Anstieg um 40 Prozent

Zahl der Bedürftigen in Solingen wächst ständig

Barbara Müller ist eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen bei der Solinger Tafel.
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Barbara Müller ist eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen bei der Solinger Tafel.

Solinger Tafel, Sozialkaufhaus und Kleiderkammern haben auch Flüchtlinge aus der Ukraine im Blick.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Die Schlange ist lang, als nachmittags pünktlich um 15.15 Uhr die Solinger Tafel an der Ernst-Woltmann-Straße öffnet. Viele Menschen stehen hier, die froh darüber sind, kostenlos Lebensmittel zu erhalten – weil sie sonst nicht wüssten, wie sie und ihre Familien im Monat über die Runden kommen sollen.

„Es ist ja alles wahnsinnig teuer geworden“, erzählt eine alleinerziehende Mutter, die mit dem Hartz-IV-Satz auskommen muss. Schon früher sei es finanziell knapp gewesen, jetzt komme sie jede Woche zur Tafel und sei „froh und dankbar“ für das Angebot.

Im Moment seien es etwa 110 Familien, die pro Tag zur Tafel kommen, um dort Lebensmittel abzuholen, erzählt Mitarbeiterin Barbara Müller. „Wegen der Ferien sind es derzeit etwas weniger als sonst.“ Insgesamt sei die Zahl der Bedürftigen aber in den vergangenen Wochen und Monaten immens gestiegen – um etwa 40 Prozent. 1650 Familien sind bei der Tafel registriert, viele davon mit fünf und mehr Personen.

Supermärkte spenden weniger Lebensmittel

„Mehrere hundert Neuzugänge haben wir auch aus den Reihen der ukrainischen Flüchtlinge“, so Müller. In den ersten Wochen nach Kriegsausbruch hätten viele sich mit ihrem Reisepass ausgewiesen, „nach und nach sind aber immer mehr ukrainische Familien hier registriert und kommen mit dem Solingen-Pass zu uns“, erzählt die Tafel-Mitarbeiterin. Der Solingen-Pass ist das Zugangsdokument zu der kostenlosen Lebensmittel-Ausgabe.

Sorge bereitet dem Tafel-Team nicht nur die wachsende Zahl der Bedürftigen. Auf der anderen Seite reduziere sich auch die Menge der von den Supermärkten gespendeten Lebensmittel. „Die Firmen kalkulieren mittlerweile bewusster, das ist ja auch richtig. Es bedeutet aber für uns, dass weniger übrig bleibt“, so Müller.

Tomaten, Gurken, Paprika – Gemüse, das immer sehr gefragt ist, ist derzeit beispielsweise knapp. Auch bei Kühlware wie Fleisch, Käse, Wurst und Joghurt sei das Angebot deutlich zurückgegangen. „Wir erklären den Menschen, dass nicht immer alles vorrätig ist, aber wir sind ja auch kein Vollversorger.“ Die allermeisten Kunden hätten Verständnis für die Situation. „Manche kommen aber auch mit einem Einkaufszettel zu uns, als wären wir ein Supermarkt.“ Ein Zettel am Eingang zur Tafel erklärt in mehreren Sprachen, was die Tafel ist und wo die Lebensmittel herkommen.

Das Tafel-Team ist auch dringend auf der Suche nach neuen Ehrenamtlern – als Fahrer, um die Lebensmittel abzuholen ebenso wie für die Sortierung der Waren und die Ausgabe. „Viele unserer Ehrenamtler sind Rentner, und altersbedingt gibt es immer wieder Ausfälle“, so Müller. Die Arbeit sei teilweise auch körperlich anstrengend, „eine Kiste Äpfel wiegt schnell mal 20 Kilo“. Deshalb würde sie sich freuen, wenn sich engagierte und zuverlässige neue Helfer finden würden.

Solingen: Im Sozialkaufhaus erhalten Bedürftige Rabatt

Auf gleichbleibend hohem Niveau ist die Nachfrage im Sozialkaufhaus SoKa an der Schlagbaumer Straße. „Vor allen Dingen die Zahl der ukrainischen Flüchtlinge, die bei uns kaufen, hat deutlich zugenommen“, erklärt Soka-Leiter Sören Jakobs. Um ihnen den Neustart zu erleichtern, erhalten sie 30 Prozent Rabatt, Menschen mit Solingen-Pass erhalten 20 Prozent Rabatt. „Grundsätzlich kann ja jeder bei uns kaufen“, erklärt Jakobs das Konzept. „Es kommen auch vermehrt Familien, bei denen das Geld etwa durch Kurzarbeit knapp ist, oder Studenten, die sich ihre erste Wohnung einrichten.“

Am meisten gekauft werden Textilien, das habe deutlich zugenommen. „Viele Anfragen gibt es auch nach Küchenmöbeln und Küchengeräten“, so der SoKa-Leiter. „Kühlschränke, Herde und Waschmaschinen nehmen wir gerne noch mehr an, auch ganze Küchen könnten wir zwei oder drei pro Woche mehr verkaufen“, hofft er weiterhin auf gut erhaltene Spenden.

Politik sucht wirksame Mittel gegen die wachsende Armut

Auch die Kleiderkammern erleben seit Wochen, dass viele Geflüchtete aus der Ukraine mit nicht viel mehr als dem, was sie am Körper trugen, gekommen waren. „Die, die bleiben, brauchen jetzt beispielsweise auch Kleidung für den Sommer“, so Alexandra Rahm von der Kleiderkammer der evangelischen Kirchengemeinde Wald. „Die Zahl der Ukrainer hat deutlich zugenommen“, sieht sie ansonsten einen gleichbleibend hohen Bedarf an Unterstützung. Anfangs habe man die Kleidung an die Flüchtlinge kostenlos abgegeben. „Jetzt erbitten wir von allen, die sich bei uns eindecken, eine kleine Spende.“ Die Ferienzeit wird in Wald genutzt, um neue Spenden zu sortieren, ab dem 18. Juli ist die Kleiderkammer dann wieder geöffnet. 

Hilfesangebote

Solinger Tafel: Bedienzeiten nach Ausweisnummer gestaffelt.
tafel-solingen.de

Sozialkaufhaus: Schlagbaumer Straße 12, montags bis freitags 9.30 bis 18 Uhr, samstags 9.30 bis 16 Uhr.

Kleiderkammer Wald: Walder Kirchplatz 5,montags und donnerstags 14 bis 15.30 Uhr, mittwochs 9.30 bis 11.30 Uhr.

Standpunkt von Simone Theyßen-Speich: Thema hat zwei Seiten

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Es ist eine verzwickte Situation. Auf der einen Seite ist es natürlich gut und richtig, dass Produzenten und Supermärkte angesichts knapper und teurer Lebensmittel sowie wegen der Lieferengpässe ganz genau kalkulieren. Alles, was nicht verkauft werden kann, schlägt sich letztendlich auf die Preise für die Verbraucher nieder, die derzeit ohnehin durch die Decke schießen. Und auch viele Verbraucher werden derzeit mit Blick ins eigene Portemonnaie sparsamer.

Kleidung und Möbel werden offensichtlich länger genutzt, das spart Ressourcen, ist nachhaltig und vernünftig. Deshalb wird es aber auf der anderen Seite dort knapp, wo Organisationen auf Spenden angewiesen sind, um diese ihrerseits an Bedürftige weiterzugeben. Günstige Möbel und Küchen könnte das Sozialkaufhaus derzeit gleich mehrfach abgeben.

Deshalb ist es wichtig, dass das, was übrig ist und gespendet werden kann, auch an den richtigen Stellen landet – und nicht auf dem Müll.

Lesen Sie auch: Konferenz möchte Armut in Solingen bekämpfen

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