Frauen in der Ausbildung

Der IT-Bereich ist häufig noch eine Männerdomäne

Ann-Katrin Pauls (l.) und Celine Saatmann (M.) haben ihre Lehre zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung jüngst erfolgreich abgeschlossen. Sie und Ausbildungsverantwortliche Daniela Wortmann ermutigen andere junge Frauen, IT-Berufe nicht zu scheuen. Foto: Michael Schütz
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Ann-Katrin Pauls (l.) und Celine Saatmann (M.) haben ihre Lehre zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung jüngst erfolgreich abgeschlossen. Sie und Ausbildungsverantwortliche Daniela Wortmann ermutigen andere junge Frauen, IT-Berufe nicht zu scheuen.

Nur zehn Prozent der Auszubildenden sind weiblich. Das sind die Gründe.

Von Manuel Böhnke

Bergisches Land. Vor einigen Jahren war Daniela Wortmann die erste weibliche IT-Auszubildende bei der Timeline Business Solutions Group. Inzwischen ist die 40-Jährige eine von drei Ausbildungsverantwortlichen des Anbieters für ERP-Lösungen. Das Solinger Unternehmen verfolgt ein klares Ziel: Mindestens eine Stelle pro Ausbildungsjahrgang soll weiblich besetzt werden. Mit Ann-Katrin Pauls (26) und Celine Saatmann (23) haben Anfang 2022 gleich zwei Frauen ihre Lehre zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung abgeschlossen. Beide berichten von einem deutlichen Männerüberschuss in ihrem Jahrgang.

Diversität im Team ist ein Zugewinn.

Daniela Wortmann, Gebauer GmbH

Diesen Eindruck bestätigen Zahlen der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK). Demnach absolvieren im Städtedreieck derzeit mehr als 350 junge Menschen eine Ausbildung in den IT-Berufen. Davon seien 10,5 Prozent weiblich. Ein Vergleich der zurückliegenden drei Jahre zeige eine leicht steigende Tendenz. „Das ist sehr erfreulich“, betont Carmen Bartl-Zorn. Sie ist die für Aus- und Weiterbildung zuständige Geschäftsführerin der Bergischen IHK.

Auch Daniela Wortmann bewertet den steigenden Anteil von Frauen in der Branche positiv: „Diversität im Team ist ein Zugewinn.“ Vor allem in der Projektarbeit sei festzustellen, dass Frauen und Männer bestimmte Probleme unterschiedlich angehen. Diesen Faktor dürfte man nicht unterschätzen. Insbesondere die Leitung von ERP-Projekten bestehe zu 90 Prozent aus Psychologie. „Wir sind ein Softwarehersteller, aber arbeiten mit Menschen“, betont Wortmann. „Wenn die Systeme funktionieren, muss man die Beschäftigten dazu bringen, sie zu nutzen“, beschreibt Ann-Katrin Pauls.

Darum arbeiten in der IT-Branche weniger Frauen als Männer

Dass die IT-Landschaft noch immer eine Männerdomäne ist, führen Wortmann, Pauls und Saatmann vor allem auf die geschlechterspezifische Außenwirkung zurück. Es ist eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: Weil das Berufsbild vor allem mit Männern assoziiert werde, wählen weniger Frauen diesen Weg. „Die Dozenten und Mitschüler sind überwiegend männlich, damit muss man zurechtkommen“, erklärt Celine Saatmann.

Ganz ähnlich ist Carmen Bartl-Zorns Einschätzung. „Das könnte zum einen mit dem Rollenbild zusammenhängen, dass Frauen meinen, dass IT-Berufe eher nicht für sie geeignet wären, weil zu technisch beziehungsweise mathelastig“, sucht sie nach Erklärungen für den Männer-Überschuss. Bei Aktionen wie dem „Girls Day“ soll das Interesse von Mädchen und jungen Frauen für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) geweckt werden.

Bartl-Zorn weist außerdem auf die Rolle des sozialen Umfelds hin. „Vielfach raten Eltern, Verwandte und Freunde Mädchen von einer IT-Ausbildung und dem Einstieg in die IT-Branche ab“, berichtet sie. Grund dafür seien Klischees. Deshalb sei es einerseits notwendig, Mädchen für IT-Jobs zu begeistern. Andererseits müsse man „die Vorurteile bei den Eltern, die wichtige Berater bei der Berufswahl ihrer Kinder sind, ausräumen“.

Ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern bleibt auch in Solingen ein Problem.

Es kann auch den umgekehrten Effekt geben, wie das Beispiel Celine Saatmann zeigt. Ihr Vater, ein Elektriker, weckte das technische Interesse der 23-Jährigen. Nach einer schulischen Ausbildung zur Informationstechnischen Assistentin nahm sie zunächst ein Elektrotechnik-Studium auf, ehe sie sich für eine Ausbildung entschied. Ann-Katrin Pauls hat zunächst eine Lehre zur Kauffrau für Büromanagement absolviert. Dabei fehlte ihr der Kundenkontakt, sie orientierte sich um. „Als Kind saß ich neben meinem Vater, als er Computer zusammengebaut hat. Das hat mich sofort interessiert“, erzählt die 26-Jährige. Wie Benedikt Knapp – der dritte Timeline-Azubi des Jahrgangs – geht sie derzeit auf die Zielgerade ihres dualen Wirtschaftsinformatik-Studiums.

Pauls und Saatmann haben ihre Ausbildung mit Bestnoten abgeschlossen. Sie ermutigen auch andere Schulabgängerinnen, sich mit einer Ausbildung im IT-Bereich auseinanderzusetzen – die wichtigste Voraussetzung sei logisches Verständnis, in die Aufgaben und Prozesse wachse man rein.

Die Nachwuchskräfte bleiben der Firma erhalten. „Wir entwickeln uns weiter, indem wir für den eigenen Bedarf ausbilden“, betont Daniela Wortmann. Über alle Standorte hinweg zählt das Unternehmen rund 150 Angestellte, 70 arbeiten am Solinger Hauptsitz. Knapp 70 Prozent hat der Betrieb eigens ausgebildet.

www.timeline-erp.de

Vernetzung hilft, mehr Frauen in Führung zu bringen

Berufe

2020 wurde der Ausbildungsberuf Fachinformatiker neu geordnet. Seitdem ist es möglich, zwischen vier Fachrichtungen zu wählen: Daten- und Prozessanalyse, Digitale Vernetzung, Anwendungsentwicklung und Systemintegration. Nichtsdestotrotz gibt es gemeinsame Inhalte, die über alle Fachrichtungen hinweg auf dem Lehrplan stehen.

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