Prozess

„Babysitter“ fuhr mit Luxusautos vor

Rechtsanwalt Christian Lange (r.) verteidigt den Angeklagten aus Wermelskirchen.
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Rechtsanwalt Christian Lange (r.) verteidigt den Angeklagten aus Wermelskirchen.

Missbrauch Wermelskirchen: Angeklagter verging sich wohl an schwerstbehindertem Jungen aus Solingen.

Von Kristin Dowe

Wer den 45-jährigen IT-Spezialisten auf der Anklagebank sitzen sieht, kann sich gut vorstellen, wie leicht es ihm fiel, das Vertrauen vieler argloser Eltern als Babysitter zu gewinnen: Adrett frisiert, knitterfreies Oberhemd, dezente Brille gelegentlich ein schüchternes Lächeln im Gespräch mit seinen Verteidigern auf den Lippen. Gestern wurde der Prozess am Landgericht Köln gegen die Schlüsselfigur des Wermelskirchener Tatkomplexes rund um schwersten sexuellen Missbrauch von Kindern – darunter Säuglinge und Kleinkinder – sowie Vergewaltigung und Herstellung kinderpornografischen Materials fortgesetzt. Insgesamt sind 124 Einzeltaten angeklagt. In zwei Fällen sind Solinger Familien betroffen.

Am gestrigen Verhandlungstag kam als Zeugin die Solinger Mutter eines zum Tatzeitpunkt zwölfjährigen Sohnes zu Wort, der es sichtlich schwer fiel, das Geschehene in Worte zu fassen. Besonders perfide: Der heutige junge Mann ist schwerstbehindert, kann etwa nicht ohne fremde Hilfe essen und trinken, ist auf den Rollstuhl angewiesen und ist auch nicht in der Lage, sich zu artikulieren. Über einen Zeitraum von zwei Jahren soll der Angeklagte den Jungen schwer missbraucht haben – insgesamt 22 Fälle stehen in Bezug auf ihn in Rede.

„Nett, freundlich und aufgeschlossen“ – diese Eigenschaften fallen der 46-jährigen Zeugin als erstes in Erinnerung an den Angeklagten ein. Über ein Internetportal habe sie den Wermelskirchener 2010 kennengelernt, als sie einen Babysitter für ihren Sohn suchte. Und der Beschuldigte, so wird in der Verhandlung deutlich, legte sich ordentlich ins Zeug, damit die Wahl des Paares für den Job auf ihn fällt. Unaufgefordert legte er sein Führungszeugnis vor, schickte nach dem ersten Telefonat noch am selben Tag eine Mail hinterher, um die Eltern des Jungen endgültig zu überzeugen. „Das klingt nach jemandem, der sehr scharf darauf ist, den Job zu bekommen“, hielt der Vorsitzende Richter Christoph Kaufmann treffend fest.

Weil der Beschuldigte aber seine Motivation schlüssig begründen konnte, schöpfte die Solingerin auch keinen Verdacht, dass er als gut situierter Computerspezialist einen Nebenjob als Babysitter annahm. Und sie wurde nicht stutzig, dass er für einen Stundenlohn von 7,50 Euro regelmäßig die Fahrt von Wermelskirchen nach Solingen auf sich nahm – und dabei stets mit wechselnden hochpreisigen Nobelkarossen vorfuhr. „Man schaut den Menschen ja nur vor den Kopf“, sagt die Mutter heute rückblickend. Damals habe der Angeklagte mit seiner Erfahrung als Babysitter und dem Argument gepunktet, dass er einfach gerne mit Kindern umgeht – auch weil seine Frau und er keine eigenen hätten.

„Es gibt extreme Zweifel an der Aufklärungshilfe.“

Marc Françoise, Anwalt der Nebenklage

„Der Angeklagte verstand es, sich blendend zu verkaufen“, ordnet der Solinger Rechtsanwalt Marc Françoise die Aussage seiner Mandantin gegenüber dem ST ein. Er vertritt für sie die Nebenklage und nimmt dem Beschuldigten seine Reuebekundungen nicht ganz ab. „Es gibt für mich extreme Zweifel an der Aufklärungshilfe des Angeklagten.“

Die hatte der 45-Jährige nämlich zu Prozessbeginn versprochen – man werde vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden kooperieren, hieß es auch aus dem Verteidigerteam. Dass es dem Angeklagten mit dieser Zusage ernst ist, ließ er aus Sicht von Marc Françoise und anderer Nebenklage-Vertreter gestern allerdings nicht erkennen. „Ich finde das Verhalten der Verteidigung ärgerlich, wir sind hier nicht im Babysitter-Vorgespräch“, kritisierte ein weiterer Anwalt der Nebenklage das Verhalten. Ungehalten zeigte sich auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. „Ich werde langsam echt sauer. Wann immer etwas Neues rauskommt, denke ich mir: 'Dazu hätte er auch vorher mal was sagen können'.“

Denn während es bei den umfangreichen Missbrauchstaten wohl nicht viel Raum für Interpretation gibt, die der Wermelskirchener zum großen Teil gefilmt und das Videomaterial akribisch archiviert haben soll, könnte er auch jetzt noch andere Täter schützen, so der Verdacht der Staatsanwaltschaft. Unter anderem stand er in einem Chat in Kontakt mit einem pädophilen Sexualstraftäter aus Berlin, der im Mai 2022 zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Auch er bot im Internet seine Dienste als Babysitter an.

So zielten die Fragen des Vorsitzenden an die Zeugin wohl auf die Vermutung ab, dass der Angeklagte den behinderten Jungen gemeinsam mit seinem Berliner Komplizen in Solingen missbraucht haben könnte. Die Frage nach potenziellen Mittätern ist für die weiteren Ermittlungen wesentlich. In dem gesamten Tatkomplex wird in 84 Verfahren gegen 85 Beschuldigte ermittelt.

Hintergrund

Festnahme: Der Zugriff auf den Angeklagten erfolgte im Dezember 2021, als ihn Beamte eines Sondereinsatzkommandos in seinem Haus in Tente überwältigten. Sie überraschten ihn mitten in einer beruflichen Videokonferenz am offenen Rechner, um die enormen Datenmengen sichern zu können.

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