Mein Blick auf die Woche in Solingen

Attraktives Solingen: Es kommt wie immer auf die Menschen an 

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Mutige Entscheidungen für Neues zu treffen liegt den Bergischen Meckerköppen nicht. Immer mit sich selbst im Unreinen ist das Spiel im Mittelfeld eben am Einfachsten. Aber vielleicht ist Mittelmaß gar keine Schande, sondern sehr sympathisch, fragt sich Chefredakteur Stefan M. Kob und bietet ein paar Beispiele, was Auswärtige an Solingen zu schätzen wissen.

Solingen. Einmal die Hände hoch: Wer meint tatsächlich, dass Solingen in den nächsten Jahren eine 5000-Besucher-Arena für 50 Millionen Euro baut? Vermutlich sind das jetzt nicht allzu viele, egal, ob man den Plan nun gut findet oder nicht. Immerhin rechnen aber genug Arena-Gegner mit einer reellen Chance, sonst hätte die Bürgerinitiative, die am Weyersberg sogar eine ergebnisoffene Prüfung verhindern will und schon mit Bürgerbegehren droht, keinen Zulauf.

Warum die meisten Solinger nicht daran glauben, liegt einerseits daran, dass wir in den nächsten Jahren wohl ganz andere Sorgen haben als ein teures Prestigeprojekt – falls nämlich die Heizungen und Duschen im Winter kalt bleiben und die Energiepreise ins Unermessliche steigen. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” - der Satz, der passenderweise einem Russen, Michail Gorbatschow, zugeschrieben wird, trifft das Solinger Dilemma.

Zum anderen liegt es an dem notorischen bergischen Minderwertigkeitskomplex, der in der Vergangenheit schon so manche mutige Entscheidung blockiert hat - und uns im grauen Mittelfeld zementiert, aus dem es offenbar kein Entrinnen gibt. Daher wird man die Arena-Diskussion in der Landeshauptstadt mit großem Interesse verfolgen. Dort werden einem Verein wie dem BHC gleich mehrere rote Teppiche ausgerollt, weil ein erfolgreicher Handball-Bundesligist noch im Portfolio der selbsternannten „Sportstadt Düsseldorf“ fehlt. Stirbt der Arenaplan, wird es mittelfristig keinen bergischen Spitzenhandball mehr geben - das ist eher eine Gewissheit als eine Gefahr. 

Vielleicht ist Mittelmaß ja aber gar keine Schande, sondern sehr sympathisch? Zumindest stößt der Solinger, mit sich selbst am liebsten im Unreinen, immer wieder auf Auswärtige, die unserer Stadt und der Region ganz schöne Seiten abgewinnen können - die der Einheimische gar nicht sieht. 

Da ist die Geschichte des Musikproduzenten Peter Schnell, der eine CD mit 14 neu arrangierten Heimatliedern komponierte und damit dem Bergischen Land ein musikalisches Denkmal setzte. Schnell stammt aus dem Ruhrpott und hat sich in die Region verguckt. Ein Hiesiger wäre zu der Extraportion Kitsch, die jedem Heimatstolz innewohnt, vermutlich gar nicht fähig. 

Da ist vor allem die Geschichte von Allen Lai aus Taiwan, der als 16-jähriger Austauschschüler in die Klingenstadt kam und sich keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen kann, als 13 Jahre später hier seine taiwanesische Braut zu heiraten. Auch wenn es in Wahrheit nicht nur die schönen Seiten der Stadt waren, die vom asiatischen Archipel in die Dorper Kirche führten. Sondern die Menschen hier. Sind es eigentlich nicht immer die Menschen, die den Wert einer Region ausmachen? Auch - oder gerade - wenn diese im ersten Moment ebenso schwer zugänglich sind wie die verborgenen Schönheiten der Klingenstadt? Die das Herz am rechten Fleck haben? Die verlässlich, ehrlich, fleißig sind? Die Traditionen hochhalten, statt neumodischem Schnickschnack hinterherzulaufen? Die sogar bunten Christopher Street Day, hier Klingenpride genannt, können – aber leider keine Theatertreppe und erst recht keine Eventarena.  

Und - ebenfalls leider - manchmal zu wenig weitsichtig sind. Wie in der Frage von Ausbildung und Fachkräftemangel. Seit vielen Jahren warnen Wirtschaftsverbände kassandraartig und gebetsmühlenhaft vor dem demografisch bedingten Mangel. Und nun ist sie - plötzlich - da, die vorhergesagte Katastrophe. Es gibt zu wenig junge Leute, die sich für eine duale Ausbildung interessieren, und folgerichtig zu wenig Fachkräfte, die man ja in der Vergangenheit hätte ausbilden können - und müssen. Die Personalfrage wird immer mehr zur existenziellen Bedrohung der Zukunft der Unternehmen - noch vor steigenden Energiepreisen oder gerissenen Lieferketten. Ein Mangel, der sich ad hoc nicht beheben lässt. Daran wird auch die verzweifelte Aktion der Stadt nichts ändern, Fachkräfte aus dem Umland nach Solingen locken zu wollen. Dafür ist nämlich das beschriebene graue Mittelmaß hinderlich. Diese Zusammenhänge hat IHK-Präsident Henner Pasch im ST-Interview ziemlich gut beschrieben. 

Unsere weiteren Themen in dieser Woche

Vor der befürchteten Coronawelle im Herbst gibt es ungewöhnlich viele Atemwegsinfekte bei Kindern. 

Wird es doch noch einmal etwas mit Car-Sharing-Angeboten in Solingen? Es gibt zumindest einen neuen Anlauf. 

Nicht nur IHK und Uni sind betroffen: die Zahl Cyberangriffe im Bergischen steigt dramatisch. Auf was man jetzt achten muss. 

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