Glaube

Austritte: Kirchen verlieren 900 Mitglieder

Immer weniger Gläubige zieht in die Kirchen wie etwa St. Joseph in Ohligs.
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Immer weniger Gläubige zieht in die Kirchen wie etwa St. Joseph in Ohligs.

Katholiken und Protestanten wollen auf den Mitgliederschwund mit neuen Angeboten reagieren.

Von Andreas Tews

Solingen. So viele Mitglieder wie nie zuvor haben den beiden großen Kirchen im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt. Dieser bundesweite Trend schlug sich auch in den Solinger Zahlen nieder. Der Evangelische Kirchenkreis und das katholische Stadtdekanat berichten auf Anfrage von insgesamt fast 900 Austritten – 477 bei den Protestanten und 415 bei den Katholiken. Dies wirkt sich über die wegfallenden Kirchensteuer-Einnahmen nicht nur auf die Finanzen aus. Auch bei der seelsorgerischen Arbeit wollen die beiden großen Kirchen einiges verändern.

Der Mitgliederschwund hält bei den Kirchen bereits seit Jahren an, seit Jahren steigt die Zahl der Austritte. In der Katholischen Kirche stieg die Zahl von 2018 bis 2019 von 339 auf 415, bei der Evangelischen von 385 auf 477. Dabei machen die Austritte nach Angaben des katholischen Stadtdechanten, Michael Mohr, nur etwa ein Fünftel des Rückgangs aus. Der größte Teil sei durch die große Differenz zwischen Sterbefällen und Taufen demografisch bedingt. Dies hat zur Folge, dass Ende des vergangenen Jahres nur noch jeder zweite Solinger Mitglied in einer der beiden großen Kirchen war. Etwa 42 700 Mitglieder zählte die Evangelische und 39 700 die Katholische Kirche.

„Wir passen nicht die Inhalte an, sondern die Formen.“
Thomas Förster, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises

Die Abgänge führt Pfarrer Thomas Förster, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Solingen, in erster Linie auf drei „Mega-Themen“ zurück, auf die man vor Ort kaum einen positiven Einfluss nehmen könne. Viel Vertrauen sei durch bundesweit bekannt gewordene Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche verlorengegangen. Außerdem sei es in der Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich, dass jeder Mitglied in einer Kirche sei. Da falle es den Menschen leichter, sich von der Kirche zu trennen. Bei den Protestanten werde die Entwicklung durch den theologischen Ansatz verstärkt, dass die Gnade Gottes nicht von der Mitgliedschaft in der Kirche abhänge.

Vor Ort gebe es nur kleine „Stellschrauben“, um die Menschen stärker an die Kirche zu binden, erklärt Förster. Laut Mohr hängt dabei Vieles von dem Handeln der Verantwortlichen und der Mitglieder in den Gemeinden ab. Mohr: „Es hat viel mit persönlicher Begegnung zu tun. Mit Strukturen begeistert man die Menschen nicht.“ Der Stadtdechant ist davon überzeugt, dass Menschen, die für den glauben „glühen“, auch andere neugierig machen können. In Glaubenskursen sollen Gläubige zum Beispiel durch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben in die Lage versetzt werden, anderen die damit für sie verbundene Hoffnung zu vermitteln. Entscheidend sei, wie es gelinge, das Interesse der Menschen an Glaubensfragen zu wecken, erklärt Mohr.

Auch aus Förster Sicht ist es wichtig, die Bindung der Menschen zur Kirche zu festigen. Mehrere evangelische Gemeinden bemühen sich zum Beispiel verstärkt darum, Ehrenamtliche in die Gestaltung des Gemeindelebens stärker einzubinden. „Wir arbeiten seit längerer Zeit daran“, erklärt Förster. „Das Gemeindeleben ist viel bunter geworden.“ Er betont aber, dass es in der kirchlichen Gemeinschaft immer um Glaubensfragen gehen müsse. Förster: „Wir passen nicht die Inhalte an, sondern die Formen, wie wir sie vermitteln.“

Dazu brauche es „Laboratorien“, in denen neue Arten des Gemeindelebens erprobt würden. Zwei solche Projekte fördert die Evangelische Landeskirche in Widdert und Aufderhöhe mit insgesamt 135 000 Euro. Dort gestalten Ehrenamtliche aktiv Gottesdienste und das Gemeindeleben. Förster: „Gottesdienste ziehen mehr Menschen an, wenn sie von Teams gestaltet werden.“

Für wichtig hält er es aber auch, nicht die Gemeindemitglieder zu verprellen, für die traditionelle Gottesdienste ein Stück Heimat seien. Beide Formate müsse es geben – wenn auch nicht parallel in allen Gemeinden. Das Ziel des Kirchenkreises sei, dass die Gemeinden hier stärker zusammenarbeiten.

Hintergrund

Evangelische Kirche: Von 2005 bis 2030, so eine 15 Jahre alte Prognose, verliert die Kirche ein Drittel der Mitglieder und die Hälfte der Einnahmen. Die Landeskirche fordert deshalb, Pfarrerstellen abzubauen.

Katholische Kirche: In Solingen wurden in den vergangenen Jahren die Pfarrgemeinden fusioniert. Laut Stadtdechant Mohr geschah dies vor allem, weil es nicht mehr genügend Ehrenamtliche für die Gremien gibt.

Standpunkt

andreas.tews@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Andreas Tews

Für viele Menschen steht die Institution Kirche für sperrige Inhalte, verstaubte Strukturen und den mangelnden Willen, sich zu verändern. Diese Punkte sind zwar nicht immer von der Hand zu weisen. Es gibt aber auch viele Beispiele für modernes Gemeindeleben und attraktive Formate, den Glauben zu vermitteln. Und genau darum muss es gehen. Die Kirchen müssen die Menschen wieder besser erreichen, ohne dabei inhaltlich in Beliebigkeit zu verfallen. Sie haben nicht nur einen sozialen Auftrag. Vor allem muss es ihnen darum gehen, den Glauben und die damit verbundenen Werte zu vermitteln. 

Dazu gehören Nächstenliebe Hoffnung, Gerechtigkeit und Toleranz – also Werte, die auch für unser Gemeinwesen von entscheidender Bedeutung sind. Gelingt es den Kirchen, die Menschen wieder stärker an sich zu binden, kann sich dies also im besten Fall auch stabilisierend auf unsere freiheitliche Grundordnung auswirken. Dazu braucht es Offenheit – bei der Institution Kirche für Veränderungen und bei vielen Menschen dafür, sich noch einmal neu auf eine modernisierte Kirche einzulassen.

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