weit genug. Sie fordern unter anderem hochwertigen Ökostrom, die Anlage von Geld bei nachhaltigen Banken und ein Nachhaltigkeitsbüro. „Nachhaltigkeit ist hier nicht institutionell verankert. Es gibt keine Nachhaltigkeitsstrategie“, kritisiert Dennis Halbach, Nachhaltigkeitsreferent des Asta. Außerdem müsste die Digitalisierung weiter vorangetrieben werden, da zu viel Papier unnötigerweise ausgedruckt werde. Dieser Punkt könne ohne großen Aufwand umgesetzt werden. Aber auch mehr Solaranlagen auf den Dächern wären möglich, wenn sich die Verantwortlichen zusammensetzen würden, sagt Dennis Halbach.

Hintergrund

Weitere Projekte und Einrichtungen der Universität zum Thema Nachhaltigkeit:

FreshBrains: Das Vorhaben hat die Verbesserung der Radverkehrsplanung in deutschen Kommunen zum Ziel.

UrbanUp: Die Forschungsgruppe untersucht, wie Strategien des Teilens und der Teilhabe Transformationsprozesse in Richtung nachhaltiger Entwicklung befördern können.

Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit (TransZent): TransZent ist ein Interdisziplinäres Zentrum der Universität. Es fördert den Austausch zwischen Sozial- und Wirtschafts-, Natur- und Technikwissenschaften.

Serie

Alle Texte der Serie „Natürlich nachhaltig“ lesen Sie hier: www.solinger-tageblatt.de/nachhaltig

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