Mein Blick auf die Woche

Aus der Geschichte von Kain und Abel nichts gelernt 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Der Egoismus wurzelt tief in uns. Er führt zu Konflikten und lähmt uns als Gesellschaft. Das fängt an Orten wie der Korkenziehertrasse an und endet oft vor unseren Gerichten. Dabei werden gerade in Hinblick auf die Energiekrise und den Corona-Herbst Zusammenhalt und Solidarität gefragt sein, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Solingen. Die Doppel-Seite zur Verkehrssituation auf der Korkenziehertrasse hat unserer Redaktion von vielen Seiten Lob eingebracht. Dabei war der Anlass für die Recherche eigentlich ein trauriger. Immer wieder beschweren sich Leser über unerträgliche Situationen auf der vielgenutzten Route. In der Vergangenheit gab es sogar handgreifliche Auseinandersetzungen und Beleidigungsklagen, weil ein Emotions-Topf übergekocht war. So entstand die Idee, das Thema einmal aus allen drei Perspektiven zu beleuchten: als Fußgänger, Radler und Autofahrer. Denn eins haben alle Beschwerden gemeinsam - Schuld trägt jeweils immer der andere. Der Radfahrer, der klingelt oder nicht klingelt. Der Fußgänger, der zur Seite geht oder stoisch in der Mitte bleibt. Das Auto, das zu schnell oder zu dicht am Zweirad vorbeizischt. 

Eigentlich hätte es diese Doppelseite gar nicht gebraucht. Denn die einfache Quintessenz lautet: Würde jeder den anderen in seiner Situation respektieren und wir aufeinander Rücksicht nehmen, gäbe es keinen Streit. Ende der Geschichte. Wenn aber jeder denkt, nur er wäre im Recht, wird aus jedem Klacks ein Kampf.  

Die Lösung klingt einfach, ist leider aber schwierig. Sie bedingt eine Verhaltensänderung, die in den seltensten Fällen erfolgreich gelingt. Der Egoismus, das Gefühl, sich wehren zu müssen, um nicht in Nachteil zu geraten, wurzelt tief in uns, wie das Beispiel von Kain und Abel lehrt. Rasende Eifersucht führte zum ersten Brudermord in der Geschichte. 

Das Mantra, dass an alle gedacht ist, wenn jeder an sich denkt, führt nicht nur zu immer mehr Konflikten. Es lähmt uns auch als Gesellschaft. Das Beispiel der Müngstener Brücke, deren Eröffnung vor 125 Jahren wir gerade feiern, macht das mehr als deutlich. Der stählerne Koloss wurde seinerzeit in nur drei Jahren Bauzeit in das tiefe Tal der Wupper gehämmert. Heute würden wir in drei Jahren nicht mal einen Gerichtstermin bekommen, um über die erste dagegen eingereichte Klage zu entscheiden. 

Jeder sieht sich eben ausschließlich in seiner Situation, niemand denkt an die Mehrheit und das große Ganze. Und unser Rechtssystem unterstützt diesen individualistischen Ansatz leider nur allzu oft. Um nicht missverstanden zu werden: Demokratie und die Gewaltenteilung mit einem scharfen Schwert von Justitia sind die größten Errungenschaften der Menschheit seit Kain und Abel. Aber die Schattenseite ist eine gefühlt zunehmende Lähmung bei allen notwendigen Veränderungen. 

Die schlechte Nachricht: Mut zu Veränderung und Solidarität werden wir in den kommenden Monaten und Jahren im Übermaß brauchen. Die Herausforderungen, die uns die nicht enden wollende Serie von existenziellen Krisen aufzwingt, werden sich ohne genau diese Eigenschaften nicht bewältigen lassen.  

Die gute Nachricht: Die jüngste Erfahrung lehrt uns, dass diese verschüttet geglaubten Wesenszüge wieder auftauchen, wenn die Not am größten ist. Wir denken nur an die unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft, die die Jahrtausendflut vor einem Jahr ausgelöst hat. Dieses Mitdenken, Mitfühlen und entschlossenes Handeln werden uns helfen, die Krisen zu bestehen, die uns im Herbst mit sinkenden Gasmengen und steigenden Inzidenzen ins kühle Haus stehen werden. 

Noch einmal nach Müngsten: Die Forschungen des Aachener Uni-Professors Dr.-Ing. Martin Trautz über den Bau der Kaiser-Wilhelm-Brücke böten Stoff für eine mehrteilige Krimiserie - und führen ebenfalls zu Kain und Abel zurück. Brennender Ehrgeiz, verletzter Stolz und Sorge vor der Entdeckung eines schmachvollen Fehlers führten nach seinen Erkenntnissen dazu, dass der eigentlich für den Bau verantwortliche Ingenieur quasi aus den Annalen der Geschichte getilgt worden ist. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit von Anton von Rieppel selbst, der seitdem als der ruhmreiche Erbauer des nationalen Prestigeprojektes gefeiert wird. Das ST hat die atemberaubende Rekonstruktion der damaligen Ereignisse ausführlich dokumentiert.

Nun lässt sich Geschichte nicht ändern - was geschehen ist, ist geschehen. Aber man kann sehr wohl einen Menschen würdigen, dem das Bergische Land dieses Welterbe würdige Bauwerk verdankt: Bernhard Rudolf Bilfinger, der im Alter von 68 Jahren kurz nach der Eröffnung der Brücke vor 125 Jahren starb. Es wäre ein Akt der Gerechtigkeit und nebenbei spannender Lesestoff, ihm beispielsweise eine Infostele unter der Brücke zu widmen. Und damit einen vergessenen, aber sehr bedeutenden Stahlbrücken-Ingenieur des 19. Jahrhunderts zu rehabilitieren. 

Unsere Themen in dieser Woche 

Am Samstag startet Solingens erster Christopher-Street-Day im Südpark - Staatsministerin Claudia Roth schickte den Solingern ein Grußwort für ihren “Klingenpride”. 

Ungewöhnliches Habitat für die “Katze”: Daniela Katzenberger hospitierte auf dem Bauernhof von Peter Bachhausen in Gräfrath. 

Gaskrise: Solinger Experten raten von Schnellschüssen bei der Umstellung von Heizungsanlagen ab. 

Corona und kein Ende: Solingen steht bei der landesweiten Inzidenzquote auf dem vierten Platz

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