Kunstmuseum

Ausstellung feiert 75 Jahre Freiheit der Kunst

75 Jahre Internationale Bergische Kunstausstellung bedeutet auch: Künstlerinnen und Künstler aus der Region sind immer wieder vertreten. In diesem Jahr wurde Fynn Ribbeck von der Jury ausgesucht. Der gebürtige Remscheider näht seine amorphen Skulpturen. Foto: Michael Schütz
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75 Jahre Internationale Bergische Kunstausstellung bedeutet auch: Künstlerinnen und Künstler aus der Region sind immer wieder vertreten. In diesem Jahr wurde Fynn Ribbeck von der Jury ausgesucht. Der gebürtige Remscheider näht seine amorphen Skulpturen.

Der Ansatz der 1. Bergischen Kunstausstellung 1946 findet sich auch 2021 wieder – aber mit ganz anderen Stilmitteln

Von Philipp Müller

Solingen. Vor 75 Jahren war Kunst wie die des Preisträgers der 75. Bergischen Kunstausstellung, Pascal Sender, undenkbar, weil technisch nicht möglich. Senders Bilder sind im Hochformat wie ein Smartphone gehalten und werden mit einem Handy zu weiterem Leben erweckt, wenn man den Instagram-QR-Code scannt. Das hat internationales Niveau. Sender wurde schon in London ausgestellt, bald in Berlin in der weltweit renommierten Galerie für zeitgenössische Kunst von Johann König.

Und doch gebe es Parallelen zwischen 1946 und 2021, betont die Direktorin des Kunstmuseums, Gisela Elbracht-Iglhaut. Da ist das Stichwort Freiheit an erster Stelle. 1946 waren es vor allem Solinger Künstler, die von den Nazis verboten waren oder sich während der Zeit zwischen 1933 und 1945 in eine innere Emigration begeben hatten, die Raum für die Kunst schaffen wollten. Die Idee der „Bergischen“ war geboren.

„Die Künstler der aktuellen Bergischen arbeiten völlig frei.“

Gisela Elbracht-Iglhaut, Direktorin

„Es ging ihnen darum, Kunst in Freiheit und Frieden ohne Fesseln der Zensur zu zeigen“, erklärt die Direktorin. Protagonist der ersten Stunde war Ernst Walsken, selbst Verfolgter des Regimes. Ihn würdigte gerade im Museum ein Film (siehe Artikel unten).

Der Gedanke der Freiheit und des Friedens sei im Grunde heute der gleiche Ansatz. „Die Künstler der aktuellen Bergischen können völlig frei arbeiten. Es gibt keine Themen-Vorgaben“, sagt Elbracht-Iglhaut. Noch eine Parallele zu früher gibt es: So international sich die Schau der zeitgenössischen jungen Kunst auch aufstellt, so regional ist sie zugleich. Künstlerinnen und Künstler aus Wuppertal, Solingen und Remscheid bewerben sich, und die Fachjury nimmt sie an.

Aktuell ist Fynn Ribbeck aus Remscheid mit seinen Arbeiten zu sehen. Er näht seine Skulpturen, die leicht lichtdurchlässig sind. Oder sie hängen wie simpel bestickte Handtücher an der Wand, um dann doch die Kunst des einfachen, reduzierten Motivs zu verdeutlichen. Das ist sehr durchdachte, konzeptionelle Kunst und findet sich so oft in der Ausstellung zum 75-Jährigen.

Und es gibt weitere Parallelen, die sich auf der Seite des Materials abspielen, das sich in 75 Jahren nicht wirklich in der Tiefe geändert hat. Ganz stark sind die Arbeiten von Josephine Garbe. Mit Ton hat sie tiefbraune, erdige Abdrücke von Händen aus ihrem Freundeskreis gemacht. Die Unterarme sind extrem lang, lehnen an der Wand des Museums. „Carry me away“ ist der Titel. Sich wegtragen lassen, das hätte sich auch gerne Sebastian Fritsch. Der Fotograf hat in der Coronazeit zu Tusche gegriffen und gezeichnet. Zugleich entdeckte er Ton und Brennofen für sich. Herausgekommen ist mit „Plötzliche Stille“ ein Ensemble an Arbeiten, das gesellschaftspoltisch die Isolation anklagt, in dem es wirre Gedanken als Strichwelten zeigt und zur Miniatur verkleinerte beengte Räume präsentiert.

Natürlich hat sich die Kunst in 75 Jahren gewandelt. So gleich die Materialwahl manchmal ist, so unterschiedlich ist heute die Umsetzung der Ideen. Philipp Naujoks tunkt Leinwand in foto-chemische Flüssigkeiten, die mit Laserstrahlen beleuchtet werden – und abstrakte Welten entstehen. Felix Breidenbach entführt in einer Video-Installation nach New York zu monotonen Punk-Klängen, dem Herzschlag des „Big Apple“. Aufgenommen wurde das während des Lockdowns. Der Kontrast sind die leeren Straßen im Takt der Stadt, die niemals schläft.

Was sich in Sachen moderner Kunst seit 75 Jahren nicht geändert habe, sei die Einstellung dazu, sagt Elbracht-Iglhaut: „Man muss sich auf die Kunst einlassen. Die Zeiten von Daumen rauf oder runter sind vorbei.“ Das vermittle sie auch bei den Führungen den vielen Schulklassen und Gruppen, die die 75. Bergische wieder aufsuchen – so wie auch zahlreiche Besucher aus ganz Deutland und sogar Europa.

75. „Bergische“

Die 75. Ausgabe der Bergischen Kunstausstellung endet am Sonntag, 31. Oktober, Führungen durch die Ausstellung gibt es immer sonntags um 11.15 und um 14 Uhr. Im Museumsshop gibt es einen Katalog zu kaufen.

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