Die Arbeit von zu Hause aus birgt Chancen und Probleme

Der Düsseldorfer Betriebswirtschaftler Stefan Süß hat zum Homeoffice-Nutzen geforscht. Foto: HHU Düsseldorf
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Der Düsseldorfer Betriebswirtschaftler Stefan Süß hat zum Homeoffice-Nutzen geforscht. Foto: HHU Düsseldorf

Viele Solinger sitzen derzeit im Homeoffice – an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf forscht Professor Stefan Süß zu dem Thema

Das Interview führte Olaf Kupfer

Herr Professor Süß, Deutschland sitzt im Homeoffice, Arbeitsminister Heil will ein Recht auf Homeoffice installieren, viele Firmen halten das schon lange durch. Ist Homeoffice in Wahrheit problemlos möglich?

Stefan Süß: In unserer aktuellen Studie zur Homeoffice-Nutzung während der Corona-Pandemie haben wir festgestellt, dass Homeoffice durchaus Probleme mit sich bringen kann. Diese reichen von der oft nicht optimalen technischen und räumlichen Ausstattung im Homeoffice über gefühlte soziale Isolation bis hin zu verstärkten Konflikten, die Beschäftigte verspüren, wenn es darum geht, Arbeit und Privatleben gleichzeitig wahrzunehmen. Relativierend muss man aber sagen, dass es sich aktuell um eine Sondersituation handelt. Viele Beschäftigte sind von jetzt auf gleich, ohne große Vorbereitung ins Homeoffice gewechselt. Auch die Situation, dass Homeoffice mit Homeschooling oder sonstiger Kinderbetreuung zusammen fällt, ist nicht typisch. Allerdings kann man auch für die Zeit nach Corona daraus lernen, dass effektives Homeoffice mit zeitgleicher Betreuung von kleinen Kindern in den seltensten Fällen funktionieren wird.

Was ist für Sie die erstaunlichste Erkenntnis Ihrer Homeoffice-Studie?

Süß: Erstaunlich war die Einschätzung der eigenen Produktivität. Die Befragten sagen, dass sie zu Hause im Durchschnitt nur 90 Prozent ihrer Produktivität aus dem Büro erreichen. Ich glaube, dass dieser Wert sogar etwas übertrieben positiv ist, denn wer gibt schon gerne zu, dass er weniger produktiv ist? Die Umstände, die ich oben beschrieben habe, legen aber nahe, dass die Produktivität noch mehr leidet. Lediglich Führungskräfte geben an, dass sie im Homeoffice produktiver als im Büro sind. Das könnte daran liegen, dass für Führungskräfte zeitintensive Treffen oder andere Formen der Kommunikation, die im Büro ihren Alltag prägen, weitestgehend entfallen. Oder Führungskräfte tun sich noch schwerer damit, Produktivitätsrückgänge zuzugeben.

Was macht Homeoffice mit den Mitarbeitern?

Süß: Das kann man nicht generell sagen. Ohne parallele Betreuungspflichten wird oft sogar mehr und konzentrierter als im Büro gearbeitet. Insofern ist es ein Mythos, dass Arbeitnehmer im Homeoffice die geringere Kontrolle ausnutzen und nicht oder weniger intensiv arbeiten würden. Vielfach wird Leistung ja heute nicht mehr in Stunden, sondern an dem absolvierten Aufgabenpensum gemessen. Ob Homeoffice die Motivation positiv oder negativ beeinflusst, hängt nicht zuletzt davon ab, was das Individuum bevorzugt: Möchte man Arbeit und Privatleben strikt trennen, ist Homeoffice nicht positiv – im Gegenteil führt es dann zu Stress. Will man es hingegen stärker vereinen, kann Homeoffice ein echter Motivationsschub sein.

Wie verändert sich das Anspruchsdenken der Arbeitgeber, wenn Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten? Welche Rolle spielen Kontrolle und Vertrauen?

Süß: Ich denke, dass das Vertrauen zunehmen muss in dem Maße, in dem die Kontrollmöglichkeiten abnehmen. Allerdings haben wir in vielen Jobs ja ohnehin eine Vertrauensarbeitszeit, die Zeit der Stechuhr ist vorbei. Es kommt darauf an, dass man das Pensum schafft und oft spielt es gar nicht so eine große Rolle, wann und wo man genau arbeitet. Kontrolliert wird am Ende das Arbeitsergebnis, nicht der Prozess.

Wann macht Homeoffice aus Ihrer Sicht Sinn? Wie muss das gewinnbringend für alle organisiert sein?

Süß: Homeoffice kann sinnvoll sein, wenn man sich zu Hause besser konzentrieren oder zeitintensive Wege zur Arbeit sparen kann. Das geht natürlich nur, wenn die Aufgaben es nicht erfordern, vor Ort im Unternehmen in Interaktion mit anderen Personen zu treten. Allerdings bedarf es bestimmter Rahmenbedingungen, zum Beispiel eines gut eingerichteten Arbeitsplatzes im Homeoffice. Zudem würde ich immer bestimmte Kernzeiten empfehlen, in denen sich Mitarbeiter im Büro tatsächlich begegnen, denn das fördert den wichtigen informellen Informationsaustausch zwischen Mitarbeitern und gibt der Arbeitswoche eine wichtige Struktur. Eine Arbeitsorganisation, die dauerhaft auf jeden persönlichen Kontakt verzichtet, ist für mich schwer vorstellbar.

Empfinden Arbeitnehmer die nichträumliche Trennung von Arbeit und Privatem als Belastung oder Gewinn?

Süß: Es gibt beides. Neben der individuellen Präferenz spielt es sicher eine Rolle, wie das Homeoffice organisiert ist. Bin ich nur im Homeoffice oder zum Beispiel zwei, drei Mal pro Woche im Büro? Fühle ich mich im Homeoffice gut integriert und informiert, oder empfinde ich eine soziale Isolation, von der wir wissen, dass sie belastend ist? Gibt es andere Gründe, die das Homeoffice zu einem Gewinn machen, der Verzicht auf Stau oder den vollen Zug?

Was geht Arbeitgebern verloren, wenn Ihre Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten?

Süß: Es geht ein Stück Spontanität in der Kommunikation verloren sowie die Möglichkeit zur informellen Interaktion mit den Kolleginnen und Kollegen. Das kurze Gespräch beim Kaffee oder auf dem Gang ist für die Atmosphäre und Kultur im Unternehmen nicht zu unterschätzen und in seiner Spontanität digital nicht einfach zu ersetzen.

Gibt es Branchen, die besonders geeignet sind für Homeoffice?

Süß: Generell sagt man, dass etwa 40 Prozent aller Tätigkeiten für das Homeoffice geeignet sind – im Grunde alles, was wissensbasierte Tätigkeiten ausmacht, die Ver- und Bearbeitung von Informationen sowie administrative Tätigkeiten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Handel, im Handwerk oder in der Pflege können nicht oder nur sehr begrenzt im Homeoffice arbeiten. Das gilt bislang auch für den Bildungsbereich. Auch wenn sich aktuell zeigt, dass Schulunterricht oder Vorlesungen digital und damit von zu Hause aus möglich sind, ist die Frage, ob das dauerhaft wünschenswert ist. Aber ganz klar: Es gibt ein erhebliches Potenzial an Tätigkeiten, die im Homeoffice möglich sind.

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